Wie man die Leidenschaft erhält Küssen ist wichtiger als Sex
Obwohl das Küssen die intimste Form der sinnlichen Annäherung ist, wird es oft unterschätzt. Ein Experten-Gespräch darüber, warum Küssen auch viel über die Persönlichkeit aussagt.
Obwohl das Küssen die intimste Form der sinnlichen Annäherung ist, wird es oft unterschätzt. Ein Experten-Gespräch darüber, warum Küssen auch viel über die Persönlichkeit aussagt.
Ein Kuss zwischen Verliebten, das Bussi zur Begrüßung unter Freunden – es gibt viele Arten des Küssens. Zu Beginn einer Beziehung küssen sich die meisten Paare ständig, oft sehr intensiv und leidenschaftlich. Mit dem Andauern einer Beziehung nimmt dies jedoch in manchen Partnerschaften ab. Nach vielen Jahren küssen sich Paare häufig nur noch zur Begrüßung und zum Abschied oder als Vorspiel zum Sex.
Warum ist Küssen aber für uns so wichtig? Der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger hat ein Buch über das Küssen geschrieben, er hält es für die intensivste Form der körperlichen Annäherung. „Es spricht alle fünf Sinne gleichzeitig an: Das Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken“, sagt Krüger. Für ihn ist Küssen sogar intensiver als Sex.
Die neurowissenschaftliche Forschung hat in verschiedenen Studien nachgewiesen, dass in unserem Körper eine ganze Batterie biochemischer Prozesse in Gang gesetzt wird, wenn wir Menschen küssen, die wir mögen.
Angefangen mit einer erhöhten Oxytocin-Ausschüttung, dem Hormon der Liebe, oft auch als Bindungshormon bezeichnet. Oxytocin senkt den Blutdruck und beruhigt den Herzschlag. Gleichzeitig gibt es auch Belege, dass das Stresshormon Cortisol abgebaut wird. Ein intensiver Kuss kann auch den Dopaminspiegel ansteigen lassen. Das löst unter anderem Glücksgefühle aus – und den Wunsch nach mehr.
Wolfgang Krüger ist überzeugt, die Art, wie und ob wir uns in unseren Partnerschaften noch küssen, sagt für ihn sehr viel darüber aus, wie es um die Qualität der Beziehung bestellt ist. „In den Lippen sitzen die meisten Sinnesrezeptoren pro Quadratzentimeter – deshalb empfinden wir dort besonders intensiv. Insofern sind unsere Lippen das Lustzentrum für eine intensive Nähe“, sagt Krüger. Daher stellten wir als Erstes das intime Küssen ein, wenn wir uns innerlich vom anderen entfernen. „Der erotische Kuss wird dann häufig vermieden.“
Für den Psychotherapeuten ist dies dann immer ein Anzeichen, dass ein Entfremdungsprozess beginnt. „Ein Kuss-Defizit ist das wichtigste Frühwarnsignal, das auf gravierende Probleme in einer Partnerschaft hinweist“, ergänzt er. Wenn Paare aufhörten, sich intensiv und erotisch zu küssen, könne dies dazu führen, dass sie anfangen, eher wie in einer Wohngemeinschaft zu leben. Das Küssen wird dann ‚geschwisterlich‘ – etwa auf die Stirn oder Wange – und verliert seine Sinnlichkeit.
In ihrem „The Shoop Shoop Song” singt die Sängerin Cher „It’s in his kiss”. Darin geht es darum, dass die wahre Liebe an dem Kuss des Mannes erkannt wird. Auch Krüger ist der Meinung, dass ein schlechter Küsser kein guter Partner sein kann. „Die meisten Frauen lassen sich meiner Meinung nach auf keine Beziehung mit einem Mann ein, der nicht gut küssen kann“, sagt Krüger. Dabei geht es im Übrigen eher weniger um die Technik. Denn was dem einen gar nicht auffällt, stört den anderen vielleicht sehr – etwa Rauchen oder starker Bartwuchs. „Ich muss den Partner auf meine Vorlieben aufmerksam machen“, sagt Krüger. Doch viele glaubten fälschlicherweise, man müsse alles von Anfang an perfekt beherrschen – oder der andere müsse ein Naturtalent sein. Aber wie könnte das sein? „Vor allem bei erotischen Dingen sind wir oft sehr schnell gekränkt, wenn uns jemand sagt, was er nicht mag“, so Krüger.
Ein offenes und ehrliches Gespräch darüber zu Beginn einer Beziehung ist aber wichtig. Die Art des Küssens verrate viel über den anderen: Sein Temperament, seine Fähigkeit zur Kooperation, zum Zuhören, aber auch zum Ausdrücken eigener Gefühle. „Insofern ist die Art des Küssens ein deutlicher Hinweis darauf, wie später die Partnerschaft laufen wird“, sagt Krüger.
Küssen sei vergleichbar mit Tanzen, ein Gespräch der Körper. Man könne darüber sehr schnell herausfinden: Sind wir ein Team? Häufig würden Menschen mit steigendem Alter bessere Küsser, weil sich die Persönlichkeit im Laufe unseres Lebens weiterentwickelt. „Oft haben wir später im Leben mehr Humor, mehr Gelassenheit und mehr Stärke“, sagt Krüger.
Übrigens ist das leidenschaftliche, erotische Küssen nicht in allen Kulturen verbreitet. Nur die Hälfte aller Kulturen praktiziert auch romantisches Küssen. In Europa ist es sehr verbreitet, in Teilen Südamerikas hingegen sehr selten. In Frankreich oder Italien ist es kulturell sehr verankert, viele Menschen mit Küsschen links, Küssen rechts zu begrüßen, eine romantische Bedeutung hat diese Art des Begrüßungskusses dort aber nicht.
In Japan hingegen gilt Küssen in der Öffentlichkeit sogar als peinlich. Manche Kulturen empfinden Küssen sogar als unhygienisch. „Das hängt letztlich immer mit der Einstellung zu Intimität zusammen – also damit, wie offen in der Öffentlichkeit Gefühle ausgetauscht werden und was als schamhaft oder peinlich gilt“, sagt Krüger.
Umfrage
Laut Umfragen küssen wir im Durchschnitt dreimal täglich. Hochgerechnet auf ein 70-jähriges Leben bedeutet das: rund 76 Tage Küssen.
Weltrekord
Der längste dokumentierte Kuss dauerte 58 Stunden, 5 Minuten und 58 Sekunden – aufgestellt von einem thailändischen Paar.
Historie
Woher kommt der Kuss? Es gibt zwei Haupttheorien: Eine Theorie besagt, die Mütter kauten Nahrung vor und gaben sie per Mundkontakt weiter. Eine andere Theorie hält es für ein altes Begrüßungsritual. Der Kuss diente von Anfang an als Form der sozialen Annäherung. (nay)