Leonberg/Velburg - Schwester Sina-Marie führt die Stimmgabel ans Ohr, gibt den Ton vor – engelsgleiche Stimmen erklingen: „Es jubelt mein Geist über den Heiland . . .“
Komme, was wolle: Um 11.40 Uhr knien die vier Schwestern unter ihrem handgeschnitzten Kruzifix. Mag draußen der Bürgermeister eine Umgehungsstraße eröffnen, der Glasfaser-Gigabit-Ausbau voranschreiten – drinnen wird um 11.40 Uhr gebetet und gesungen. Mögen draußen diplomatische Krisen vom Zaun brechen, Finanzanalysten ihre Kursziele korrigieren, Klimaretter irgendetwas boykottieren: Drinnen ist um 11.40 Uhr Mittagshore. Tagein, tagaus. Jahrein, jahraus.
Danach wird gegessen. Die Karaffe mit Leitungswasser und die Krautsalat-Schale stehen schon auf dem Tisch. Ein Gebet: „Heiliger Josef, Haupt der heiligen Familie . . .“ Man speist schweigend. Leise kauen vier Frauenkiefer in die Stille.
Es sind die apostolischen Schwestern vom Heiligen Johannes: Oberin Mirjam-Emmanuel, hoch gewachsen, mit Grazer Schmäh. Clarissa aus Hessen, 48, Meisterin am Akkordeon und an der Tischtennisplatte. Laetitia-Marie aus Frankreich, 48, mit holdem Lächeln und Hausschuhen, die als einzige wie Frauenhausschuhe aussehen. Sina-Marie, 37, aus Leonberg.
Schwester auf Rollen
Als Hauptgericht hat Schwester Laetitia-Marie Tarte de Paris gekocht. Thunfisch und Spinat im Blätterteigmantel – „das ist geradö sähr modäärn“. Und weil man heute das kirchliche Hochfest von Mariens unbefleckter Empfängnis feiert, gibt’s zum Dessert einen Glühweinkuchen extra.
Alle vier Schwestern sind als junge Frauen in die Klostergemeinschaft eingetreten, seit ein paar Jahren leben sie zusammen in einem Haus gegenüber der Pfarrkirche St. Johann in Velburg, einer oberpfälzischen Kleinstadt mit engen Gässchen, wo es beim Bäcker noch Kerzen mit Jesuskindlein zu kaufen gibt und die Leute „a hoiberts Vitalbrott“ bestellen. Schwester Sina-Marie will bald mit Inlinern anfangen. Das wird ein Bild für die Götter, wenn sie mit Knieschützern und wehendem Schleier durchs Dorf gleitet.
„Die Stille“ – Eindrücke aus dem Benediktinerkloster in Beuron
Sie hat schon das stille Frühgebet hinter sich, die Laudes, die Bibellesung, die Messe, das Stundengebet am Mittag. Den Rosenkranz betet sie beim Nachmittagsspaziergang. Wie andere ihr Handy trägt sie das Neue Testament in einem Etui bei sich. Neulich ging sie die Strecke am Morgen. Die Wiese trug Raureif, die Sonne ließ die Landschaft wild funkeln „eine Schönheit, die fast wehgetan hat“. Jetzt geht es gerade so weiter: Wie aus dem Nichts spannt sich vor ihr ein fetter Regenbogen über den Himmel.
Gott im Wartezimmer
Was ist Gottesergriffenheit? Dichter schreiben vom wunderbaren Aufschwung des Herzens. Von Erkenntnissen, die so schnell sind, dass alle zugleich kommen; wie Feuertropfen, die in die Welt fallen. Sie sprechen vom Vergessen und Nichtmehrverstehen, vom Verschwinden der Gedanken und Absichten. Einer Blindheit, die einen klar sehen lässt.
Schwester Sina-Marie saß neulich im Wartezimmer und las einen Satz „so voll Liebe und Wahrheit“, dass er sie fast umhaute. Mitten unter den Patienten. Wenn die gewusst hätten, was in ihr vorging.
Nach dem Dessert darf kurz geredet werden, beim Abspülen schon nicht mehr. Für organisatorische Dinge vergeudet man auch keine Gespräche, wichtige Mitteilungen werden auf Zettel notiert, diese ins Fach der jeweiligen Schwester gelegt. Einmal in der Woche ist Wüstentag. Da versuchen sie, gar nicht zu sprechen.
Früher hätte Sina sich nie vorstellen können, so zu leben. Mit drei Frauen, die sie sich nicht aussuchte. Ein Graus. Früher träumte sie von Mann und Kindern, malte sich Familienleben aus. Und jetzt dieser „übernatürliche Lebensstil“, wie sie es ausdrückt. Sie verstehe sich manchmal selber nicht: „Wieso bin ich glücklich?“
Was tun im Leben mit dem Einser-Abi?
Als Jugendliche hört Sina gern Celine Dion und Mariah Carey. Sie wächst als Einzelkind mit ihrer Mutter und den Großeltern in Leonberg auf. Spielt Tennis, tanzt Goldkurs. „Ich war eher ein vernünftiger Teenager“, sagt sie. Auf Partys geht sie auch, aber nicht wirklich gern. Betrunken ist sie nie. Mit einem Jungen gehen? Kommt ihr fehl am Platz vor. Wenn, dann für immer. Sie telefoniert stundenlang mit Freundinnen, trifft sich mit ihnen zum Tee und Kuchen. Sie feiert Kommunion und Firmung. Richtig gläubig ist sie nicht.
Was tun im Leben mit dem Einserabi? Jura? Nach einem Praktikum beim Anwalt ist das Thema abgehakt. Sie besucht Psychologievorlesungen. Nicht das Wahre. Sie geht für drei Monate ins Kloster nach Frankreich, um ihre Sprachkenntnisse aufzufrischen und in sich zu hören. Und wo sie schon mal da ist, kann Gott ihr auch gerne beweisen, dass es ihn gibt.
Das Wunder lässt auf sich warten. Es tut sich nicht der Himmel auf, kein gleißendes Licht, kein Engel mit verheißenden Worten. Dafür fertigt sie eine Liste mit Argumenten, warum es keinen Gott geben kann. Irgendwann sitzt sie einem Priester gegenüber: „Mir fällt es schwer zu glauben, wie Gott in eine kleine Scheibe Brot passen soll.“ Der Mann lacht: „Sina, ich glaube, Sie glauben schon.“
Raus aus diesem Raum. „Was bildet der sich ein?“ schreit sie in den Wald. Aber er hat ja recht. Im Rückblick nennt sie es ihre Bekehrung. Sie beschließt, fortan für etwas Großes, für die Wahrheit zu leben – und studiert Journalismus in Eichstätt.
Sie schenkt sich ihm ganz
Jeden Morgen vor den Seminaren empfängt sie den Leib Christi in der Messe. „Mein Herz brannte dabei förmlich“, sagt sie. „Er schenkte sich mir so voll und ganz.“ Immer abwegiger erscheint es ihr, sich mit irgendwelchen Kommunikationsmodellen zu beschäftigen.
So schenkt sie sich ihm endlich auch ganz. Im Herbst 2005 fährt eine Freundin sie nach Frankreich ins Kloster. Sina Hartert verwandelt sich in Schwester Sina-Marie. Das Leben baut nichts, wofür es nicht die Steine anderswo abbricht. 2016 wird sie nach Velburg berufen. Die Johannes-Gemeinschaft hat Häuser auf der ganzen Welt, von Mexiko bis Togo und Bayern.
„So nah und doch so fern“ – Ein ehemaliger katholischer Priester und seine Frau
Schwestern sind keine Engel. Auch sie motzen aneinander an, gehen sich auf die Nerven. Manchmal hört man sie in der Küche flüstern, kichern und sich schieflachen wie Mädchen. Wenn der Gast am Morgen theatralisch verkündet, er habe gar nicht gut geschlafen, tönt es im Chor süßlich zurück: „Ooohhh!“
Sie leben in Armut. Wenn Ausgaben auf Schwester Sina-Marie zukommen, Medikamente oder Mautgebühren für die Fahrt ins Mutterhaus, sagt sie es der Oberin am Monatsanfang. Jetzt erst ging ihre Uhr kaputt, sie fand eine neue für 9,99 Euro.
Urlaub an der Côte d’Azur
Urlaub heißt bei ihr: Wüstenzeit. Kein Urlaub von Gebet und Lobgesang, Urlaub von den Aufgaben dazwischen – den Einkehrabenden mit dem Frauenbund, den Kinderbibeltagen, den theologischen Wochenenden für Paare. Dann zieht sie sich nach Frankreich in eine Einsiedelei oder Ferienwohnung zurück. Wichtig ist nicht die Nähe zum Strand, sondern zu einer Kirche, wo sie die Messe besuchen kann.
Auch an der Côte d’Azur trägt sie ihr Schwesterngewand. Sie findet nicht, dass es Wesentliches versteckt. Weil Gesicht und Hände rausschauen, lenke es doch den Blick auf das Persönlichste an ihr. Und es beugt vor. „Auch eine Schwester bleibt immer eine Eva, in der eine gewisse Eitelkeit wohnt.“ Manchmal, wenn sie ein Theaterstück spielen, dann verkleiden sie sich, setzen Sombreros auf ihre Schleier, schminken sich auch mal als Clowns.
Auch eine Schwester bleibt eine Eva: Neulich entdeckte sie das erste weiße Haar. Sie hat es ausgerissen. Sagte ihr doch ein Bruder kürzlich: „Sina-Marie, Sie haben ja Falten um die Augen.“ Auch eine Schwester kann da nicht frohlocken. Früher trug sie ihre blonden Haare bis zur Taille. Heute sind sie dunkler und kürzer.
„Mein Bräutigam ist Jesus“, sagt Schwester Sina-Marie. „Mein Partner ist perfekt.“ Es gibt Zeiten, da ist der Wunsch groß, ganz real in den Arm genommen zu werden. Dann weint sie auch mal ein bisschen, weil das ja nicht geht. Aber sie hat ja die Kommunion. Da wird ihr Geliebter in einem kleinen Stück Brot gegenwärtig. „Der menschgewordene Gott, den wir ganz in uns aufnehmen dürfen. Der ganz in uns kommt. Der sich so klein macht, dass er in uns kommen kann“, sagt sie und wird dabei ganz überschwänglich.
Die Noblesse des Herzens
War sie schon einmal verliebt? „Und ob, schon öfter.“ Was macht sie dann? „Tja, erst mal leiden.“ Wäre ihr Bräutigam enttäuscht, wenn sie männliche Zärtlichkeit zuließe? „Es geht etwas von der Noblesse unseres Herzens verloren, wenn wir untreu sind“, sagt Schwester Sina-Marie. Es gibt die Geschichte von Petrus, der über das Wasser geht. Ein Sturm zieht auf, und plötzlich gerät er ins Zweifeln: Was mache ich da eigentlich? Ich kann doch nicht über das Wasser gehen. Dann sinkt er ein. Wenn sie dem Verliebtsein nachgäbe, ihr erginge es wie Petrus.
„Die Leere“ – Mönch Jakobus, der Einsiedler
Also nutzt sie das Gefühl „als Trampolin“, um Jesus noch näher zu kommen. „Wie ein Ehepaar, das sich mit den Jahren immer ähnlicher wird und irgendwann auch die gleichen Outdoorjacken trägt.“
Meistens sei sie total fröhlich. Manchmal mutlos: Wohin geht die Welt? Gewinnen Wollust, Habgier, Hochmut die Oberhand? Geht der Sinn für das Heilige ganz verloren? „Aber der wachsende Wald ist ja leiser als der umfallende Baum.“
Auch körperlich sind da Momente der Erschlaffung. Aber von einem bequemen Leben ist ja nie die Rede gewesen. „Es muss in der Kirche Menschen geben, die alles verlassen, um Gott nachzufolgen“, schreibt Papst Benedikt XVI. „Menschen, die so radikal auf Gott bauen, dass sie keine andere Sicherheit brauchen.“
Eine Kuschelkirche
Die Schwestern leben von der Vorsehung, wie sie sagen. Also von Spenden. Ab und zu bringen Frauen aus der Gemeinde einen Korb mit Lebensmitteln oder jetzt in der Vorweihnachtszeit einen Adventskranz vorbei. In Velburg werden sie auch vom Bistum unterstützt. In Frankreich, wo es keine Kirchensteuer gibt, ist die Kirche viel ärmer, „aber feuriger im Herzen“, sagt Schwester Sina-Marie. Deutschland habe eine Kuschelkirche. Viele trauten sich nicht mehr, die Wahrheit zu sagen: Ja, Gott verzeiht. Aber man muss bereit sein zur inneren Umkehr. „Ich zittere, wenn ich an die Seelen denke, die verloren gehen könnten. Ich bete für sie.“
Auch die Beichtkultur komme abhanden hierzulande. Weil die Kirche offenbar Angst habe vor dem Vorwurf, sie wolle damit die Leute kleinhalten. Dabei nehme Gott einen jedes Mal mit offenen Armen auf. „In der Beichte kann ich allen Schrott loswerden und rein werden.“ Was hat sie denn groß zu beichten? Sie lacht: „Wo viel Licht einfällt, sieht man jedes Staubkorn.“
Nutella zum Hochfest
17.30 Uhr: Abendgebet. 18 Uhr: Stille Anbetung, 60 Minuten lang. Die müssen ausgefüllt werden, immer wieder. So viele Gedanken wurden hier in Tausenden von Stunden schon umgewälzt. So viele Psalmen hallten schon in diesen Wänden. Ein Mal am Tag wird stoßgelüftet.
Früher spürte Schwester Sina-Marie beim Gebet noch das Brennen im Herzen. Inzwischen nicht mehr. Mit der Zeit seien ihr diese Stützräder weggezogen worden, sagt sie. Manchmal nimmt sie eine Bibelstelle als Hilfe, um darüber in die Meditation und dann ins Gebet zu kommen – wo schließlich alles von ihr abfällt.
Am Abend gibt es Pfannkuchen. Wegen des Hochfests sogar mit Nutella. Und wenn so nette Gäste da sind, kann das Schweigen auch mal ein bisschen früher beendet werden. „Das ist ja sonst eine Qual“, sagt die Oberin trocken.
Sie haben einen Fernseher, schauen aber nur selten, im Vierteljahr vielleicht mal einen Film auf DVD. Es sollten halt keine Sexszenen darin vorkommen und nichts Brutales. 20.15 Uhr: Das Nachtgebet im Andachtsraum. Danach ist Hausstille. Schwester Sina-Marie geht zu Bett mit ihrem Bräutigam.