Wie geht es in Zukunft mit der Stadt weiter? Die Innenstadt muss sich neu erfinden
Manche Einkaufsmeile droht in der Corona-Krise vollends zu veröden. Welche Rezepte es dagegen gibt, beschäftigt auch die Verantwortlichen in Stuttgart.
Manche Einkaufsmeile droht in der Corona-Krise vollends zu veröden. Welche Rezepte es dagegen gibt, beschäftigt auch die Verantwortlichen in Stuttgart.
Stuttgart - Experten sprechen von einem dreifachen Tsunami in den Innenstädten: dem Strukturwandel im Einzelhandel, der Digitalisierung und – zu allem Überfluss – der Corona-Pandemie. Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnte unlängst, die Corona-Krise könne das Aus für bis zu 50 000 Geschäfte bedeuten. Besonders herbe Verluste verzeichneten in der ersten Jahreshälfte Textileinzelhändler (minus 29 Prozent), schwach liefen auch die Geschäfte mit Schuhen (minus 25), Uhren und Schmuck (minus 23,8) sowie Büchern (minus 18,3).
Dabei waren Mode- und Buchhändler schon vor der Pandemie gebeutelt, weil immer mehr Kunden ins Netz abwandern. Und wenn sie dort erst ein paar Schuhe bestellen, kann das weitere Bequemlichkeiten auslösen: Die Leute schauen daheim Netflix-Serien, statt ins Kino zu gehen, und bestellen die Pizza bei Lieferando. Was aber tut man, wenn das Stadtzentrum die eigenen Bürger nicht mehr anzieht?
Patentlösungen gibt es keine, deshalb werden Städte zum Experimentierfeld. So wie jetzt Berlin. Dort startet an diesem Samstag offiziell ein Modellprojekt: Die Friedrichstraße bleibt auf einem 500 Meter langen Abschnitt bis Ende Januar autofrei. Am Rand werden Bäume aufgestellt, in Seitenstraßen Lieferzonen geschaffen, es gibt Sitzgelegenheiten, Open-Air-Gastronomie, Glasvitrinen als Schaufenster, Designmärkte.
Nicht alle Händler halten das für eine gute Idee – Kritiker wie die Industrie- und Handelskammer sprechen von einem „Schnellschuss“. Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Bündnis 90/Die Grünen) hofft indes, dass wieder mehr Menschen an der Friedrichstraße flanieren, wenn die Aufenthaltsqualität steigt: „Da hat’s zum Teil tolle Läden, aber die finden Sie nur, wenn Sie mit der Grubenlampe ins Basement gehen.“
In Stuttgart zerbrechen sich die Verantwortlichen ebenfalls den Kopf darüber, wie die Innenstadt lebendig bleibt. In der Pandemie werde ein Standortvorteil plötzlich zum Nachteil, konstatiert der Citymanager Sven Hahn: „Wir haben hier einen Reichtum an Veranstaltungen: Wasen, Frühlingsfest, Weindorf, insgesamt Millionen von Besuchern – die fehlen jetzt alle in der Stadt.“ Momentan liege die Kundenfrequenz in der Innenstadt bei 60 bis 70 Prozent im Vergleich zu der Zeit vor dem Lockdown. „Und wenn der Handel vor die Hunde geht, wird es schwierig, wegen der Gastronomie alleine kommen die Leute nicht“, warnt Hahn.
Die Lage sei dramatisch, meint Martin Körner (SPD), einer der Bewerber fürs Oberbürgermeisteramt – und verweist auf die untere Königstraße und „viele Einkaufsstraßen in den Außenbezirken“. Wettbüros neben Spielhallen und Ramschläden, Leerstände in der zentralen Schulstraße, lausige Straßenbeläge, ein schlechter Branchenmix, Ladenmieten, die für Händler zur Existenzfrage werden können: viele Probleme also, die es anzupacken gilt, darin sind sich die meisten OB-Kandidaten einig.
Sie haben vor allem drei Rezepte gegen die Verödung parat: Erstens müsse die Stadt alle Akteure – Eigentümer, Gastronomen, Handel, Gewerbe, Kulturschaffende – zusammenbringen, zweitens gegebenenfalls Immobilien kaufen, um drittens eine urbane Mischung aus gewerblicher und öffentlicher Nutzung plus Wohnen zu ermöglichen. Damit das alles schneller geht, plädiert nicht nur der CDU-Kandidat Frank Nopper für unbürokratische Verfahren.
Der Markt alleine jedenfalls könne das nicht richten, resümiert Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, die für die Grünen antritt. „Wegen der hohen Mieten kann sich in den Erdgeschossen fast nur noch Gastronomie ansiedeln, obwohl an der ein oder anderen Stelle eine Bäckerei, ein Lebensmittelgeschäft oder auch ein Radladen angebrachter wäre.“
Doch wie viel Geld die Kommune am Ende in die Hand nehmen muss, um auch Wohnen und Kleingewerbe in 1-a- und 1-b-Lage bezahlbar zu machen, ist ungewiss. Hannes Rockenbauch, OB-Kandidat des Linksbündnisses, warnt jedenfalls davor, sich in der Debatte zu sehr auf den Handel zu konzentrieren: „Aufenthaltsqualität ist mehr als Shopping: Wir müssen das Stadtbild verbessern, brauchen mehr Räume zum Verweilen.“
Im Blick haben er und seine Mitstreiter auch das Entree zur Königstraße: Die Landesbank Baden-Württemberg will an der Königstraße 1 bis 3 mehrere Gebäude abreißen, darunter das Hotel am Schlossgarten. Da wollen sie mitreden. Das biete die Chance, die Haupteinkaufsmeile insgesamt aufzuwerten, meint Marian Schreier (SPD), Bürgermeister in Tengen und ebenfalls OB-Aspirant. Er und Körner sehen zum Beispiel ein Konzerthaus als Option, Körner: „Sie sollte den ganzen Tag über bespielt werden, mit Angeboten für Familien.“ Dagegen misstraut Rockenbauch der „Schlossgarten AG“, „das muss in die öffentliche Hand“. Ihm schweben etwa ein Regenbogenhaus und Angebote für Jugendliche vor, „um ihnen nicht nur die Rückseite der Königstraße zu überlassen“.
Während mancherorts der Parkverkehr aus der City verbannt wird, setzt Nopper auf eine „menschengerechte Stadt mit Automobil“, denn: „Ohne echte Alternative für viele Menschen sollte das Auto – insbesondere das umweltfreundliche Automobil der Zukunft – nicht ausgesperrt werden“, betont der Backnanger OB. Eines ist klar: Die Verantwortlichen wollen die Corona-Krise auch als Chance begreifen. „Der Reset kann uns helfen, über neue Kooperationsmodelle nachzudenken und vorhandene Ressourcen besser zu nutzen“, davon ist Veronika Kienzle überzeugt.