Interview mit Logopädin „Kinder sind keine wandelnden Wörterbücher“

Von  

Ist es für Kinder gut oder schlecht, wenn sie mehrsprachig aufwachsen? Eine Professorin für Logopädie sagt im Interview, was Kindern beim Lernen einer Sprache hilft – und was es ihnen erschwert.

Sprechen lernen kann Spaß machen – Vorlesen hilft dabei. Foto: dpa
Sprechen lernen kann Spaß machen – Vorlesen hilft dabei. Foto: dpa

Stuttgart - Dass die Kinder von Zuwanderern schnell Deutsch lernen sollen, wird von Politikern aller Parteien gefordert. Doch wie kann das gelingen? Ist es für Kinder gut oder schlecht, wenn sie mehrsprachig aufwachsen? Wiebke Scharff Rethfeldt, Professorin für Logopädie, sagt im Interview, was Kindern beim Lernen einer Sprache hilft – und was ihnen den Spracherwerb erschwert.

Von vielen Seiten heißt es immer wieder: „Eltern sollten mit ihren Kindern zu Hause unbedingt Deutsch reden, egal, wie gut sie die Sprache beherrschen.“
Scharff Rethfeldt: Dieser vielleicht wohlgemeinte Rat ist falsch. Diese Vorstellung zielt darauf ab, dass Kinder dann vermeintlich besser in der Schule zurechtkommen. Eltern, die die deutsche Sprache kaum beherrschen, sollten im direkten Gespräch mit ihrem Kind jedoch ihre eigene Sprache verwenden. Sie wären als unmittelbare Bezugspersonen sonst schlechte Sprachvorbilder. Ein Beispiel: Spricht ein Vater Türkisch und gebrochen Deutsch, ist es wichtig, dass er mit seinem Kind Türkisch, mit deutschsprachigen Personen jedoch Deutsch spricht. So erwirbt das Kind grundlegende Sprachfähigkeiten und lernt zugleich, dass Mehrsprachigkeit eine wertvolle Fähigkeit ist.
Wie können Eltern die Sprachentwicklung ihrer Kinder unterstützen?
Scharff Rethfeldt: Indem sie ihre Kinder sprachlich vielfältig anregen. Dies gelingt Eltern am leichtesten in der Sprache, die sie am besten beherrschen. Wie gut ein Kind spricht, hängt stark davon ab, was ihm sprachlich angeboten wird. Studien belegen eindeutig: Kinder profitieren bei ihrer Sprachentwicklung davon, wenn Eltern sich viel mit ihren Kindern unterhalten. Am besten über das, was sie gerade tun und wie sie darüber denken. Auch offene Fragen wie „Was hast Du heute gespielt?“ Oder: „Was willst Du mal werden?“ regen Kinder an, über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken und entsprechende Formulierungen dafür zu finden.
Wenn Kinder Fernsehen oder auf dem Tablet Filme anschauen, hören sie ebenfalls Sprache.
Scharff Rethfeldt: Das kann man unmöglich gleichsetzen. Was Sie beschreiben, ist eine Einbahnstraßen-Kommunikation. Wenn einsprachige oder auch mehrsprachige Kinder wirklich Sprache erwerben sollen, gilt die einfache Formel: Sprache vor Bild.