Wie kam Deutschland zur Demokratie? „Die Revolution hat Chancen versäumt“

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War der Untergang des deutschen Kaissereichs vor hundert Jahren unausweichlich? Verlief der Umsturz damals in Stuttgart anders als in Berlin? Die beiden Historiker Wolfram Pyta und Wolfgang Niess ziehen eine Bilanz der Novemberrevolution von 1918.

Linksaußen der Revolution: Karl Liebknecht, Führer des kommunistischen Spartakusbundes. Foto: Keystone
Linksaußen der Revolution: Karl Liebknecht, Führer des kommunistischen Spartakusbundes. Foto: Keystone

Stuttgart - Den Anfängen der deutschen Demokratie haftet der Ruch des Verrats an. Doch die Dolchstoßlegende in nur eine Mär. Vorwürfe gegen die sozialdemokratischen Geburtshelfer der Republik halten der Geschichte nicht Stand.

War das 1918 überhaupt eine Revolution?
Pyta: Ja, natürlich. Im wissenschaftlichen Sinne bedeutet Revolution eine qualitative Veränderung des politischen Systems unter Beteiligung von Massen. Das hat unzweifelhaft damals stattgefunden. Die Monarchie als Staatsform wurde gestürzt zu einem Zeitpunkt, als sich das System ja bereits parlamentarisiert, also einen wichtigen Reformschritt schon vollzogen hatte. Dass es dennoch völlig unerwartet von unten, spontan zu einer Erhebung kam, die dazu führte, dass das Kaiserreich sang- und klanglos zusammenbrach – das war eine veritable Revolution.
Wurde der Wandel erzwungen?
Niess: Absolut. Der Wandel wurde erzwungen durch Demonstrationen, Generalstreiks und Erhebungen, also durch die Revolution. Ich bin überzeugt, dass auch die vorab befohlene Parlamentarisierung des alten Kaiserreichs ohne die Revolution nicht von Dauer gewesen wäre. Sie hatte vor allem zwei Ziele: Man wollte dem amerikanischen Präsidenten Wilson deutlich machen, dass sich die Machtverhältnisse in Deutschland geändert hätten, um in den Genuss günstigerer Friedenbedingungen zu kommen. Zum anderen gab es den Hintergedanken, das Bürgertum und die Sozialdemokratie für die Kriegsniederlage verantwortlich zu machen. Als sich zeigte, dass das erste Ziel nicht zu erreichen war, vollzogen die Militärs eine Kehrtwende, die dann die Revolution unmittelbar auslöste.
War der Kaiser dem Untergang geweiht?
Niess: Die konstitutionelle Monarchie hatte in dem Moment keine Chance mehr, als die breiten Massen den Eindruck gewannen, dass mit diesem Kaiser ein schneller Friede nicht erreichbar sein würde. Pyta: Die ja bereits im Oktober 1918 auf Reichsebene etablierte parlamentarische Monarchie hätte dann eine Chance gehabt, wenn Wilhelm II freiwillig auf den Thron verzichtet hätte. Doch der Kaiser belastete durch sein Kleben am Thron deren Entwicklungschancen derart, dass sich die Missstimmung gegen seine Person zu einer offenen Auflehnung gegen die Monarchie als Staatsform auswuchs.
Was bleibt von der Dolchstoßlegende?
Niess: Es ist nichts dran an der Mär, dass dieser Weltkrieg wegen der Revolution verloren wurde. Der Obersten Heeresleitung war nach dem Scheitern der letzten Offensive im Sommer 1918 klar, dass der Krieg jetzt allein schon wegen des Eintritts der USA nicht mehr zu gewinnen war. Pyta: Die Oberste Heeresleitung hat im September 1918 geradezu überfallartig den Krieg verloren gegeben und wie in Panik die Politik gezwungen, einen Waffenstillstand auszuhandeln. Niess: Die vermeintlich unbesiegte Front – das war eine reine Legende. Aber es war eine Legende, die geglaubt wurde, weil die führenden Militärs sie wiederholt beschworen haben – wider besseres Wissen und aus politischem Kalkül.
War Friedrich Ebert, der erste Reichspräsident, ein Republikaner wider Willen?
Pyta: Wenn man unter „Republikaner“ versteht, mit aller Macht und Inbrunst die Monarchie als Staatsform überwinden zu wollen, dann war er das natürlich nicht. Ebert hätte sich sehr wohl mit einer parlamentarisierten Monarchie anfreunden können. Niess: Ich bin sehr vorsichtig, was mein Urteil über Ebert angeht. Das öffentliche Bild wird geprägt von kurzen und aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten wie etwa dem Satz, er hasse die soziale Revolution wie die Sünde. Daraus abzuleiten, er sei ein Anhänger der Monarchie gewesen, halte ich für verfehlt. Ebert war in erster Linie Reformpolitiker. Ihm kam es nicht unbedingt darauf an, die Republik in einem Schritt zu erreichen. Aber sein großes Ziel war zweifellos die Herrschaft des Volkes.
War die Novemberrevolution eine vertane Chance oder wurde sie verraten?
Niess: Es sind in diesen Monaten Chancen versäumt worden. Die Revolution hätte mehr Demokratie ins Militär, in die Verwaltung, in die Wirtschaft, in die Schulen bringen können. Das demokratische Potenzial der Arbeiter- und Soldatenräte ist nicht erkannt worden. Aber die Weimarer Republik ist nicht an Versäumnissen der Anfangszeit gescheitert. Die Revolution hat eine tragfähige Republik hervorgebracht. Sie hat viel erreicht: Frauenwahlrecht, das Ende des Preußischen Dreiklassenwahlrechts, bürgerliche Freiheitsrechte, den Acht-Stunden-Tag, das Stinnes-Legien-Abkommen, mit dem Gewerkschaften als Tarifpartner anerkannt wurden, Grundstein einer paritätischen Mitbestimmung.
Wo gab es Verrat?
Niess: Von Verrat kann keine Rede sein. Nur eine Minderheit wollte eine „andere“ Revolution. Man kann und darf SPD und USPD nicht vorwerfen, dass für sie Demokratie oberste Priorität hatte. Pyta: Das war geschichtspolitisch konstruiert, weil die Verächter einer parlamentarischen Demokratie und deren politische Erben keine andere Möglichkeit sahen, darüber hinwegzutäuschen, dass sie nur eine kleine Minderheit waren. Dieser Mythos wurde in der DDR gepflegt.
War der Sozialdemokrat Gustav Noske ein Vorbild für die Nazis?
Niess: Gräueltaten gab es zweifelsohne. Es ist aber ein Kurzschluss, das in jedem Fall denen anzulasten, die politisch den Kopf hinzuhalten hatten. Das tatsächliche Verhalten rechtsradikaler Offiziere und Soldaten war viel stärker durch ihre Fronterfahrungen und durch Anordnungen der Obersten Heeresleitung geprägt als durch politische Vorgaben. Es wäre völlig kontrafaktisch, ausgerechnet Sozialdemokraten zum Vorbild der Nazis zu erklären. Pyta: Die Frage nach der Schuld ist eine stark normativ aufgeladene Frage, die dazu führen kann, dass letztlich um politische Bekenntnisse gerungen wird. Dies kann aber niemals im Zentrum der Geschichtswissenschaft stehen, die sich von Nüchternheit und weitgehender Vorurteilsfreiheit leiten lassen sollte. Wer sich als Richter über die Geschichte aufspielt, wird der Geschichte nicht gerecht.
Was war in Stuttgart anders als in Berlin?
Niess: In Stuttgart ging es deutlich gemäßigter zu. Natürlich wurde auch der württembergische König zur Abdankung gezwungen. Die Monarchie hatte hier jedoch einen anderen Charakter. Es hatte ja einen Grund, dass 1907 der Internationale Sozialistenkongress im liberalen Württemberg tagte und nicht etwa in Berlin. Im Grunde kamen die Revolutionäre 1918 fast bedauernd zu ihrem König Wilhelm II. und sagten ihm, es bleibe jetzt nichts anderes übrig als abzudanken. Damit war die Revolution im Wesentlichen erledigt. Danach formierte sich schnell eine Allparteienregierung, in die auch das Bürgertum einbezogen wurde. Pyta: Stuttgart wählte einen besonderen Weg in Gestalt eines politischen Rats geistiger Arbeiter. Der vertrat auch Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte, Journalisten. 11 000 trafen sich am 11. November 1918 und schufen binnen weniger Tage Rätestrukturen. Die große Bereitschaft, da mitzumachen, zeugt von einem breiten Wunsch nach Partizipation und demokratischer Selbstbestimmung. Da wurde Rede- und Debattenkultur eingeübt.
Was wissen wir heute von 1918, was wir vor 50 Jahren noch nicht wussten?
Niess: Wir wissen vieles genauer. Mir ist vor allem wichtig, dass jede Zeit ihre eigenen Fragen an die Geschichte stellt. 1968 standen Verratsthesen und Versäumnisse im Fokus des Interesses. Das hat in die Zeit gepasst. Für uns ist es heute – leider – nicht mehr ganz so selbstverständlich, dass eine parlamentarische Demokratie auf ewig Bestand hat. Der Blick in Nachbarländer ist alarmierend. Deshalb ist es jetzt eher von Interesse, den großen Gewinn zu erkennen, den uns die Demokratisierung brachte – und die Frage zu stellen, wie diese gegen Gefährdungen verteidigt werden kann. Ich möchte nicht wissen, wie stark unsere Demokratie heute wäre, wenn wir in Zwänge geraten würden, wie sie Anfang der 1930er Jahre bestanden.