Wie in einem schlechten Film Kein Quantum Trost in Ehningen

Investor Ajmal Rahmani (3.v.r.) mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (5.v.l.) und Bürgermeister Lukas Rosengrün (3.v.l.) im April in Ehningen Foto: Archiv/Stefanie Schlecht

US-Sanktionen bringen die Gemeinde und die IBM in große Erklärungsnöte: Wie kann es sein, dass einem dubiosen Geschäftsmann wie Ajmal Rahmani Tür und Tor geöffnet wurden?

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Es kommt nicht allzu oft vor, dass eine Gemeinde wie Ehningen in den internationalen Fokus rückt. Zuletzt war dies im Sommer 2021 der Fall, als sowohl die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch der weltweite IBM-CEO Arvind Krishna sich per Video nach Ehningen schalten ließen. Damals weihte der US-Konzern am dortigen Hauptsitz den ersten kommerziell nutzbaren Quantencomputer Europas ein. Als die Gemeinde dieser Tage erneut in den Gazetten auftauchte, waren die Zuschreibungen allerdings weit weniger schmeichelhaft.

 

Es geht um massive Korruptionsvorwürfe von Seiten der USA gegen den afghanischen Investor Ajmal Rahmani, der hinter der Herrenberger Ozean Group steht. Über seine Tochterfirmen erwarb er das Areal der IBM in Ehningen. Darauf sollen die Quantum Gardens entstehen – ein innovativer Wohn-Tech-Campus mit bis zu 450 Wohnungen auf neun Hektar Fläche. Was bisher von Politikern, der IBM und dem Fraunhofer Institut als „Leuchtturmprojekt“ angepriesen wurde, erscheint durch die Vorwürfe auf einmal in höchst zweifelhaftem Licht.

Ajmal Rahmani soll mit seinen Firmen in Afghanistan im Umfeld der damals dort stationierten Nato-Truppen im großen Stil Treibstoff abgezweigt und hunderte Millionen unterschlagen haben. Diese schmutzigen Gelder sollen im großen Stil auch in Immobilienprojekte in Deutschland geflossen sein, darunter findet sich das „Leuchtturmprojekt“ Quantum Gardens. Ein Zusammenhang lässt sich Stand jetzt nicht beweisen, doch er liegt nahe. Sind die schillernden Visionen der Ehninger Quantengärten nur die Fassade für die dubiosen Geschäfte der Rahmani-Familie?

Rahmani präsentierte sich als mitfühlender Unternehmer

Am 11. Mai dieses Jahres stellte sich Rahmani junior im Ehninger Mitteilungsblatt den Bürgern als „Unternehmer, Visionär, Vater“ vor. Als einer, der „über den reinen Profit hinaus“ denke und plane, „was für eine Welt wir unseren Kindern hinterlassen.“ Nicht nur ein findiger Unternehmer sei er, nein, auch ein Philanthrop und Weltverbesserer. Außerdem sei er ein „zuverlässiger und langjähriger Partner der Nato und des Westens.“ Seit Montag dieser Woche ist klar, dass die Rahmanis für die USA weder zuverlässige Partner noch Philanthropen sind, sondern auf einer ihrer Sanktionslisten stehen.

Das US-Finanzministerium belegte Vater wie Sohn „für ihre weitreichende Rolle in der transnationalen Korruption“ mit Sanktionen. Davon betroffen sind 21 deutsche Firmen, unter anderem besagte Ozean Group in Herrenberg. Das bringt die geplanten Hochhäuser in dem neuen Ehninger Stadtteil ins Wanken: Die Gemeinde flüchtete umgehend nach vorn und teilte mit, das Bebauungsplan-Verfahren für die Quantum Gardens sei gestoppt.

Mit dubiosem Geschäftsmann Quanten-Zentrum eröffnet

Die hiesige Politik muss sich nun unangenehme Fragen anhören. Wie kann es sein, dass man einem dubiosen Geschäftsmann wie Rahmani Tür und Tor öffnete? Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) eröffnete mit ihm gemeinsam im April das Quantum Ai Experience Center (kurz: Qax). Daneben lächelt der Ehninger Bürgermeister Lukas Rosengrün (SPD) in die Kamera. Die Landesregierung weist jede Schuld von sich: Man habe von den US-Vorwürfen nichts wissen können.

Auch die IBM steht nicht gut da. Sie verkündete unlängst, mit dem Böblinger Labor in zwei leer stehende Gebäude am Hauptsitz Ehningen ziehen zu wollen. Doch die befinden sich im Eigentum der Ozean Group. Nur: Transaktionen mit Rahmani-Firmen sind jetzt mit US-Sanktionen belegt. Strafen, die man als US-Konzern sicher tunlichst vermeiden will. Die Strategie der IBM, nicht selbst Eigentümer seiner Gebäude sein zu wollen, rächt sich jetzt doppelt bitter.

Anmerkung der Redaktion: Ajmal Rahmani teilt zu den Korruptionsvorwürfe mit, diese seien haltlos und unwahr. Er habe weder Gelder in Millionenhöhe durch unsaubere Geschäfte unterschlagen, noch habe er Gelder gezahlt, um politische Ämter zu erlangen. Gegen die verhängten Sanktionen werde er in den USA sowohl gerichtlich als auch verfahrensrechtlich vorgehen.

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