Wie erzieht man Mädchen? Wenn die Tochter „Layla“ singt

Welches Frauenbild will man der Tochter mitgeben? Foto: imago images/Panthermedia/NomadSoul via www.imago-images.de

Wenn man Mutter einer Tochter ist, denkt man über das eigene Aufwachsen nach und wie man das Mädchen am besten ins Leben begleitet.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Kürzlich kam die sechsjährige Tochter vom Kindergarten nach Hause und trällerte das Ballermann-Wiesnwasen-Lied „Layla“. Ja, genau, dieses „Layla“, das von einer „geilen“, jungen Puffmutter handelt und das im Sommer 2022 Auslöser einer aufgeregten Diskussion über frauenfeindliche Liedtexte war.

 

„La, la, la, la, la, la, la, la, Layla, la, la, la, la, die wunderschöne Layla“, sang die Tochter also. Dabei schwang sie die Arme in die Höhe und zur Seite, kreiste die Hüften und lachte so unverstellt, wie das nur ein Kind kann. Ihre Freundin in der Kita singe das oft, erzählte sie. Sie würden dann alle dazu tanzen.

Das war mal wieder eine dieser Situationen, in denen man sich als Mutter fragt, ob das nun der Zeitpunkt für einen ersten kindgerechten Vortrag über die Frau als sexualisiertes Objekt im Kapitalismus ist – oder ob die Vertreibung aus dem Paradies noch warten kann. Um es gleich zu sagen: Angesichts des unschuldigen Vergnügens der Kleinen verstrich diese Gelegenheit ungenutzt.

Aufs eigene Frausein zurück geworfen

Wenn man Mutter einer Tochter wird, stellt man sich oft diese Frage, wie man ein Mädchen am besten ins Leben begleitet. Sie drängt sich bei einem Sohn natürlich auch auf, aber anders. Mädchen-Mutter zu sein wirft aufs eigene Frausein zurück, darauf, wie man großgeworden ist, was man mitbekommen hat im Hirn und Tun – und was davon weiterzugeben ist. Und was eben nicht.

Manchmal leistet man dann still Abbitte bei der eigenen Mutter. Zum Beispiel für den Todesblick und den Satz „Du bist nur peinlich!“, wenn diese in den 90er Jahren um Mitternacht mit dem Mercedes 180 vor den Türen der Dorfdisco parkte, um die minderjährige Tochter abzuholen.

Damit die nur ja nicht zu einem halbtrunkenen jungen Mann ins Auto stieg, der sie in der mütterlichen Vorstellung wahlweise bedrängen oder in den nächsten Discounfall lenken würde. Disco-Unfall, das war so ein Wort, das damals zum Vokabular einer Landjugend gehörte wie Bauwagen, Jacky-Cola oder Petting.

Eine Kindheit in orangefarbenen Latzhosen

Und plötzlich kann man die Mutter so gut verstehen. Unvorstellbar, dass man die eigenen Tochter irgendwann – in zehn Jahren schon!!! – allein in die Nacht ziehen lassen soll. Man muss heute davon ausgehen, dass man ihr dann sehr oft sehr peinlich sein wird.

Denn die Bedrohungslagen von damals, die man im Glauben an die eigene Unverwundbarkeit ins Reich der mütterlichen Übertreibungen schob, die gibt es ja heute genau so noch noch. Wie absurd es eigentlich ist, dass man als Frau noch immer damit groß werden muss, in Gefahr zu sein nur weil man Frau ist, das versteht man vielleicht auch erst jetzt in seiner ganzen unerträglichen Dimension.

Wobei es momentan noch um andere Themen geht. Wenn die Tochter zum Beispiel wieder dringend nach einem Tüllrock und einem Einhorn-Pailletten-Pulli verlangt. Wenn sie unbedingt Nägel lackieren will in „Rooooosa“.

Wenn sie erzählt, dass ein blauer Schulranzen für sie so was von gar nicht geht, dann weckt das inneren Widerstand. Hat man etwa die ganze 80er-Jahre-Kindheit lang orangene Latzhosen und einen genderneutralen Topfhaarschnitt getragen, damit nun modische Geschlechter-Klischees den Kleiderschrank befüllen?!?

Die gefühlten Freundinnen auf Insta

Oder ist das nun doch die Vollendung des Feminismus, wie manche meinen: Selbstbestimmte Mädchen, die Glitzer über sich werfen, weil sie wissen, dass sie es nicht müssen?

Überhaupt diese neu erblühenden Klischees. Wie soll man die Tochter zum Beispiel auf die halbpornografischen Selfie-Selbstdarstellerinnen bei Instagram vorbereiten? Der Vergleich gehörte schon immer zum Frausein.

Aber Maßstab waren in analogen Zeiten die anderen Pubertierenden um einen herum in ihrer Durchschnittlichkeit. Heute sind die perfekt gefilterten gefühlten Freundinnen nur einen Klick entfernt. Sie sind wirkmächtiger fürs Selbstbild, als es die distanzierten Supermodels der 90er Jahre in ihren Hochglanzmagazinen je sein konnten.

Man muss sich als Mutter ganz schön disziplinieren, um nicht überall nur Probleme zu sehen. Manches ist besser geworden. Man selbst wuchs in einem Widerspruch auf, der bis heute prägt: „Du kannst alles machen und werden!“, sagte die Mutter. Gleichzeitig sah man die Hausfrauen in den mittelständischen Einfamilienhäusern der Freundinnen. Frauen, die nicht arbeiten sollten und konnten, die stattdessen das traute Heim auf Hochglanz polierten.

Brücke zwischen den Generationen

Heute ist aus dem Versprechen der Mutter Lebenswirklichkeit geworden. Ja, es gibt noch viel zu verbessern in Sachen Vereinbarkeit, und die Möglichkeiten sind umso begrenzter je weniger privilegiert ein Mädchen aufwächst. Aber eine Frau, die sich bilden und arbeiten möchte, kann es tun. Es gibt Kitaplätze, es gibt Teilzeit für beide Geschlechter, es gibt immer mehr junge Männer, die daheim Verantwortung übernehmen.

Das Mantra der Mutter „Mach dich nicht abhängig von einem Mann“, lässt sich heute umdeuten in: „Such dir den richtigen Mann.“ Oder such dir auch gar keinen oder eine andere Frau, wenn du willst. Vielleicht ist man ja selbst die Brücke zwischen jener Frauen-Generation, die alles Können wollte und jener, die, wenn sie groß ist, wirklich alles kann. Das macht doch auch froh.

Aber Kinder zu begleiten bedeutet ohnehin mehr, als sie auf Schwieriges oder Schönes vorzubereiten, Kleider und Lieder zu erlauben oder zu verbieten, ihnen Glaubenssätze ins Ohr zu flüstern. Eigentlich geht es doch darum, zu zeigen, was Frausein alles sein kann: Schön und traurig, gefährlich und mächtig, schlimm und gut und alles dazwischen auch. Wie das geht? Vielleicht ja im Grunde nur dadurch, dass man da ist und ist, wie man ist.

Denn die Erfahrungen, die wird die Tochter ohnehin alle selbst machen müssen. Und die Fehler natürlich. Man hat sich ja selbst auch – trotz der mütterlichen Sorge und des Abholdienstes – mal ins Auto eines Halbtrunkenen gesetzt.

Hat sich mit anderen Frauen verglichen und sich einschüchtern lassen. Hat sexistische Hip-Hop-Musik mitgegrölt und klamottenmäßig ziemlich oft daneben gegriffen. Hat sich glücklich verliebt und schmerzhaft auch. Und das alles hat eine Spur hinterlassen. Sie führt zu der Frau, die man heute ist.

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