Das neugeborene tote Kind im Weidenkörbchen und das verbindende Gefühl, den Schmerz miteinander auszuhalten, prägen sich ihr ein und setzen offenbar ein Thema in ihrem Berufsleben. „Ich war tief davon beeindruckt, wie man in einer so traurigen Situation Halt vermitteln kann und dass man sich diesem Thema überhaupt stellt.“ Für sie ist das rückblickend der Türöffner in die Welt der palliativen Pflege und der Beschäftigung mit den Themen Trauer und Abschied. Sie merkt, dass sie „mit sterbenden Menschen umgehen, mit ihnen reden und ihnen begegnen kann“. Eine ihrer Stationen in der Filderklinik ist konsequenterweise die Palliativabteilung, bis sie im Herbst 2019 kurz vor dem Beginn der Corona-Epidemie die Pflegedienstleitung der Klinik übernimmt und Teil der Klinikleitung wird. Die Zeit ist entsprechend fordernd.
In dieser Funktion sieht sie damals ihre Aufgabe darin, für die 450 Mitarbeitenden Arbeitsbedingungen zu schaffen, die Spielraum für eine respektvolle und menschengerechte Pflege lassen. Sie setze dabei auf emotionale Führung. Aber eigentlich liebt sie es immer noch, „selbst am Bett zu arbeiten“. Wenn landunter war, so erzählt sie, habe sie auch Zettelkram Zettelkram sein lassen, und ist in den Pflegerinnenkittel geschlüpft und hat Patienten gewaschen und versorgt. „Ich hab das immer meine Motivationsspritze genannt“, erzählt sie. Sie will das beibehalten in der neuen Aufgabe.
Ein Coach habe sie einmal als „brandungsresistent“ beschrieben. Das kann nicht ganz falsch sein, denn zu ihrem 100-Prozent-Job sitzt die Mutter zweier Töchter auch noch bis zum Ende der Wahlperiode im Juli für die Grünen im Gemeinderat in Sindelfingen, wo sie seit Langem mit ihrer Familie wohnt. „Dort habe ich gelernt, wie politische Entscheidung fallen“, sagt sie. Lehrreich sei das auch für ihre Arbeit. Berufsbegleitend absolviert sie einen Masterstudiengang zum Thema Managementkompetenzen. Für die Filderregion ist sie seit Langen im Vorstand des Fördervereins für ein Hospiz aktiv. „Das ist einfach mein Herzensthema.“
Verantwortlich auch für die Akademie
Da ist es für Carola Riehm keine Frage, dass sie sich bewirbt, als sie die Stellenausschreibung für die vakante Leitungsstelle in Stuttgart liest. Im Bewerbungsverfahren geht ihr schon bei der Vorstellung das Herz auf, in allen ihren Themenbereichen tätig werden zu können. Und so hat sie nun nach 27 Jahren Abschied von der Filderklinik – durchaus mit einem weinenden Auge. „Es war keine Flucht vor der Filderklinik, sondern eine Hinwendung zum Hospiz.“ Eine Kollegin sagt ihr halb im Scherz, halb im Ernst am Tag des Abschieds noch, jetzt sei sie mit ihrer Entscheidung zu gehen wieder versöhnt, da sie just an diesem Tag, für einen schwerkranken Patienten einen Platz im Hospiz Stuttgart bekommen habe.
Denn das Stuttgarter Hospiz ist in der Hospizlandschaft nicht irgendein Hospiz. Seinen stationären Bereich, hervorgegangen aus einer Sitzwachengruppe, gibt es nun seit 1994. Es ist die Blaupause für viele andere. Die Kübler-Ross-Akademie mit einem großen Seminarangebot zum Thema Sterbe- und Trauerbegleitung ist dort angesiedelt, seit 2017 auch das stationäre Kinder- und Jugendhospiz und natürlich die beiden ambulanten Hospizdienste für Erwachsene und Kinder. Für all das ist Carola Riehm demnächst verantwortlich. „Das macht mich stolz und ich freue mich sehr darauf.“
Und gleichzeitig habe sie auch großen Respekt vor der Aufgabe, die sie vor allem darin sieht, wie schon in ihrer Klinikzeit, für ihre Mitarbeitenden einen Rahmen zu schaffen, in dem sie gut arbeiten können und in dem auch die Finanzen stimmen.
Zu ihren Aufgaben und Herausforderungen gehört vielleicht auch, das gesellschaftliche Nachdenken anzuregen, wie viel Hospizplätze überhaupt benötigt würden, wo doch so viele Menschen in ihren eigenen vier Wänden sterben wollen. Vielleicht, räsoniert sie, bringt ja die Debatte um fehlende Hospizplätze in der Gesellschaft auch die um die palliative häusliche Versorgung in Gang und was da noch fehle.
Gemeinsam aushalten
Auf die Frage, was eigentlich selbstbestimmtes Sterben heiße, kann Carola Riehm auf ein weiteres prägendes Erlebnis aus ihrer Zeit auf der Palliativ-Station verweisen. „Wir hatten dort einen Patienten, der aus der Obdachlosigkeit kam“. Riehm nutzt ihr Netzwerk, lässt die Drähte glühen und organisiert für dem Mann einen Platz in einem Hospiz. „Ohne ihn zu fragen“, wie sie heute eines Besseren belehrt sagt. Als sie dem Mann verkündet, sie habe für ihn einen Ort gefunden, wo er gut versorgt werde, bedankt er sich für die gute Schmerzversorgung, weist ihr Angebot aber zurück. „Auf keinen Fall“, er führe seit zehn Jahren ein selbstbestimmtes Leben auf der Straße. Genau dort wollte er auch sterben. Für Riehm eine schier unerträgliche Vorstellung. Schweren Herzens verabschiedet sie sich von dem Mann. Zwei Tage später meldet die Polizei, er sei gestorben. „Es war für mich sehr lehrreich zu lernen, dass nur der Maßstab des Sterbenden zählt.“ Wie bei der Verabschiedungsfeier für das Baby ging es auch in diesem Leben ums Aushalten.