Widerstand gegen Förderung für New Fall Festival Die Büchse der Pandora

Von Bernd Haasis und  

Die zweite Auflage des New-Fall-Festivals hat Licht, aber auch Schatten geboten. Die Pläne, das Festival mit öffentlichen Geldern finanziell zu fördern, rufen Widerspruch hervor.

Michael Kiwanuka bei seinem Konzert in der Carl-Benz-Arena Foto: Christoph Schmidt/Lichtgut
Michael Kiwanuka bei seinem Konzert in der Carl-Benz-Arena Foto: Christoph Schmidt/Lichtgut

Stuttgart - Gemischt ist die Bilanz des New-Fall-Pop-Festivals, das von Mittwoch bis Sonntag in Stuttgart seine zweite Auflage erlebte. Künstlerisch konnte es, zumindest was prominente Namen betrifft, bei weitem nicht ans Vorjahr heranreichen. Auch die Publikumsresonanz fiel verhaltener aus: Beim Auftakt mit Glen Hansard war der Beethovensaal nur zu zwei Dritteln gefüllt, bei Die höchste Eisenbahn der Mozartsaal nur zur Hälfte, beim Doppelkonzert von Austra und den Tune-Yards in der Straßenbahnwelt fanden sich nur knapp 150 Besucher ein, und beim Abschluss mit Michael Kiwanuka blieb ein Drittel der Carl-Benz-Arena leer. Insgesamt kamen zu den zehn Konzerten an fünf Abenden laut Veranstalter 6500 Besucher, 2016 waren es 7000 an nur vier Abenden.

Das Konzept, auf ungewöhnliche Veranstaltungsorte zu setzen, hat sich also offenkundig noch nicht bewährt. Und es ist in diesem Jahr offenbar auch nicht gelungen, Künstler mit entsprechender Anziehungskraft fürs New Fall-Festival zu buchen.

New Fall soll 40 000 Euro pro Jahr bekommen

Auch daher verblüfft, dass nun die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat für die laufenden Doppelhaushaltsberatungen beantragt haben, das Festival in die institutionelle Förderung aufzunehmen und – vorerst für zwei Jahre – mit je 40 000 Euro zu subventionieren. Zum einen, weil sich herausgestellt hat, dass ein in Düsseldorf funktionierendes Konzept nicht einfach auf Stuttgart kopiert werden kann. Zum zweiten, weil eine solche Förderung ein kulturpolitisches Novum wäre. Und zum dritten, weil sich die Frage stellt, ob die Geschäfte großer privatwirtschaftlicher Konzertveranstalter überhaupt mit Steuergeldern unterstützt werden sollten.

Der Antrag ist in der ersten Haushaltslesung gebilligt worden und wird aller Voraussicht nach mit der abschließenden dritten Lesung am 15. Dezember beschlossen. Fraglos würde mit einer solchen Förderung die Büchse der Pandora geöffnet. Zudem sind 40 000 Euro viel Geld – angesichts der eher geringen Anzahl der Auftritte bei New Fall, aber auch angesichts der Summen, mit denen andere Kulturprojekte in Stuttgart gefördert werden. Für die Stuttgarter Musikclubkultur – alle Musiker in allen Clublocations und übers ganze Jahr hinweg – etwa stellt die Stadt Stuttgart nur 30 000 Euro zur Verfügung.

Unterschiede zwischen den Städten hat man ignoriert

Die ortsansässigen Popkonzertveranstalter, die hier teils seit Jahrzehnten ohne öffentliche Zuschüsse arbeiten, reagieren verschnupft. „Wir sind schon verblüfft, wie das unter dem Radar durch zwei Haushaltssitzungen durchprescht“, sagt Paul Woog, beim Stuttgarter Konzertveranstalter SKS Russ zuständig für die Popsparte. „Das ist eine massive Marktbeeinflussung, die mit der besonderen Qualität des Programms begründet wird, gar mit Gemeinnützigkeit. Aber wo soll die sein, wenn alle Künstler vor nicht langer Zeit für einen örtlichen Veranstalter gespielt haben oder spielen werden – ganz unsubventioniert?“ Als „Schlag ins Gesicht“ empfindet den Vorgang Matthias Mettmann, der für das Stuttgarter Label Chimperator das Wizemann bespielt. „Anstatt sich damit zu beschäftigen, was die eigene Stadt bietet und braucht, übernimmt man ein Modell aus Düsseldorf, das dort funktioniert, weil diese Konzerte dort sonst nicht stattfinden, sondern im benachbarten Köln.“ Und Mirjam Aichele vom Stuttgarter Veranstalter Music Circus ist überzeugt: „Wir könnten jede Woche so ein Festival machen.“

Andreas Winter, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat, verteidigt den Antrag. Das Konzept des Festivals sei aufgegangen, dass es ein Düsseldorfer Unternehmen ausrichte, sei nicht von Belang, man müsse „aus der Publikumssicht heraus“ denken. Und wenn die ortsansässigen Veranstalter eine Wettbewerbsverzerrung vermuteten, sei ihnen freigestellt, sich selbst zu bewerben – „Anträge von hiesigen Veranstaltern lagen aber nicht vor.“

Im Januar gibt es ein Gespräch mit den örtlichen Veranstaltern

Dies bestätigt Jürgen Sauer, der kulturpolitische Sprecher der CDU-Gemeinderatsfraktion. Die formaljuristische Voraussetzung für eine Förderung, dass ortsansässiger musikalischer Nachwuchs unterstützt wird, sei durch den Baden-Württemberg-Abend beim Festival gewährleistet. Und jene der Gemeinnützigkeit, beim New-Fall-Veranstalter, der Düsseldorfer SSC Music Group, offenbar durch die Gründung einer gemeinnützigen GmbH in Vorbereitung. „Natürlich kann man sagen“, so Sauer, „ dass die Aufnahme in die Förderung hier ziemlich rasch vonstatten ging – aber ich will ja niemanden bestrafen, wenn er sich in Stuttgart engagieren möchte“. Zugleich bekräftigt Sauer, dass er „kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch“ möchte. Im Januar würden daher die örtlichen Veranstalter zu einem Gespräch mit der Stuttgarter Kommunalpolitik eingeladen, bei dem Fördermöglichkeiten auch für sie ausgelotet werden sollen.

Hans-Peter Haag vom Music Circus sieht darin einen Paradigmenwechsel: „Die Popkultur war immer eine sehr demokratische, das Publikum hat entschieden. Nun möchte die Politik mitgestalten mit dem Geld der Steuerzahler. Für uns bedeutet das, dass wir uns nicht mehr nur nach dem Publikum richten können, sondern auch schauen, was wir wie anbieten müssen, um in den Genuss von Subventionen aus dem Rathaus zu kommen.“

Andere Städte haben salomonische Lösungen gefunden. Hamburg etwa entlastet alle Veranstalter antragsfrei von der obligatorischen Gema-Abgabe für die Aufführungsrechte, was ausgewogen ist, weil diese sich nach der Größe des Konzerts richtet.