Wie EnBW Kommunen umwirbt Klinkenputzen für den Klimaschutz

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Die EnBW empfiehlt sich Städten und Gemeinden als Berater in Sachen Klimaschutz und Energieeffizienz. So will sie neue Geschäftsfelder erschließen. Doch die Kommunen reagieren reserviert, die Offensive kommt nur zäh voran.

„Nachhaltige Stadt“ mit EnBW-Unterstützung: ein großer Solarpark ist in  Leutkirch im Allgäu schon im Betrieb, ein zweiter befindet sich im Bau Foto: dpa
„Nachhaltige Stadt“ mit EnBW-Unterstützung: ein großer Solarpark ist in Leutkirch im Allgäu schon im Betrieb, ein zweiter befindet sich im Bau Foto: dpa

Stuttgart - Die Veranstaltung der Enzkreis-Gemeinde Birkenfeld und der EnBW war ein ziemlicher Flop. Gerade mal ein Dutzend Zuhörer verlor sich in der Aula einer örtlichen Schule, um sich vom Bürgermeister und Vertretern des Energiekonzerns über das geplante „Klimaschutzkonzept 2025“ informieren zu lassen. Erst wurde über die Ergebnisse einer Haushaltsbefragung in der 10 000-Einwohner-Kommune berichtet, bei der nicht einmal 100 ausgefüllte Fragebogen zurückgekommen waren. Der Befund: was Energieverbrauch und Kohlendioxidausstoß angehe, liege Birkenfeld nahe am Durchschnitt. Dann folgten, so die Lokalzeitung, „ausschweifende Impulsreferate“. Der Rathauschef zeigte sich „froh“, dass immerhin ein paar Bürger die „tolle Möglichkeit“ nutzten, Geld zu sparen und dabei etwas für die Umwelt zu tun. Man wolle „Spaß am Klimaschutz“ wecken, der bekanntlich in den eigenen vier Wänden beginne, sekundierte ein EnBW-Referent. „Wenig Resonanz“, betitelte die Heimatzeitung ihren Bericht und zeigte dazu ein Foto mit etlichen leeren Stühlen.

Professionelle Begeisterung bei den Akteuren, verhaltenes Interesse bei den Bürgern – das ist nicht untypisch für die Klimaschutz-Offensive des Karlsruher Energiekonzerns. Landauf, landab empfiehlt er sich Städten und Gemeinden als Partner, um gemeinsam die Herausfor­derungen der Energiewende zu bewältigen. „Nachhaltige Stadt“ hieß das erste, noch vom früheren Vorstandschef Hans-Peter Villis 2011 gestartete Programm. Unter dessen Nachfolger Frank Mastiaux wurde es fortgeführt und ergänzt um das Angebot „Kommunaler Klimaschutz“. Zunächst geht es um Beratung im Bereich Energie und Umwelt: Die Experten der EnBW erstellen Bilanzen für Energieverbrauch und CO2-Emissionen. Dann werden Potenziale zur Reduzierung ausgelotet und, unter Beteiligung der Bürger, in gemeinsamen Projekten umgesetzt. Man wolle die Kommunen „auf dem Weg in eine nachhaltige Energieversorgung unterstützen“, lautet der Anspruch beim übergreifender angelegten Vorhaben „Nachhaltige Stadt“; dezentrale Erzeugung und Versorgung, Energieeffizienz und neuartige Mobilitätskonzepte sind dabei wichtige Ziele.

Als Atommeiler noch „Klimaschützer“ waren

Die EnBW schreibt sich den Klimaschutz auf die Fahnen – das gab es schon einmal. Vor Jahren bewarb das Deutsche Atomforum, in dem auch die Karlsruher vertreten sind, die Kernkraftwerke in einer Anzeigenkampagne als ungeliebte „Klimaschützer“. Mit dem Argument, dass die Meiler kein CO2 ausstießen, wurde für längere Laufzeiten getrommelt. Doch die Resonanz auf das „greenwashing“ war eher negativ. Nun, da der Atomausstieg beschlossen ist, wird wieder Klimaschutz propagiert. Diesmal geht es dem Energiekonzern darum, die Kontakte zu den Kommunen zu pflegen und sich dort neue Geschäftsfelder zu erschließen.

„Nahe am Kunden“ zu sein ist eine der Säulen von Mastiaux’ Strategie, die von der Energiewende schwer getroffene EnBW wieder zukunftsfähig zu machen. „Wir wollen Partner sein“, sagte er bei der Hauptversammlung 2014 – für Unternehmen, aber auch für Kommunen, „die von Erzeugung bis Verbrauch nachhaltig und optimal aufgestellt sein wollen“. Schon ein Jahr zuvor hatte er vor den Aktionären über die „Gesamtoptimierung ganzer Städte“ geschwärmt, bei der „die Grenzen zwischen dem Unternehmen und seinen Partnern beinahe schon verschwimmen“. Elemente dieses Modells, sagte der Konzernchef bei einem Kongress mit Blick auf die „nachhaltige Stadt“ Leutkirch, ließen sich „auch auf Großstädte übertragen“.

Die Umsetzung ist mühsamer als gedacht

Die Erwartungen sind also groß, doch die Umsetzung ist offenkundig mühsamer als gedacht. Bis Ende 2016, lautete eine interne Vorgabe, solle es im Südwesten 16 „nachhaltige Städte“ geben. Etliche Hundert Gemeinden wurden mit Prospekten und Terminanfragen eingedeckt, die EnBW-Werber, hieß es, seien fast in „Drückermanier“ unterwegs gewesen. Heute, Anfang 2015, sind es gleichwohl erst fünf Vorzeigeorte: Leutkirch, Ehingen und Riedlingen, dazu Giengen an der Brenz und Oberrot. Viele, vor allem größere Städte hatten dankend abgewinkt. Am Ziel hält der zuständige EnBW-Projektleiter Hartmut Reck dennoch fest; man habe ja noch fast zwei Jahre Zeit.

Nicht in allen Modellgemeinden tut sich wirklich viel. In Leutkirch, wo das Projekt 2011 startete, entstand immerhin ein Solarpark, der 1500 Haushalte versorgt; ein zweiter ist seit Ende 2014 im Bau. „Sehr zufrieden“ zeigt sich der Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle, der in einem von der EnBW gesponserten E-Smart unterwegs ist. Anderswo sind die „Erfolge“ kleinteiliger. In Ehingen fand sich gerade eine Handvoll Haushalte für das Projekt „Schlaues Zuhause“, ein „Energie-Clown“ macht an den Schulen lustige Experimente zur Elektrizität. Riedlingen erzeugte schon vor dem Projektstart gut 20 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen. Giengen und Oberrot finden sich noch nicht einmal unter der Rubrik „Nachhaltige Stadt“ auf der EnBW-Homepage.

Konzern kooperiert mit Energieagenturen

Hinzu kommen inzwischen acht Kommunen, die wie Birkenfeld beim Klimaschutz mit den Karlsruhern zusammenarbeiten – zwischen Schriesheim im Norden und Wangen im Allgäu im Süden. Gelockt werden die Gemeinden mit Zuschüssen von Bund und Land: Baden-Württemberg finanziert die CO2-Bilanz mit, Berlin zahlt bis zu 15 Beratertage. Jüngst verbündete sich die EnBW mit den Energieagenturen der Landkreise Karlsruhe und Ravensburg. Das erste „praxisorientierte Energie- und Klimaschutzkonzept“ bekommt nun Wurmberg im Enzkreis, wo sich das öffentliche Interesse laut der Lokalpresse indes „in Grenzen“ hielt.

Ein Energiekonzern, der eigentlich Strom verkaufen will, hilft beim Stromsparen – das müssen Reck und seine Kollegen oft erst einmal erklären. Welches Interesse, wird gefragt, habe die EnBW denn an der Kooperation, abgesehen von der Klimapflege zu den Kommunen? Selbst EnBW-Chef Mastiaux soll sich intern schon bohrend erkundigt haben, ob, wie und wann das Unternehmen mit der Klimaschutz-Offensive eigentlich Geld verdiene. Ausgeben tut es jedenfalls einiges: alleine das Budget für Recks etwa siebenköpfige Beratertruppe, die frisch aufgebaut wurde, beläuft sich auf eine Million Euro pro Jahr. Auch das Marketing in den teilnehmenden Gemeinden dürfte einen erklecklichen Betrag verschlungen haben.

Geschäft mit moderner Straßenbeleuchtung

Ziel der EnBW ist laut Reck und dem für kommunale Beziehungen zuständigen Bereichsleiter Steffen Ringwald zunächst, die Kosten für die Berater und Konzepte wieder einzuspielen. Darüber hinaus erhoffen sie sich natürlich Anschlussgeschäfte – zum Beispiel dadurch, dass die Straßenbeleuchtung auf moderne, sparsame LED-Technik umgestellt wird. Allein damit habe man zuletzt 30 Millionen Euro pro Jahr umgesetzt, sagt Ringwald, das sei schon „ein Wort“. Wirtschaftlich noch interessanter ist es für den Konzern, wenn er zum Beispiel langfristige Aufträge zur Betriebsführung für Fernwärmenetze erhält. Man wolle „auch im Infrastrukturbereich Generaldienstleister werden“, sagt Ringwald.

Auch wenn EnBW die Kommunen berate, stelle man sich bei der Vergabe derartiger Aufträge natürlich dem Wettbewerb. Einen Automatismus gebe es da nicht, man wolle mit Kompetenz punkten. Die Komplexität der Energiethemen „beherrschen wir, das ist unser tägliches Geschäft“, sagt Ringwald selbstbewusst. Auch Branchenbeobachter attestieren der EnBW da gute Chancen, wenn sie es geschickt anstelle. Der Konzern genieße immer noch Vertrauen und könne daraus Kapital schlagen. Auf dem gleichen Feld tummeln sich freilich zusehends neue Anbieter – darunter ein bei den Kommunen hochgeschätzter einstiger EnBW-Berater, der sich mit den Karlsruhern überworfen hat und nun auf eigene Faust unterwegs ist. Man müsse eine „Start-up-Mentalität“ entwickeln, sagt Ringwald, vieles ausprobieren und aus den Erfahrungen lernen. Niemand wisse heute, wie die Energiewelt 2020 aussehe.

Viele Kommunen bleiben auf Distanz

Viele Städte und Gemeinden registrieren die Offerten der EnBW noch vorsichtig-reserviert. Sie wollen erst einmal sehen, inwieweit sich der bisher nicht als besonders partnerschaftlich wahrgenommene Konzern als Partner bewährt. Da stehe die Nagelprobe noch aus, heißt es in kommunalen Kreisen. Unter den Referenzorten sind jedenfalls auffällig viele, die eine besondere Beziehung zur EnBW haben: Ehingen ist der Heimatort des Ulmer Landrats Heinz Seiffert, des Chefs beim Großaktionär OEW. Der Stadt Riedlingen ist der Projektleiter Reck privat verbunden. Und Birkenfeld gehört zu jenen Gemeinden, die immer noch einige EnBW-Aktien besitzen. Das, sagt der Bürgermeister Martin Steiner, habe bei der Beauftragung aber „keine Rolle gespielt“. Man kenne und schätze sich aus langjähriger Zusammenarbeit. Die Resonanz bei den Bürgern , sagt Steiner, sei sicher „noch ausbaufähig“. Aber bei langwierigen Themen wie dem Klimaschutz brauche man eben einen langen Atem.