Wie funktionieren Studenten-WGs? Mit dem Putzplan legt sich keiner auf die faule Haut

Von Eva Tilgner 

Ausgezogen aus dem Kinderzimmer freuen sich junge Leute auf eine Studenten-Wohngemeinschaft: Endlich ohne Mamas Genörgel! Doch ohne Regeln klappt auch dort das Zusammenleben nicht. Welche sich bewähren, verrät eine Studenten-WG.

Die Studierenden Nadine, Linda und Maximillian fühlen sich pudelwohl in ihrer Vierer-WG mit Felix, der gerade in der Vorlesung sitzt. Doch eine harmonische Stimmung in einer WG kommt nicht von allein. Foto: StZ 9 Bilder
Die Studierenden Nadine, Linda und Maximillian fühlen sich pudelwohl in ihrer Vierer-WG mit Felix, der gerade in der Vorlesung sitzt. Doch eine harmonische Stimmung in einer WG kommt nicht von allein. Foto: StZ

Stuttgart - Vier verschiedene Sorten Milch stehen in der Seitentür des Kühlschranks. Vier Bewohner leben in der Wohngemeinschaft. Jeder tringt seine eigene Sorte. „Der eine mag lieber Halbfett, der andere lieber Lactosefrei und so weiter“, erklärt Linda Pfeiffer die Milchschwemme. Die Trennung von Lebensmitteln gehört für die Studentin der Verpackungstechnik an der Hochschule der Medien zu den entscheidenden Regeln, damit das Zusammenleben in ihrer WG funktioniert. In der Wohnanlage „Straussi 1“ auf dem Universitätsgelände Stuttgart-Vaihingen fühlt sich das Studententeam pudelwohl. Die Vierzimmerwohnung im Erdgeschoss teilen sich die zwei Mädchen und zwei Jungs seit März 2015.

Keine Ruhe zum Lernen

„Im letzten Jahr wohnte ich mit drei Jungs in einer WG“, berichtet Linda. „Der eine war Techno-Freak und ein totaler Chaot. Da stapelten sich schon mal das Geschirr.“ Wenn der Fan der Elektro-Musik mal wieder seine Anlage auf volle Pulle stellte, saß Linda in ihrem Zimmer und überlegte, wie sie ihn am besten zum leiser drehen bewegen könnte. In einem Ratgeber für Partnerbeziehungen fand sie den Tipp, Kritik in eine Bitte umzuformulieren. „Ich fände es voll schön, wenn Du deine Musik nicht ganz so laut abspielst“, oder auch „Könntest Du bei Gelegenheit die Küche aufräumen?“. Zu ihrem Erstaunen funktionierte der„Partnertrick“ bei ihm meistens.

Ihre jetzige Zimmernachbarin Nadine erzählt da ganz andere Geschichten: „Meine ersten WG-Erfahrung war total schrecklich“, erinnert sich die Studentin kopfschüttelnd. Von den sechs Mitbewohnern sei einer drogenabhängig gewesen. „Wenn er high war, stellte er die gesamte Wohnung auf den Kopf.“ Aufgeräumt hat damals keiner – außer Nadine, wenn sie mal wieder die Schlammschicht auf dem Boden nicht sehen konnte. Oft schloss sie sich im Zimmer ein, damit der Junkie sie nicht besuchte.

Die nächste WG, in die sie zog, lag direkt über einer Studentenbar. “Wenn die Party losging, konnte man den Bass ziemlich gut hören“, erzählt die Zwanzigjährige. Ein Jahr lang übernachtete sie zum Lernen bei Freunden. Dann zog sie bei Linda, Max und Felix ein.

Wunsch der Studierenden nach engeren Bindungen

33 Wohnanlagen bietet das Studierendenwerk Stuttgart als Unterkunft für Studierende an. Die meisten davon werden als Wohnform für zwei Personen bis zehn Personen-WGs ausgestattet und genutzt. Für ein möbliertes Zimmer in der Größe von zwölf Quadratmetern zahlen die Bewohner der Wohnanlage Straussi 1 zwischen 237 bis 275 Euro Miete. Geteilt werden Küche, Bad, Wohnzimmer und ein kleiner Vorgarten mit Grill. „Flurgemeinschaften, bei denen die Dusche auf dem Gang liegt, sind immer weniger gefragt“, erkärt die Marketingleiterin des Studierendenwerk Stuttgarts, Melanie Westphal den Trend zu der WG. Der Grund dafür wäre der Wunsch der Studierenden nach einer engeren Bindung zu den Mitbewohnern. Doch Kontaktfreude ist auch in den Studentenwohnungen nicht selbstverständlich. „Es gibt auch WGs in denen man abtauchen kann. Zum Beispiel bei unseren Nachbarn weiß keiner von anderem, was der gerade macht“, erzählt Linda. Eine reine Zweck-WG also – für sie eine schaurige Vorstellung.

Die Wohnungsgemeinschaft als Lebensgemeinschaft

„Wie war Dein Tag?“, diese Frage gehört zum gemütlichen Teil, wenn die Mitbewohner sich auf dem Sofa im kleinen Wohnzimmer treffen und gemeinsam Musik hören oder ein Videogame spielen. Dort saß auch Maximillian Ott das erste Mal, als er sich über die sogenannte „Laufrunde“ um einen WG-Platz bewarb. „Die Chemie passt“, stellte er fest und setzte Linda, Felix und Nadine auf Platz eins seiner Wunschliste. „Durch solche Laufrunden oder auch WG-Castings können wir die Bewohner im Vorhinein relativ gut zusammenstellen“, sagt Pirmin Rehm, der Wohnheimsprecher des Straussi 2. Neben Vertrauen und Ehrlichkeit hält der Wohnheimsprecher die kleinen Gemeinsamkeiten, wie zusammen Grillen oder Einkaufen gehen, für ein wichtiges Kriterium einer harmonischen WG. „Kuchen backen allein macht kein Spaß“, findet Linda. In der Rhabarberzeit backe sie schon mal ein ganzes Blech und lade ihre Zimmernachbarn zum Kaffee ein. Neben diesen „sozialen Sahnehäubchen“ tragen das gewissenhafte Erfüllen der unbeliebteren Aufgaben, wie zum Beispiel des Putzdienstes, zum friedvollen Zusammenleben bei.

Moral ist nicht einklagbar

Die Arbeitsliste des Putzplans hängt bei den vier HdM-Studenten unübersehbar am Kühlschrank. Jede Woche übernimmt ein anderer die Generalsäuberungsaktion von Boden und Bad. In der Küche räumen die Benutzer ihre Essensreste selbst weg. Der Mülldienst wird extra zugeteilt. „So ein Putzplan ist fair. Keiner kann sich auf die faule Haut legen“, stellt Linda fest. Dabei gehören die unterschiedlichen Auffassungen über Sauberkeit zu einem der Hauptstreitpunkte von Wohngemeinschaften. „Regeln sind gut, wenn sie gemeinsam aufgestellt werden und sich alle daran halten.“, erkärt die Diplom-Psychologin Petra Kucher-Sturm der psychologischen Beratungsstelle des Studierendenwerks Stuttgart Probleme entstehen, wenn ein Mitbewohner seine Aufgabe im WG-Zusammenleben nicht ganz so ernst nimmt, wie ein anderer. „Moral ist nicht einklagbar“, hält die Psychologin fest. Deshalb empfiehlt sie jungen Leuten, ihre Einstellungen und Erwartungen vor dem Einzug miteinander offen abzustimmen, um Konflikte zu vermeiden. Eine Mediation für kriselnde Wohngemeinschaften gebe es bei dem Studierendenwerk aber nicht. „Wenn es gar nicht funktioniert, zieht man lieber wieder in eine andere WG, als ständig zu diskutieren“, spricht Studentin Nadine aus bitterer Erfahrung.

Rücksicht auf Gewohnheiten der Anderen

Mit ein bißchen Glück funktioniert das Zusammenleben auch auf Anhieb ohne große Vorgespräche. So wie bei Felix, dem vierten Mitbewohner der WG, den alle nur flüchtig kannten, bevor er seine Umzugskisten über die Wohnungsschwellen trug. Nach seinem Auslandssemester konnte er sein Wohnrecht geltend machen und wurde über das Studierendenwerk als Zimmernachbar einfach zugeteilt. “Unser Vorteil ist, dass wir schon über Strukturen verfügen, in die sich die Neuen einfach eingefügen“, sagt Linda. Unter „Strukturen“ versteht die WG die Gewohnheiten von jedem Einzelnen, die sie in ihrem Lebensalltag integrieren und berücksichtigen: “Wann geht jemand duschen? Hat jemand einen Job? Wann geht wer schlafen?“, zählt Nadine die Zeitplanungen auf. Auch Besucher sind immer herzlich willkommen, wenn sie vorher angekündigt werden und alle Bescheid wissen.

Nicht nur Harmonie

Ist denn immer alles Friede, Freude, Eierkuchen in dieser kleinen WG im Erdgeschoss des Straussi 1? „Natürlich nicht“, sagen die Mädels. Einmal waren sie schon ein bisschen sauer auf die Jungs. Damals zogen sie zu viert los um zu feiern. Plötzlich waren Max und Felix sang und klanglos verschwunden. Die Buben lagen friedlich schlummernd in ihren Betten, als Linda und Nadine in Partystimmung nach Hause kamen und Rachepläne schmiedeten, über die sie sich noch heute ins Fäustchen lachen: “Felix hatte unvorsichtiger Weise nicht die Tür abgeschlossen. Da ist er am nächsten Morgen halt mit Schokoladencreme im Gesicht aufgewacht.“




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