Ludwigsburg - Der 5. April 2018 hätte wieder ein lukrativer Routinetag für Kriminalkommissar Nowak sein können. Aber ein Rentnerpaar aus dem Kreis Ludwigsburg durchkreuzt seine Pläne. Nowak ist kein echter Polizist, sondern Teil einer Betrugsbande, die vom türkischen Izmir aus arbeitet. Und die Roths sind keine Rentner, auf die Klischees wie hilflos oder gutgläubig zutreffen.
Man muss sich die Arbeit der falschen Polizisten wie die in einem Callcenter vorstellen, sagen die Spezialisten der Ermittlungsgruppe Trust beim baden-württembergischen Landeskriminalamt. Es gibt den Enkeltrick, den Trick mit den angeblichen türkischen Haftbefehlen, dessen Vollstreckung man, so das Versprechen der Täter, durch eine hohe Kaution gerade noch so abwenden könne. Und es gibt – wie in diesem Fall – die falschen Polizisten. Wellenartig geht der Telefonbetrug aus der Türkei über Deutschland hinweg.
Helmut Roth sitzt im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses und erinnert sich an eine lange Nummer auf dem Telefon-Display. Nowak habe perfektes Deutsch gesprochen. Dass er es damals mit einem falschen Polizisten zu tun hat, vermutet Roth zunächst nicht. Er ist gerade heimgekommen und hat sich an den Schreibtisch in seinem Büro gesetzt. Helmut Roth ist fast 80 Jahre alt und passt damit ideal in das Beuteschema. Er nimmt den Telefonhörer ab und bekommt eine Geschichte aufgetischt, wie sie Betrüger wie Nowak meistens erzählen. Es ist die von der Einbrecherbande, die gerade unterwegs sei. Auf einem Zettel, den man bei Bandenmitgliedern gefunden habe, stehe auch die Adresse der Roths. Mit einem Einbruch sei also noch am Abend zu rechnen.
Roth soll den Lockvogel spielen
Der vermeintliche Kriminalkommissar Nowak fragt, ob Roth Geld und Schmuck im Haus habe. Alles sei bei der Bank im Schließfach, erklärt der. Als Nowak fragt, ob er den Lockvogel für die Überführung der Bande spielen und dafür 30 000 Euro von der Bank holen könne, sagt Roth, das sei zu viel. 20 000 Euro müssten reichen. Roth, der ein Mann mit viel Verantwortung in seinem Job war, bezeichnet sich als einen unerschrockenen Menschen. Aber er ist sich nicht sicher, was er von dem Anruf halten soll.
Nowak macht Druck: Die Bank würde zumachen, es geht schon auf 17 Uhr. Helmut Roth verschließt sein Haus und fährt zu seiner Bank. Für eine Notiz an seine Frau reicht die Zeit nicht mehr. „Angst hatte ich nicht“, sagt er heute. Der vermeintliche Kommissar hat ihn vorher noch am Telefon gewarnt, sich auf kein Gespräch einzulassen, denn bei der Bank gebe es undichte Stellen.
Die undichte Stelle ist dann Helmut Roth selbst. Er erzählt seinem Bankberater, warum er das Geld will. Zusammen informieren sie daraufhin die echte Polizei. Zwischendurch meldet sich Nowak auf Roths Mobiltelefon, um zu fragen, warum das so lange dauere. „Er vermittelte den Eindruck, ich stünde unter unmittelbarer Beobachtung“, sagt Helmut Roth. Brüsk weist er Nowak in die Schranken. In der Bank sei eben viel los. Das gehe alles nicht so schnell. Als Roth wieder nach Hause kommt – ohne Geld – wartet bereits eine (echte) Polizistin auf ihn. Und vor seinem Haus sind andere Polizisten unauffällig in Position gegangen. Der Abholer des Geldes kann jetzt kommen.
Die Erfolgsquote der Täter sinkt
Trotz spektakulären Verhaftungen und Ermittlungserfolgen nehmen die landesweiten Betrugsfälle nicht ab. Wenn sich die Tricks abgenutzt haben, dauert es nicht lange, bis die Banden wieder mit einer anderen Masche unterwegs sind. Immerhin: bei einer steigenden Zahl der Betrugsversuche sinkt die Erfolgsquote der Täter. Zugleich aber wächst die Schadenssumme. Im Jahr 2016 waren es in Baden-Württemberg allein mit der Falsche-Polizisten-Masche 1,4 Millionen Euro, die bei insgesamt 255 Anrufen ergaunert wurden, 2017 wurden rund 2000 Anrufe mit einem Schaden von 5,3 Millionen angezeigt, und 2018 zogen 7300 Anrufe einen Schaden von knapp 6,8 Millionen Euro nach sich. In Einzelfällen lag die Beute bei mehr als 300 000 Euro, fast immer waren es mehrere Zehntausend Euro in Form von Bargeld oder Schmuck. Die Beute wird sofort außer Landes gebracht und nie mehr gesehen. Manche der Betrogenen schweigen aus Scham.
Immer geht es darum, älteren Menschen Autorität vorzugaukeln und ihr Vertrauen zu erschleichen. Thomas Görgen, Professor für Kriminologie an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster, verweist auf Studien aus Neurowissenschaften und Psychologie, wonach im Alter die Fähigkeit nachlässt, auf Täuschungen und Schädigungen abzielendes Handeln zu erkennen. Oft sind die Opfer allein und werden geschickt davon abgehalten, sich mit Nachbarn oder ihren Kindern zu beraten.
Die Täter wissen genau, wie sie ihre Opfer in die Enge treiben können. „Sie arbeiten mit Raffinesse. Und wenn das nicht fruchtet, auch mit Drohungen wie dem Verweis, das sei dann Behinderung der Behörden“, sagt Thomas Schek. Bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart hat er viele solcher Fälle bearbeitet. Gemeinschaftlicher gewerbs- und bandenmäßiger Betrug lautet die Anklage. Bandenmäßig, weil Anrufer wie der vermeintliche Kriminalkommissar Nowak Teil einer hierarchisch aufgebauten Organisationsstruktur von mehreren Tätern sind. Das Strafmaß reicht bis zu zehn Jahren Haft.
Angespannte deutsch-türkische Beziehungen
Der vermeintlich deutsche Polizist sitzt in der Türkei, ist in den meisten Fällen in Deutschland aufgewachsen und „nach den bisherigen Erkenntnissen in 99 Prozent der Fälle türkischstämmig“, sagt Schek. Die Türkei liefert in der Regel eigene Staatsangehörige nicht aus, die offizielle polizeiliche Zusammenarbeit ist nicht immer unproblematisch. Und die angespannten deutsch-türkischen Beziehungen lassen nicht auf Besserung hoffen. Auch im Falle der Türkei sei es immer hilfreich, die richtigen Ansprechpartner vor Ort zu haben, sagt Martin Lang, Leiter der Inspektion Organisierte Kriminalität des LKA Baden-Württemberg. Durch Telefonüberwachungen und Verhaftungen von Abholern versuchen die Ermittler, das Knäuel der vielen Täter nach und nach zu entwirren.
Menschen wie Nowak nennen die Ermittler „Keiler“. Er ist die Figur in der Organisation, der die Opfer am Telefon in die Enge treibt. Deutschen Boden betritt er nicht. „Logistiker“ besorgen Autos und kontrollieren die „Abholer“. Diese sind das letzte Glied im Betrugsunternehmen. Auf so einen Abholer warten die Roths nun. Es ist später Abend.
Elfriede Roth ist außer sich, als sie erfährt, dass ihr Mann sich hat verleiten lassen, anders als in den zurückliegenden 56 Ehejahren, Geldgeschäfte ohne sie machen. Ihr Ehrgeiz ist geweckt, der Polizei bei der Festnahme eines Täters zu helfen. Im Verlauf des Abends wird die damals 78-Jährige ein erstaunliches schauspielerisches Temperament an den Tag legen. Immer wieder ruft Nowak an. Elfriede Roth beteuert ihm gegenüber, wie froh sie sei, der Polizei als Lockvogel bei der Ergreifung der gefährlichen Einbrecherbande helfen zu können. Das Telefon dürfen die Roths über Stunden nicht auflegen. Sie gehorchen brav. Die Keiler wollen so verhindern, dass die wirkliche Polizei informiert wird. Außerdem können sie so weiter Druck aufbauen. Über eine andere Telefonverbindung koordiniert Nowak indes die Übergabe des Geldes.
Dem Abholer wurden 1000 Euro versprochen
Die Roths geben während des Abendessens lautstark die Parodie eines streitenden Ehepaares. Als Nowak die Abholung des Geldes auf den nächsten Tag verschieben will, schimpft Elfriede Roth: „Das können Sie jetzt aber nicht machen!“ Was sie nicht weiß: Der Abholer ist an diesem Tag noch im badischen Freiburg unterwegs, Nowaks Bande muss auf Zeit spielen. 55 000 ergaunerte Euro sind dort abgeholt und sofort an einen Mittelmann weitergegeben worden.
Schließlich bekommt der 28-jährige Abholer doch noch den Auftrag, in den Kreis Ludwigsburg weiterzufahren. Der Mann ist in extremen Geldnöten. Arbeitslos und drogenabhängig, wie sich später herausstellt. Er konsumiert Marihuana, Amphetamine, Kokain. Als man ihm irgendwann anbietet, sich durch Kurierdienste Geld zu verdienen, sagt er ja – und wird zum Teil der Betrügerbande. Um die 1000 Euro bekommt er pro Auftrag.
Nach 23 Uhr klingelt es bei den Roths. Helmut Roth öffnet die Haustür. Draußen steht ein Mann, groß und massiv, mit angstvollen Augen. Roth sieht sofort: der junge Mann weiß, dass er gerade selbst in eine Falle gegangen ist. Sekunden später wird er von zwei Polizistinnen zu Fall gebracht.
Die Roths haben inzwischen eine neue Telefonnummer. Im Telefonbuch stehen sie nicht mehr. Wer Nowak ist, wissen die Ermittler bislang nicht.