Nach einem pandemischen Jahr reiche es doch nicht, Geld dafür zur Verfügung zu stellen, um Schülern verpassten Stoff einzutrichtern. „Es ist jetzt Zeit für einen Paradigmenwechsel und für die Frage, wie die Schule der Zukunft gestaltet werden muss. Und dafür muss man doch mal die fragen, die nach diesem Jahr die meiste Expertise haben: die Schülerinnen und Schüler.“
Die Schüler sind nach einem Jahr Fernunterricht Experten
Weil das bisher auf übergeordneter Ebene niemand tut, hat sie mit Schülern aus ihrem Gymnasium einen digitalen Bildungsgipfel initiiert. Mitmachen können Jugendliche schultypen- und bundeslandübergreifend – sind sie doch in der digitalen Vernetzung untereinander seit Monaten Experten. Bei dem „Gipfelstürmer-Kongress“ vom 7. bis 11. Juni stehen in virtuellen Treffen Themen wie „Könnte Schule nicht ganz anders sein?“, „Nichts mehr oben drauf – Schule von innen gestalten“ oder „Bildung in Frage(n) stellen“ auf der Agenda.
„Schüler wissen genau, was gut läuft in unserem System, wovon sie mehr brauchen, was ihnen etwas bringt – und was nicht“, sagt die Vaihinger Schulchefin. Nach einem Jahr Fernunterricht seien sie dafür regelrechte Fachleute. Wo ist individuelles, digitales Lernen vielleicht sogar effektiver als Unterricht im Klassenzimmer? Wo braucht es dringend den gemeinsamen Rahmen vor Ort? Welche Modelle, welche Kombinationen kann es in dieser Hinsicht für die Schule der Zukunft geben? Wie ist gewährleistet, dass jeder mitkommt und Schüler sich nicht grämen müssen wie eine Jugendliche, die kürzlich zu Katja Kranich sagte: „Eigentlich wollen wir doch alle unser Bestes geben, aber es kommt immer noch mehr oben drauf, und die Motivation sinkt immer mehr.“
Ein System, das auf die Schwächen ausgerichtet ist
Wie unter dem Brennglas habe das Pandemiejahr die Schwächen des Bildungssystems gezeigt, „das aus dem 19. Jahrhundert kommt, mit Methoden aus dem 20. Jahrhundert arbeitet und mit seinem Leistungs- und Benotungskorsett das echte Lernen oft behindert“, findet Kranich. „Es ist nicht stärkend, sondern auf die Defizite ausgerichtet und erzeugt nicht selten sogar Angst. Unsere zentrale Aufgabe ist es aber, den Schülern Mut für die Zukunft zu machen.“ Auch deshalb müsse sich die Bildungspolitik „endlich ins 21. Jahrhundert aufmachen“.
Lesen Sie hier: Warum der Lehrerverband die geplanten Hilfen für Schüler unzureichend findet
Die 46-Jährige, die das Stromberg-Gymnasium im siebten Jahr leitet, findet, dass die Kinder und Jugendlichen seit Corona Phänomenales geleistet hätten. „Man hat ihnen wahnsinnig viel abverlangt, und dann kommen irgendwelche Ökonomen daher und rechnen uns vor, dass da eine Bildungsverlierergeneration heranwächst.“ Dabei sei die Zeit reif dafür, die Bildungspolitik jetzt konsequent an den Bedürfnissen der Heranwachsenden auszurichten. „Und dazu muss man sie mal fragen, was sie brauchen. Sie sind doch da!“ Mit dem Kongress wolle die Schule in dieser Hinsicht eine Leuchtrakete abschießen.
Christoph Schmitt: „Das deutsche Schulsystem ist ein hirntoter Patient“
Moderieren wird die „Gipfelstürmer“-Tage Christoph Schmitt, ein Bildungsaktivist, „der die aktuelle Situation messerscharf und glasklar artikuliert“, so Katja Kranich. Schmitt bezeichnet das Vaihinger Projekt als pionierhaft: Ihm sei in der deutschen Bildungslandschaft kein anderes dieser Art bekannt, sagt er. Dass eine verbeamtete Schulleiterin eines Gymnasiums in Baden-Württemberg ein solches Format organisiere, sei „unglaublich schön“, zeige aber gleichzeitig auch, wie drängend die Probleme seien.
Christoph Schmitt bezeichnet das deutsche Schulsystem als einen „hirntoten Patienten, dem man das selige Einschlafen nicht gönnt und den man stattdessen mit allen denkbaren Mitteln am Leben erhält“. Er forscht, lehrt und coacht seit Jahren zum Thema Bildung im Wandel und begleitet progressive Lerninitiativen in verschiedensten Ländern, die „jenseits des Zertifikatefetischismus dem Zeitenwandel, den Digitalisierung und andere Faktoren bedingen, Rechnung tragen und großartige Lernmodelle leben“.
Es ächzt und knarrt im System
Beim Bildungsgipfel des Stromberg-Gymnasiums wird Schmitt als Impulsgeber und Begleiter mit von der Partie sein. „Vor allem ist das aber ein Event von Schülern für Schüler, bei dem sie miteinander darüber ins Gespräch kommen können, wie Schule sein müsste“, sagt er. „Ohne Erwartungsdruck, ohne Lehrer und ergebnisoffen.“
Dass sie mit dem Kongress die Bildungspolitik nicht revolutionieren werden, ist den Initiatoren klar. „Aber die Vorstellung, dass es nach Corona ein Zurück zum alten Normal gibt, setzt einen Riesenfrust frei. Das kann’s nicht sein. Es ächzt und knarrt im System“, sagt Katja Kranich. Zumindest könne man versuchen, von innen heraus etwas zu verändern. Bei dem Kongress Ideen dafür zu entwickeln und Selbstwirksamkeit zu erfahren, „das ist ein erster Schritt“.