Wie Calo Rapallo nach Schorndorf kam Der Italo-Schwabe liebt den Blues

Calo Rapallo (links) lässt es im Gasthaus Zum Engel in Bartenbach bei Göppingen mit dem Bassisten Frank Mühlberger ordentlich krachen. Foto: Georg Friedel

Im Rems-Murr-Kreis leben viele Eingewanderte. Einige brachten im Gepäck ihre Instrumente mit. Der Gitarrist Calo Rapallo hat mit Größen wie Steamhammer oder Tyran’ Pace agiert – und beherrscht seine Gitarre wie kaum ein anderer.

Mal schreit sie. Mal kreischt, weint, säuselt, jault oder wimmert sie. Calo Rapallo entlockt dem Griffbrett seiner Gibson-Gitarre die unterschiedlichsten Stimmungen. Oft sind es raue Tonreihen, dann aber auch wieder sanft gleitende Sounds. Jimi Hendrix, Deep Purple, Rolling Stones, Beatles, Peter Green, Black Sabbath oder Steamhammer. Rapallo hat sie alle drauf. Er spielt Gitarre mit Haut und Haaren. Bei „Hey Joe“ legt er sie sich sogar in den Nacken und spielt mit den Zähnen.

 

Am liebsten tritt er mit Freunden und musikalischen Mitstreitern aus der Region auf. So wie Anfang Juli auf der Livebühne Zum Engel in Bartenbach bei Göppingen. Rapallo hat den Schlagzeuger Thomas Kelsch, den Keyboarder Jean Pierre Barraqué und den Bassisten Frank Mühlberger dabei. Sie legen los, was das Zeug hält. Der Hardrock-Sound, den sie bieten, ist der Wahnsinn. Perfekte Qualitätsarbeit.

Das Schwäbische saugt er auf wie ein Schwamm

Calo Rapallo kommt Ende 1952 auf Sizilien zur Welt. Seine ersten zehn Lebensjahre verbringt er in Castelvetrano. „Das ist in der Nähe von Agrigento“, erklärt er. Sein Vater gehört zur ersten Gastarbeitergeneration aus Italien. „Er kam 1959 nach Deutschland und holte uns 1962 nach“, berichtet Rapallo. Den Kulturschock, den er als sizilianischer Bub anfangs in Plüderhausen erlebt, beschreibt er so: „Ich habe in der Schule kein einziges Wort verstanden.“ Internationale Klassen gab es nicht. Aber alles schwäbisch Gesprochene saugt der Zehnjährige auf dem Pausenhof wie ein Schwamm auf. „Für mich war dieser Dialekt wie Musik.“ Aussagen wie „Was willsch’n du?“ oder „Du Feigling“ klingen in seinen Ohren wie Poetry-Slam und überhaupt nicht abwertend. Er verliebt sich in diesen süddeutschen Slang: „Nach einem halben Jahr habe ich perfekt Schwäbisch geschwätzt“, sagt er im Rückblick.

Mit seinen fünf Geschwistern wächst er nahe Schorndorf auf. Seine Mutter stammt aus einer großen Fischerfamilie und liebt den Gesang Siziliens: „Nach dem Essen zog sie ihre Schürze aus und hat gerne sizilianische Volkslieder gesungen. Ich musste sie dabei an der Gitarre begleiten“, erinnert sich der nun 71-jährige an seine Kindheit. Die Melodien der sizilianischen Balladen waren dem Flamenco-Gesang der Spanier nicht unähnlich: „Erst später habe ich festgestellt, dass die Spanier ja auch auf Sizilien waren“, sagt Rapallo. Araber haben ebenso auf der Insel an der Stiefelspitze Italiens Spuren hinterlassen. „Diese Einflüsse habe ich in den Liedern meiner Mutter rausgehört. Das habe ich aber erst später kapiert.“

Im Jahr 2000 macht er eine Tournee durch Sizilien. „Die Leute waren begeistert, mittags kam das Radio und abends war das Fernsehen da.“ Für Rapallo ist es stets eine Reise zurück zu den sizilianischen Wurzeln. „Diese gesungenen Balladen meiner Mutter mit diesen vielen Versen und wenigen Akkorden klangen manchmal ein wenig wie die Songs von Bob Dylan“, schlägt Capallo den ganz großen Bogen von seiner einstigen Heimat bis zum amerikanischen Folk und Blues.

Ihn selbst faszinieren die Rolling Stones und Jimi Hendrix. Bei einem Hendrix-Konzert am 19. Januar 1969 in der Stuttgarter Liederhalle steht er vorne. Er will den Gitarren-Gott als Jugendlicher hautnah erleben.

Die „Hausband in der alten Manufaktur

Seine ersten Auftritte hat Rapallo 1968 im Jugendhaus Schwäbisch Gmünd. In der Schmuckstadt macht er damals eine Goldschmiedelehre. Aber sein wahres Herz schlägt für diesen „irren breitwandartigen Gitarrensound“ und nicht fürs Schmuckmachen. Als nächstes steigt er in die Schorndorfer Musikszene ein: „Wir waren damals die Hausband in der alten Manufaktur.“ Der heutige Stuttgarter Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier war der Initiator des Clubs und brachte viele bekannte Gruppen ins Remstal. Schorndorf wird zur „heimlichen Landeshauptstadt des Rock“, wie der Musikjournalist Christoph Wagner in seinem Buch „Träume aus dem Untergrund“ in mehreren Kapiteln ausführt.

Calo Rapallo ist damals mittendrin in dieser aufstrebenden Musikszene im Remstal. Er spielt mit den Lokalmatadoren von Hinkelstein oft als Support für große Bands aus England: „Wir waren zum Beispiel die Vorband von Steamhammer.“ Auch Black Sabbath erlebt Capallo in der Manufaktur. „Die waren damals noch gar nicht so bekannt“, erinnert er sich. Mitte der 1980er Jahre steht er bei großen Open-Air-Konzerten wie der Loreley mit Tyran’ Pace auf der Bühne.

Eigene Songs und Kompositionen hat er auf einer Reihe von CDs veröffentlicht. Zuletzt mit Calo Rapallo & Friends den Tonträger „Captain Of The Enterprise“. Von dem ganze „Genre-Gehabe“ hält er nichts. Dieses Abstecken von musikalischen Claims ist nicht sein Ding. Er schwört auf echte Blues-Brüderschaft mit seinen musikalischen Mitstreitern: „Ich spiele Gitarre und will mich nicht festnageln lassen.“ Mehr sei da nicht. Aber das ist mehr als genug.

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