Widerstand gegen das KKW Wyhl Der Anfang vom Ende

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Vor 40 Jahren wurde im südbadischen Wyhl der Bauplatz für ein geplantes Kernkraftwerk besetzt. Welche Auswirkungen hatte der Protest?

Am  23. Februar 1976  stürmen die Atomkraftgegner den Bauplatz. Foto: dpa
Am 23. Februar 1976 stürmen die Atomkraftgegner den Bauplatz. Foto: dpa

Wyhl - In den Findling sind drei alemannische Worte eingemeißelt: „Nai hämmer gsait.“ Ins Hochdeutsche übersetzt heißt das „Nein haben wir gesagt“. Der Granitstein steht am Rheinufer, dort, wo die nach Westen führende Rheinstraße auf der sogenannten Nato-Rampe im Wasser endet. Vor 40 Jahren sorgte diese Stelle auf der Gemarkung der heute 3500 Einwohner zählenden Gemeinde Wyhl im Landkreis Emmendingen für viele Schlagzeilen.

Am 17. Februar 1975 fangen Bauarbeiter an, den Rheinauenwald nahe der Rampe zu roden, um Platz für den Bau eines Kernkraftwerks zu schaffen. Am Tag darauf besetzen Winzer, Bauersfrauen, Arbeiter vom Kaiserstuhl und Studenten aus Freiburg das Gelände, stellen sich auf die Baumaschinen und stoppen die Motorsägen. Der Platz wird am 20. Februar 1975 von der Polizei mit Wasserwerfern geräumt. Die Bilder von jungen Polizisten, die ehrwürdige Winzerinnen wegschleppen, die ihre Mütter sein könnten, gehen um die Welt.

So etwas kannte man in Südbaden nicht, der Kaiserstuhl war bis dahin eine sichere Bank der regierenden CDU. Dass ihr Landesvater Hans Filbinger dermaßen die Polizei auf sie losgehen lassen würde, hätten die Bürger nicht geglaubt. Es gab zwar in Wyhl bei einer Abstimmung eine Mehrheit für den Bau des Atommeilers, aber Wyhl ist nicht der Kaiserstuhl. Dort haben die Winzer und Obstbauern Angst – zunächst vor dem Nebel der Kühltürme, dann vor drohender Radioaktivität. Mit Traktoren fahren sie zu Demonstrationen und reichen bei Parlamenten Petitionen ein.

Wut und Frust

Die Staatsmacht zeigt Stärke

Ohne das Kernkraftwerk würden in wenigen Jahren die Lichter ausgehen, fertigt Filbinger die beunruhigten Bürger ab. Sie sollten sich doch nicht von Kommunisten fernsteuern und aufhetzen lassen. Filbinger prügelt das Projekt des Baden-Werkes gegen den Widerstand seiner Stammwähler unerbittlich durch die Instanzen.

Die richtige Aussprache ist wichtig am Kaiserstuhl. Wer Wyhl „Wühl“ ausspricht, anstatt „Wiel“ zu sagen, erntet in der Region ein mitleidiges Lächeln. „Daran und an der Abkürzung erkannte man, wer einheimisch und auswärtig war“, erzählt Axel Mayer, gebürtig in Teningen, heute wohnhaft in Endingen. Nicht ein AKW, sondern ein KKW habe es zu verhindern gegolten. „Kein KKW!“ – so ist es in Schönschrift auf die Transparente gemalt worden.

Nachdem die Staatsmacht Stärke gezeigt und den Bauplatz mit Polizeigewalt geräumt hat, herrscht Wut und Frust. Die Kernkraftgegner stehen am Stacheldrahtzaun, der sie an die Berliner Mauer erinnert. Auf einer Versammlung ruft ein enttäuschter CDU-Wähler: „Dieser Partei empfehle ich, aus ihrem C einen Hammer und aus dem D eine Sichel zu machen!“