Wie engagieren sich Kommunen im Spitzensport? Stuttgart, die enthaltsame Sportstadt

Von Jürgen Kemmner 

Viele Kommunen der Region engagieren sich finanziell als Partner von Profi-Clubs verschiedener Sportarten, die Landeshauptstadt Stuttgart macht dabei allerdings eine große Ausnahme.

Dabei und doch nicht da: Der Handball-Bundesligist heißt TVB Stuttgart – doch die Landeshauptstadt taucht nur im Clubnamen, nicht aber im Sponsorenpool des Vereins auf. Foto: Baumann
Dabei und doch nicht da: Der Handball-Bundesligist heißt TVB Stuttgart – doch die Landeshauptstadt taucht nur im Clubnamen, nicht aber im Sponsorenpool des Vereins auf. Foto: Baumann

Stuttgart - Die Kuh ist vom Eis. Die Bietigheim Seelers erhalten die Lizenz für die DEL2. Hätte Bietigheim Wohnbau dem Eishockey-Zweitligisten nicht weitere 200 000 Euro überweisen, wäre der Club wohl durchs dünne Eis gebrochen. Das Unternehmen ist eine 100-Prozent-Tochter der Stadt Bietigheim-Bissingen, wie die Stadtwerke, die ebenfalls als Premium-Partner bei den Steelers mitmischen. Ist es anrüchig, wenn eine Kommune den Spitzensport indirekt mit zum Teil öffentlichen Geldern aufpäppelt?

OB Jürgen Kessing sieht das nicht so, der Gemeinderat ist über die Aufsichtsräte der Töchter schließlich involviert. „Das Engagement steht auf breiter Basis“, versichert der SPD-Mann. Wohnbau wie Stadtwerke sind zudem Sponsoren der Handballer der SG BBM mit Bundesliga-Frauen und Zweitliga-Männern. Die Zuwendungen sind, da die Firmen privatwirtschaftlich organisiert sind, natürlich Bilanzgeheimnis.

Die Stadt an der Enz bildet keine Ausnahme. Basketball-Bundesligist MHP Riesen Ludwigsburg kann sich auf die Stadtwerke und Wohnungsbau Ludwigsburg, Blühendes Barock sowie die Stadt Kornwestheim und Wohnbau Kornwestheim verlassen. Die Stadtwerke Waiblingen und Waiblingen Tourismus-Marketing (WTM) zählen zu den Sponsoren des Handball-Erstligisten TVB Stuttgart.

Lesen Sie hier: So feierte Ludwigsburg die MHP Riesen

Die Kommunen engagieren sich nicht, weil sie den Mitarbeitern ab und zu Freikarten spendieren wollen. Sie verfolgen zwei Ziele. Das erste: die städtischen Arenen sollen ausgelastet werden, da ihr Bau Millionen verschlungen hat. Die Bietigheimer Ege-Trans-Arena 18 Millionen, die Ludwigsburger MHP-Arena 21 Millionen Euro. Man muss kein vereidigter Steuerprüfer sein: Es ist klüger, die Wohnbau stellt den Steelers weitere 200 000 Euro bereit, statt dass der Ankermieter wegfällt und der zusätzliche Verlust der Halle als Folge 200 000 Euro übersteigt. Gleiches gilt für die MHP-Arena, wo die Basketballer 17 Heimspiele austragen, zu denen bis zu 4000 Fans erscheinen. „Wenn eine Halle leer steht, vergrößert sich das Defizit für die Stadt, die es tragen muss“, sagt Konrad Seigfried, der Erste Bürgermeister Ludwigsburgs. Sportsponsoring entlastet über Umwege das Stadtsäckel.

Ziel zwei: das Stadtmarketing. „Mit den Steelers und der SG BBM erhalten wir bundesweit Aufmerksamkeit“, sagt OB Kessing. Die Kommune präsentiert sich auf der Sportbühne als attraktive, moderne Stadt mit großem Angebot. Die Ludwigsburger Korbjäger standen im Finale um die Meisterschaft, wo sie Alba Berlin unterlagen. „Der Club ist ein Aushängeschild“, sagt Konrad Seigfried, „so gelangen wir in Tagesschau und Sportschau und steigern den Bekanntheitsgrad.“ Für den Ersten Bürgermeister ist dieses Engagement noch mehr, es dient, die Menschen der Stadt zu einen: „Wir steigern den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

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Den gibt es auch in Waiblingen, wenn es um Handball-Erstligist TVB Stuttgart geht. Der Club hat seine Wurzeln im Teilort Bittenfeld, weshalb die Stadtwerke seit 2006 zu den Sponsoren zählen. „Der Verein ist fest verankert im Remstal“, betont Waiblingens OB Andreas Hesky, „die Namensänderung von TV Bittenfeld zu TVB Stuttgart schmerzt uns nicht.“

Die Handballer dienen der Region als Zugpferd, im Herbst 2019 ist die städtische Tochter WTM in den Sponsorenpool gehüpft. Dass der große Nachbar Stuttgart zwar im Namen, aber nicht als Sponsor auftaucht, nimmt Hesky wohl oder übel hin. Seine Stadt sieht sich in der Ehrenpflicht, dem Verein einen Etat zu ermöglichen, um einen erstligatauglichen Kader zu zimmern. Freilich artikulieren sich im Gemeinderat auch kritische Stimmen („Wie viele Stromverträge hat uns das Engagement beim TVB gebracht?“), aber die Mehrheit im Gremium steht zum Verein.

Die Landeshauptstadt hält sich vornehm zurück. Die Unterstützung Stuttgarts von Profi-Clubs ist marginal. „Wir werden oft gefragt“, sagt Sportamtsleiterin Daniela Klein, „aber wir sind in diesem Bereich nicht tätig. Es gibt keinen Beschluss, es ist eben so.“ Bei den Bundesliga-Volleyballerinnen MTV Allianz ist die Stadt über zwei Ecken über easyticket involviert, bei den Reds (Baseball) und Scorpions (Football) tauchen die Stadtwerke zwar als Partner auf, wobei es sich jedoch um geringe Beträge handeln dürfte. Stuttgart ist im Sponsoring enthaltsam.

Andere Metropolen sind da großzügiger. Düsseldorf zieht über die städtische Agentur „D Live“ nicht nur Sportevents an Land, managt die Arenen Merkur-Spiel (Fußball), ISS Dome (Eishockey) sowie drei weitere Hallen, sondern bringt sich aktiv im Sponsoring ein. Die Stadtwerke sind bei der Fortuna (Fußball/Bundesliga-Absteiger), bei der DEG (Eishockey/DEL), bei Borussia Düsseldorf (Tischtennis-Rekordmeister), den Panthern (Football-Zweitligist) und den Giants (Basketball-Zweitligist) engagiert. „Spitzensport ist Stadtmarketing“, sagt Lars Wismer, Director Sports bei D Live. Übrigens: die Bietigheim Steelers haben als Lizenzauflage erhalten, bis Ende August einen sechsstelligen Betrag zu beschaffen – sie suchen noch Geldgeber.

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