Stuttgart - Unser übliches Arbeitstempo lässt kaum Raum, über Ziele und Wünsche nachzudenken. Wer sich Zeit nimmt, die vergehende Zeit zu reflektieren, also produktiv faul ist, gewinnt vielleicht tiefgehende Erkenntnisse, was wirklich wichtig ist im Leben.
Herr Liebmann, meine Interviewanfrage habe ich um 16.24 Uhr per E-Mail an Sie geschickt. Ihre Antwort kam um 17.07 Uhr – das nenne ich nicht faul, sondern das klingt nach Effizienz . . .
Das war Zufall, ich war gerade am Rechner. Es kann passieren, dass ich eine Woche nicht antworte.
Wie reagieren Sie, wenn Sie jemand warten lässt? Mit dem Satz: Ich habe meine Zeit nicht gestohlen, Zeit ist Geld?
Einerseits finde ich es respektlos, jemanden warten zu lassen, ich selbst bin superpünktlich. Andererseits macht mir das Warten nichts aus, weil dabei oft lustige Sachen passieren. Als Italophiler habe ich von den Sarden gelernt, dass man das mit den Uhrzeiten nicht immer so ganz genau nehmen muss.
Hinter dem Faulsein steht unser Umgang mit der Zeit. Kollektiv wie individuell. Ist das die Grundlage für ein gutes Leben?
Für mich ist Zeit die Dimension des Lebendigen. Ein Raum ohne Zeit wäre starr, erst in der Veränderung erleben wir den Raum. Passiert das zu schnell, fliegt uns alles um die Ohren. Ja, den bewussten Umgang mit Zeit halte ich für den Schlüssel zu einem guten Leben. Dabei helfen Gelassenheit, Ruhe, gute Beziehungen zu Menschen. Entscheidend ist, sich Zeit zu nehmen für die Dinge, die man für wichtig hält – und die benötigen eben oft viel Zeit. Vielleicht antwortet die Welt dann manchmal.
Wer von der Zeit spricht, muss von der Endlichkeit sprechen. Ist unser Umgang mit der Zeit bestimmt von unserer Verdrängung des Wissens, dass wir sterben müssen?
Auf paradoxe Weise: Genau dieses Wissen treibt uns an, weil wir denken, wenn wir das jetzt nicht machen, versäumen wir etwas. Gleichzeitig leiden wir ständig unter der Entbehrung, viel zu viel zu versäumen. Das beeinträchtigt unseren Bezug zur Zeit. Die Vorstellung, unendlich zu leben, empfinde ich als schrecklich. Mich entspannt es, dass irgendwann Schluss ist.
Sie ermuntern jeden, innezuhalten, um sich mit dem von Ihnen zitierten Philosophen Frithjof Bergmann zu fragen: „Was ist dir wirklich, wirklich wichtig?“ Nun wurde gerade unsere Gesellschaft, beinahe die ganze Welt für viele gefühlt auf null gestellt. Zunächst: Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich habe diese Zeit sehr genossen, ich war noch fauler als sonst. Nun bin ich privilegiert: Meine Kinder sind erwachsen, ich benötige nicht so viel Geld; ich habe mein Leben, was das Materielle betrifft, sehr reduziert, daher muss ich nicht mehr ganz so viel arbeiten. Also bin ich drei Monate nicht Auto gefahren, war nicht einkaufen und habe im Garten gelegen, gelesen und den Pflanzen beim Wachsen zugeschaut. Und ich kenne jetzt alle Vögel des Gartens persönlich. Eine wirklich positive Erfahrung ist gewesen – und ich habe nie gedacht, dass das funktionieren würde: dass wir kollektiv so etwas wie eine Übereinkunft hergestellt haben, dass Gesundheit und Leben wichtiger sind als Materielles, und dass wir alle deswegen recht unaufgeregt die Füße stillgehalten haben. Auch wenn es jetzt natürlich wirtschaftlich schwierig wird.
Sie sehen den weltweiten Wachstumsglauben sehr kritisch, schrieben vor der Krise: „Ich bin überzeugt davon, dass es noch kräftig knirschen muss, damit wir endlich zur Besinnung gelangen.“ Hat Sie dieses Knirschen jetzt dann doch etwas erschreckt, oder haben Sie innerlich ausgerufen: endlich?
Natürlich ist es nicht lustig, was passiert ist. Wir haben in persönlichen Freiheiten sehr zurückstecken müssen. Insofern ist das keine Situation, die ich mir gewünscht habe. Und ein Sofortstopp ist nicht das, was ich mir von einem bewussteren Umgang mit Zeit vorstelle. Eine Gesellschaft verändert sich normalerweise viel langsamer. Allerdings habe ich von Lesern Briefe bekommen, in denen sie berichtet haben, in dieser Zeit darüber nachgedacht zu haben, was sie in ihrem Leben bewegt. Das hat mir gefallen, auch wenn es nicht repräsentativ ist.
Sie weisen auf ein Paradox hin: Indem wir durch Maschinen, die uns unliebsame und schwere Arbeit abnehmen, Zeit gewinnen, verlieren wir im Eigentlichen Zeit. Können Sie das genauer erklären?
Das war einer der Beweggründe vor 30 Jahren, den Verein zur Verzögerung der Zeit zu gründen. Es gibt eine Fülle von Erfindungen, die das Leben bequem machen, und trotzdem entschleunigen wir nicht, haben wir nicht mehr Zeit und Muße. Im Gegenteil treibt uns diese technische Entwicklung weiter an. Das hat einen simplen Grund: Wenn uns die Möglichkeit gegeben wird, produktiver zu sein, dann nutzen wir das überproportional aus. Wir machen nicht eine Sache in kürzerer Zeit, sondern wir machen mehr desselben.
Sie monieren, dass in unserer Gegenwart für übergeordnete Aufgaben und Ziele oft nur Scheinlösungen gefunden werden. „Lieber irgendetwas tun, als nichts . . .“ – nach diesem Nietzsche-Satz scheinen Politiker heute zu agieren. Gehört dazu die Autoprämie, die die Autoländer Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg fordern?
Das ist viel schlimmer, als es das Wort Scheinlösung suggeriert: Das ist rückwärtsgewandtes, unrealistisches Denken, weil es nur kurzfristig auf einen wirtschaftlichen Erfolg schielt. Der motorisierte Individualverkehr führt angesichts des Klimawandels in die Irre, denken Sie auch an die Einschränkung der Lebensqualität in den Städten durch die Blechkisten. Ich wünsche mir von Politikerinnen und Politikern intelligente Diskurse zur Zukunft der Mobilität: Gibt es ein gutes Leben mit weniger Weltverbrauch?
Sie verteufeln Arbeit nicht, Sie arbeiten ja selbst. Gibt es richtige und falsche Arbeit, gute und schlechte?
Kinderarbeit oder wie wir jetzt gesehen haben, die Arbeit in deutschen Schlachthöfen – das ist schlechte Arbeit. Auch körperlich schwere Arbeit, die Menschen krank macht, sollten wir uns von Robotern abnehmen lassen. Arbeit wird leider immer mit Effizienz gleichgesetzt. Das hat aber mit unserer sonstigen Lebenswirklichkeit wenig zu tun. In der Schule ist Neugier wichtig, in der Familie und der Partnerschaft ist es Vertrauen. Da wirken ganz andere Zeitlogiken als die der Effizienz. Aber unser Selbstwert wird in der Gesellschaft meist über die Arbeit definiert, obwohl wir das nicht nötig haben. Dieser Lebensaspekt wird völlig überschätzt. Bei einem Uni-Seminar über Nachhaltigkeit hat mir eine Studentin eine Studie gezeigt zum Verhältnis von Arbeitszeit und Erderwärmung. Wenn wir das mit den Klimazielen hinbekommen wollen, dürfte demnach jeder in Deutschland nur sechs Stunden arbeiten. In der Woche.
Sie verwenden den Begriff der „Gegenwartsschrumpfung“, der von dem Philosophen Hermann Lübbe stammt. Dabei haben wir doch im Gegenteil enorme Möglichkeiten? Wir reisen weltmeisterlich, haben digital unmittelbaren Zugriff auf Kunst, Filme, Literatur, Musik . . .
Genau das ist das Problem. Wir haken heute nur noch ab. Schnell nach Asien, hier Venedig, da Kanada, mit unseren Smartphones werden die Bilder gespeichert. Aber was haben wir wirklich gesehen, erlebt?
Sie sind Obmann des Vereins zur Verzögerung der Zeit, der durch öffentliche Aktionen auf Missstände in unserer Gesellschaft hinweist. Wie hat man sich das vorzustellen?
Ich bin ein positiver Mensch, der die Dinge gern mit Humor angeht. Der ist allemal besser als ein erhobener Zeigefinger. Unsere sogenannten paradoxen Interventionen im öffentlichen Raum sind Einladungen, mal anders zu denken und zu fühlen. Meine Lieblingsaktion, von der ich jahrelang geträumt habe, war, wildfremde Leute auf einem Grünstreifen zu einem tollen Frühstück mit Kaffee, selbst gebackenen Brötchen und Marmelade aus eigener Produktion einzuladen. In den ersten beiden Stunden sind alle vorbeigerannt, weil sie dachten: Was will der mir verkaufen? Als die ersten endlich an den Stehtischen frühstückten, wurde es bald immer voller und es ergab sich ein fantastischer Tag mit Gesprächen und Genuss. Diese Art von Irritation möchte unser Verein auslösen. Zum Beispiel haben wir einmal ein Plakat mit dem Satz „Bitte beeilen Sie sich!“ an eine Brücke über die Autobahn von München nach Nürnberg gehängt, wo immer Stau herrscht.
Sie spielen mit Ironie und Satire. Mich erinnert das an Martin Sonneborn, der mit seiner Ein-Mann-Partei im Europaparlament sitzt und mit Aktionen auffällt, die viele als anstößig bezeichnen. So hat er sich als Hitler-Attentäter Stauffenberg verkleidet und in Nazi-Uniform die Frankfurter Buchmesse besucht. Können Sie damit etwas anfangen?
Klar, ich hatte schon als Jugendlicher die „Titanic“ abonniert und ich mag Satire, selbst wenn jemand wie Sonneborn da künstlerisch ein paar Schritte weitergeht. Aber es ist nicht mein Zugang: Ich möchte Menschen nicht verletzen. Ich mag einfach Menschen.
Wie erklären Sie sich eigentlich, dass die Zeit schneller zu vergehen scheint, je älter man wird?
Es gibt Studien dazu, dass das tatsächlich so sein soll. Mir geht es nicht so. Vielleicht lebe ich inzwischen auch in einem sehr gemächlichen Tempo. Ich habe früher mal sehr schnell gelebt, war geradezu hyperaktiv, da habe ich dann 90 Stunden in der Woche gearbeitet.
Wer über Zeit redet, kommt irgendwann auf das Älterwerden.
Für mich ist das Älterwerden ein Geschenk, das ist ganz großartig, weil man so viel Gelassenheit gewinnt. Die habe ich als Jugendlicher, als ich die Welt verändern wollte, Demos organisiert habe, gar nicht gebraucht. Aber mir ist aufgefallen, dass das Thema Verzögerung der Zeit heute für sehr viel Jüngere interessant geworden ist. Im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie gesellt sich dazu das Thema, egal ob Alt oder Jung: Wie wirkmächtig sind wir eigentlich? Wir spüren ja jetzt eine Grenze, die uns auf Wesentliches zurückwirft. Und da sind wir wieder am Beginn unseres Gesprächs: Was ist uns wirklich wichtig? Ich bin sicher, dass die meisten auf die Frage „Was haben Sie während der Corona-Krise am meisten vermisst?“ nicht sagen: das Shopping. Sondern das Zusammensitzen mit Freunden bei einem Glas Wein. Oder das gemeinsame Musizieren.
Was ist Ihr nächstes Nichtstun-Projekt.
Der Sommer (lacht)! Außerdem schreibe ich an einem Buch.