Wie funktioniert der Betrieb im Klinikum? Seltene Einblicke in den Sindelfinger OP

Steril versus unsteril: Fabiane Zielke (links) und Ornella Gaeta arbeiten sich während den Operationen zu. Foto: /Stefanie Schlecht

Den OP-Bereich im Klinikum Sindelfingen sehen täglich rund 35 Menschen. Viele Erinnerungen daran behalten die wenigsten. Einblicke in den Arbeitsplatz von Personen, die aus kranken gesunde Menschen machen wollen.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Wenn der Blinddarm entzündet, der Arm gebrochen ist, oder ein Herzkatheter gelegt werden soll, ist der Gang in den OP-Saal nötig. Jeder, der sich einer OP unterziehen muss, hofft auf Professionalität, Kompetenz und Empathie. Gerade weil nicht wenige Patienten ein mulmiges Gefühl des Ausgeliefertseins beschleicht, ist es umso wichtiger, wenn unmittelbar vor einem Eingriff der Eindruck vermittelt wird, vom Chirurgen über den Anästhesisten bis zur Operationstechnischen Assistentin (OTA) wissen alle, was zu tun ist. Und sie wissen, vor ihnen liegt keine Patientennummer, sondern ein Mensch mit Ängsten und Sorgen.

 

Wer als Patient in die OP-Abteilung des Klinikums Sindelfingen geschoben wird, hat gute Chancen, auf Anke Aranda Ortega zu treffen. Die Kinderkrankenschwester und heutige OP-Leitung arbeitet seit 15 Jahren zwischen schlafenden Menschen und sterilen Kompressen. Sie ist für die Koordination zuständig. In ihren Händen liegt es, dass der Zeitplan für die Operationen stimmt und dass genug Personal vorhanden ist. „Unser Tag beginnt immer um 7.20 Uhr. Um 16 Uhr ist Schluss. Wenn nötig, finden aber auch später noch Eingriffe statt – zum Beispiel, wenn Notfälle wie schwere Unfälle oder ein Herzalarm auftreten“, erläutert Aranda Ortega. Ein Team aus Ärzten und Assistentinnen steht immer bereit für einen Einsatz.

Erster Patientenkontakt besonders wichtig

Wenn 24 Stunden vor dem Eingriff das Aufklärungsgespräch stattgefunden hat und einer der sieben OP-Säle frei ist, wird der Patient meist von der Station in der Hauptschleuse in Empfang genommen. An dieser Stelle findet der erste, wichtige Kontakt statt, wie Aranda Ortega erklärt: „Befindlichkeiten können sehr unterschiedlich sein. Viele haben Angst. Wir gehen auf alle Sorgen ein.“ Manche Befürchtungen treten mit ziemlicher Regelmäßigkeit auf, berichtet Steffen Appel, Leitender Oberarzt und seit 1997 in Sindelfingen als Anästhesist tätig: „Das Nicht-Mehr-Aufwachen nach oder das verfrühte Aufwachen während einer Operation sind angstbesetzte Themen. Ältere fürchten sich vor allem davor, wie sie alles verkraften.“

Manchmal aber, wenn die Anspannung nicht so groß ist und Zeit für ein Pläuschchen ist, nimmt das Gespräch auch komische Züge an, wie Marie-Luise Minne, seit 40 Jahren Anästhesie- und Intensivpflegerin, erzählt: „Ich spreche mit Patientinnen mitunter darüber, wie sie welches Gericht zubereiten. So habe ich schon einige neue Rezepte gesammelt. Oder ich rate, welchen Beruf ein Patient ausübt. Damit liege ich manchmal richtig, manchmal aber auch total falsch.“

Während des Eingriffs selbst herrsche fast durchgehend konzentrierte Stille. „Wenn es die Situation zulässt, sprechen wir aber auch mal über Banales wie den letzten Urlaub“, sagt Unfallchirurg Christoph Behrmann. Kommunikation – ob mit Patienten oder Kollegen – ist das A und O. „Gerade, wenn es schwierige Situationen gab – bei Komplikationen oder wenn ein Patient verstirbt – haben alle Mitarbeiter die Möglichkeit, im Nachgang über das Erlebte zu sprechen“, erläutert Anke Aranda Ortega.

Nichts wird dem Zufall überlassen

Bevor der Patient in den Schlaf versetzt und der erste Schnitt gesetzt wird, wird routinemäßig ein Standardfragebogen abgearbeitet. „Um grobe Fehler zu vermeiden“, betont die OP-Leitung. Zwar sei so etwas in Sindelfingen noch nie passiert – Horrorgeschichten, in denen das falsche Bein operiert, die falsche Niere entnommen oder der Patient mitten in der OP wach wurde, geistern aber immer umher. Deshalb gelte hier die Devise „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“.

Dass an diesem sensiblen Ort jeder Schritt meist akribisch organisiert und vorbereitet ist, weiß auch Ornella Gaeta. Die Operationstechnische Assistentin steht täglich im OP. Abwechselnd arbeitet sie aus dem sterilen oder unsterilen Bereich. „Der Bereich um den Patienten herum ist hygienisch rein. Das gilt auch für Materialien und Instrumente wie Scheren, Skalpelle oder bei orthopädischen Eingriffen auch mal die Bohrmaschine“, erklärt Gaeta. Nur einen Meter entfernt hinter einer Abdeckung steht die Kollegin, die aus der unsterilen Zone Materialien in die Hand der steril arbeitenden OTA-Kraft reicht. Ebenfalls „unsteril“ ist der Anästhesist, der über Monitore die Vitalwerte des Patienten beobachtet und Alarm schlägt, sollte es Veränderungen geben.

In wenigen Jahren ist Schluss in der Sindelfinger OP-Welt

Trotz jahrelanger Routine und nahezu blindem Verständnis untereinander – das Ende des Sindelfinger Operationsbereiches ist in Sicht. Sollte das riesige Flugfeldklinikum 2026 in Betrieb gegangen sein, wird auch die Sindelfinger OP-Mannschaft aus Ärzten, OTAs und Reinigungskräften dorthin umziehen. „Wir freuen uns auf die neuen Räumlichkeiten. Dort wird die Ausstattung moderner sein“, erklärt Anke Aranda Ortega und zeigt auf den etwas in die Jahre gekommenen Fußboden.

Die Modernisierung des Arbeitsumfeldes, so hofft Anke Aranda Ortega zumindest, könnte auch neue, dringend benötigte Fachkräfte anlocken. „Es ist ein abwechslungsreicher Beruf mit Verantwortung und einem tollen Team. Wir können nur für unseren Beruf werben“, betont Aranda Ortega und erntet nickende Zustimmung all ihrer Kollegen.

Weitere Themen