Wärmepumpe oder Wärmenetz? Wie wir in Zukunft heizen, ist in der Gegenwart ein wichtiges Thema. Wir blicken in unsere persönliche Vergangenheit und erzählen Heizgeschichten von früher.
Bis zur hitzigen Debatte um das Heizungsgesetz dürften sich die wenigsten Menschen viele Gedanken übers Heizen gemacht haben. Was gibt es über Heizkörper – wenn sie warm werden – auch groß nachzudenken? Auch der Preis der Energieträger war bis zur Gaskrise, ausgelöst durch Putins Angriff auf die Ukraine, eher Nebensache. Das hat sich inzwischen geändert. Weil die Art, wie wir heizen, einen großen Einfluss aufs Klima hat, ist das Thema inzwischen allgegenwärtig.
Wir nehmen dies zum Anlass, zu erzählen, wie unsere Familien früher, als wir Kinder waren, die Wohnung warm bekommen haben. Spoiler: In manchen Fällen blieben Zimmer in Stuttgart und anderswo sogar kalt.
Karten spielen um Ofendienste
Wenn ich daran denke, wie wir in meiner Kindheit und Jugend geheizt haben, habe ich sofort das Kartenspiel Mau-Mau im Kopf. Warum, kommt gleich. Meine Familie hat in dem Haus im Kreis Reutlingen mit Holz geheizt, und ich spreche nicht von einem Komfort-Ofen, der heute bei vielen so begehrt ist als Zusatzheizung. Der Ofen, den ich meine, war unsere einzige Heizung, zumindest für die Stube. In unseren Schlafzimmern hatten wir rollbare Heizkörper, die an der Steckdose hingen.
Zu den Haushaltsdiensten von uns Kindern gehörten auch Pflichten rund um den Holzofen: Wir holten Holz aus dem Keller; wir zerrupften Gemüsekistchen aus Pressspahn zu Anfeuerholz, was am besten klappte, wenn man eine Weile darauf herumhüpfte. Nur am besten nicht mit Sandalen, denn das tat echt weh. Und wir wickelten Briketts in alte Fernsehzeitungen ein. Die Kohle-Rechtecke halfen, dass der Ofen morgens nicht ganz aus war.
Diese Dienste waren bei uns Kindern äußerst unbeliebt. Deshalb spielten meine vier Jahre jüngere Schwester und ich stets Karten darum, wer muss. Und zwar für jede Aufgabe einzeln. Diesen Aufwand kann sich meine Tochter, die mit Zentralheizung und Thermostatventilen aufwächst, überhaupt nicht vorstellen. Dafür spielt sie aber wesentlich weniger Karten als ich in ihrem Alter.
Judith A. Sägesser (45) heizt seit einigen Jahren mit Fernwärme, seither macht ihr die Heizung privat keine Arbeit mehr; mit den Heizungen der anderen befasst sie sich dafür berufsbedingt täglich
Elternbesuch mit Pudelmützen
Wie wichtig eine verlässlich funktionierende Heizung ist, weiß ich seit meinem ersten Semester – aus bitterer Erfahrung. Mein erstes Zimmer befand sich in einem charmanten Altbau in Göttingen, in dem nur Studierende lebten, die den Hausflur bunt angemalt hatten. Das Zimmer war schön geschnitten, mir gefiel besonders das große Rundbogenfenster. Dass die Scheibe nur einfach verglast war und es keine richtige Heizung gab, fiel mir bei der Besichtigung im Sommer gar nicht auf.
Dann wurde es Winter – und das Frieren begann. In unserer Dreier-WG befand sich nur ein einziger alter Ölofen – im Zimmer meiner Mitbewohnerin Julia. Im Winter heizte sie ihr Zimmer auf mindestens 30 Grad. Sie ließ die Tür offen, damit die Wärme möglichst weit ausstrahlte – auch in die Küche (im Flur) und ins kleine Duschbad mit dem großen Schimmelproblem. Meine zweite Mitbewohnerin (auch sie hieß Julia) wärmte sich mithilfe von Wärmflaschen.
Ich wiederum versuchte, mit jeder Menge Kerzen den Minusgraden beizukommen. Ich weiß noch, wie mich einmal meine Eltern besuchten und mit Pudelmützen auf dem Kopf unter meiner Bettdecke saßen. Sie waren fassungslos, wie man so wohnen kann. Nach zwei Wintern zog ich aus. Fünf Jahre später ging das Haus in Flammen auf. In der Zeitung stand, es lag an einer brennenden Kerze.
Viola Volland (49) wohnt in einer denkmalgeschützten Mietwohnung, noch mit alter Gasheizung, bekommt aber wahrscheinlich bald eine Etagen-Wärmepumpe
Geprägt vom Heizgeiz
Als Kind durfte ich oft mit, wenn mein Opa im Winter mit Bulldog und Spalter von Neidlingen (Kreis Esslingen) aus in den Wald auf der Alb fuhr, um Holz zu machen. Erinnerungen an dunkelgrün-duftende Nadelbäume kommen auf, das Rattern der Motorsäge, dann Stille, knirschender Schnee unter den Stiefeln – diese Luft!
Ich sammelte Reisig, stapelte Holzscheite. Wir brauchten die Spächel zum Schiera, wie es auf Schwäbisch heißt. Für den Holzofen in der Küche meiner Oma, auf dem immer ein Topf mit Wasser stand. Mit dem warmen Wasser spülte sie nach dem Mittagessen das Geschirr ab. Eine Spülmaschine gab es auch, die nutzte meine Oma aber nie, vermutlich weil sie sparen wollte.
Ein kleiner Sparfuchs konnte auch mein Vater ab und zu sein, wenn es um die Ölheizung in unserem eigenen Haus ging. Noch dazu hatte sich der Heizungsbauer verrechnet; ausgerechnet der Heizkörper in meinem Zimmer war zu klein, um es warm zu kriegen. Also lernte ich im Schlafsack fürs Abi. Oder setzte mich ins Wohnzimmer, wo ein Kachelofen wohlige Wärme ausstrahlte. Dem knisternden Feuer beim Brennen zuzusehen war ein Genuss.
Später, in meinen WGs in Leipzig und Stuttgart, verfolgte mich die Sache mit dem Heizgeiz weiter: Mehrere Mitbewohner sprachen sich dagegen aus, die Heizung anzuwerfen – also so generell. Einer von ihnen verbrachte den Winter stattdessen einfach in der muckeligen Wohnung seiner Freundin. Ein anderer wärmte sich alle zwei Tage stundenlang in der Badewanne auf; nebenbei sah er sich Filme an und kiffte. Doch das ist Vergangenheit. Denn inzwischen, endlich, bin ich es selbst: die Herrin der Heizung. Und ich gebe den Regler nicht her – nie mehr.
Lisa Kutteruf (34) wohnt in einer Stuttgarter Mietwohnung mit Gasheizung. Sie heizt so viel, dass sie diesen Text ganz ohne Schlafsack schreiben konnte.
Ofenklappe anfassen strengstens verboten
Ich weiß noch genau, wie sie aussahen: der Eimer, mit dem die Kohle und die Briketts aus dem Keller geholt wurden, und der Schürhaken. Diese Utensilien standen in meiner Kindheit bei uns im Flur der Waiblinger Mietwohnung, die direkt am Hochwachturm lag, vor dem Kohleofen. Das Öffnen von dessen Klappe war strengstens verboten, sehr zu meinem Leidwesen, da dahinter die Flammen so schön züngelten. Besonders mein vier Jahre jüngerer Bruder war von diesen geradezu magisch angezogen, was meiner Mutter regelmäßig den Schweiß auf die Stirn trieb.
Wir Kinder waren gerne zugegen, wenn meine Mutter mehrmals am Tag Kohle nachlegen musste – oder Briketts, die sie vor allem abends zuvor mit Zeitung umwickelte, damit die Glut bis zum nächsten Morgen anhielt. Den Trick hatte sie von meiner Großmutter, die mit Kohleöfen vertraut war.
Uns Kinder im Auge zu behalten und gleichzeitig den Ofen zu befüllen und die Asche zu entfernen, stresste meine Mutter. Oft stellte sie deshalb die Asche im Kohleeimer erst einmal in den Hausflur, um uns Kinder nicht allein lassen zu müssen. Das aber gab Ärger mit der Vermieterin. So schleppte meine Mutter regelmäßig Asche runter in den Keller – und Kohle und Briketts rauf. Ich sehe das Bild noch heute vor mir: Meine damals sehr junge, aber gebeugte Mutter mit dem Kohleeimer in der Hand.
Nach Urlauben war die Wohnung immer eiskalt. Aber ansonsten war die Wärme des Kohleofens sehr wohlig. Ich liebte es, meine Hände an den Kacheln im Wohnzimmer zu wärmen. Zum späteren Kinderzimmer hin gab es einen Schacht, ein weiteres Zimmer sowie die Küche mussten wir mit Radiatoren beheizen.
In der Wohnung, die wir danach beziehen sollten, gab es auch eine Kohleheizung. Meine Mutter weigerte sich einzuziehen, bis der Vermieter einlenkte und eine Gasheizung einbaute. Ich aber vermisse die Flammen noch immer.
Andrea Jenewein (50) wohnt in Stuttgart in einer Altbauwohnung mit Gasheizung – sie friert aber einfach immer.
Fernsehabend zwischen Wolldecken und Teppichen
69 Quadratmeter, drei Zimmer im Altbau, Erdgeschoss, ein Öl-Ofen im Wohnzimmer. Für eine Familie. Kurzum: Im Winter blieb das Kinderzimmer kalt. Und das Schlafzimmer. Der Flur. Die Küche sowieso. Das Bad? Gab’s nicht. Nur eine Badewanne unter der ausklappbaren Spüle. Klingt nach 19. Jahrhundert, nach Oliver Twist in Bad Cannstatt, war aber in den 80er Jahren mitten in Stuttgart keine Seltenheit. Die Wohnung war trotzdem schön, nur nicht im Winter.
Einmal im Jahr wurde der Heizöltank im Keller befüllt, 1000 Liter reichten für die Heizsaison, oft länger, denn man musste sparen. Immer. Das tägliche Befüllen des Ofens mittels Ölkanne war eine Kunst für sich, ging ein Tropfen daneben, stank die Wohnung den ganzen Tag lang nach Autowerkstatt. Und wenn der Ofen endlich mal losbollerte, war die Gründerzeitwohnung mit den zugigen Fenstern heiß und kalt zugleich.
Auf den Entfernungsradius um die Heizstelle kam es an. Am allerwärmsten war es unter der 3,20 Meter hohen Decke, zum Schwitzen stieg man auf die Leiter. Ansonsten versuchte man es sich in den niederen Sofalandschaften mit voluminösen Wollschichten gemütlich zu machen, mit monströsen Plaids, Pullovern – und Teppichen in mehreren Lagen, so langfaserig, dass Kleinsäuger sich darin verstecken konnten.
Und falls wir nicht über die vielen Fransen und Teppichränder stolperten, saßen wir allabendlich rund und bunt wie die Barbapapas vor dem Fernseher und hofften auf den Frühling. Heute ist die Auslegeware in Privatwohnungen hierzulande praktisch ausgestorben, man mag Holz und Estrich. Ich auch. Aber eine angenehm temperierte Wohnung? Ist für mich bis heute keine Selbstverständlichkeit.
Tomo Pavlovic (55) wohnt mittlerweile in einer Gründerzeitwohnung mit einem identischen Grundriss jener beschriebenen Wohnung aus seiner Kindheit. Bloß mit dem sehr erfreulichen Unterschied, dass es mehr als nur einen einzigen Heizkörper gibt.