Leidenschaft in der Beziehung Wie Paare ihre Intimität neu entfachen können

Vor allem Frauen leiden in Langzeitbeziehungen unter Lustlosigkeit. Viele fragen sich dann: lohnt Sex sich überhaupt? Foto: imago / stock&people

In langen Beziehungen lässt die Leidenschaft oft nach, Paare kämpfen mit dem Verlust von Nähe. Julia Henchen, Paar- und Sexualtherapeutin, zeigt auf, wie Paare ihre Intimität wiederbeleben können – jenseits von gesellschaftlichen Erwartungen und falschen Idealen.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

In ihre Praxis kommen viele Paare, denen in ihrer Beziehung die Leidenschaft abhandengekommen ist. „Der größte Lustkiller ist tatsächlich die Langzeitbeziehungen“, sagt Julia Henchen, die in der Nähe von Stuttgart ihre Praxis für Paar- und Sexualtherapie hat. Bei den meisten heterosexuellen Paaren seien es die Frauen, die die Lust auf Sex mit ihrem Partner verloren hätten.

 

Henchen schreibt in ihrem Buch mit dem Titel „Kopf aus – Lust an. Wie du deine Lustlosigkeit überwindest und ein erfülltes Sexleben führst“ (mvg Verlag, 17 Euro) darüber. Sie erzählt, wenn sie auf Partys jemand nach ihrem Beruf fragt und sie danach von ihrem Buch berichtet, sagen Frauen häufig: „Das kenne ich.“ Die Kinder, der Stress, wo soll da noch Zeit bleiben? Manchmal sagen Frauen dann beschämt, sie hätten seit sechs Monaten keinen Sex mehr gehabt, erzählt Henchen.

In langen Beziehungen lässt die Leidenschaft automatisch nach

Die beruhigt dann: „Es ist total normal, dass man gerade in langen Beziehungen Phasen hat, in denen man wenig oder keinen Sex hat. Mit der Zeit verändern sich Beziehungen und auch die Bedürfnisse“, so Henchen. In kaum einem anderen Lebensbereich würden wir uns so häufig vergleichen wie bei Liebesbeziehungen und beim Sex. „Die Menschen wollen immer gerne zum Mittelwert gehören.“

Zwei- bis dreimal die Woche – das ist oft die Standardantwort, wenn Menschen gefragt werden, wie oft sie mit ihrem Partner schlafen. „Manche Menschen lügen auch, einige Sachen, sie haben täglich Sex und manche denken, drei- bis viermal die Woche ist zu wenig“, sagt Henchen.

Aber es werde natürlich noch mehr verglichen: Besser? Wilder? Verrückter? Oft bauen sich Menschen dadurch aber einen großen Druck auf, und das endet häufig damit, dass Menschen Orgasmus- oder Erektionsprobleme bekommen oder überhaupt keine Lust mehr haben. „Aber die Frauen kommen dann zu mir und sagen in der Partnerschaft gibt es keinen Sex mehr, wahrscheinlich bin ich asexuell“, sagt Henchen. Das sei in der Regel selten der Fall.

Henchen sieht ein strukturelles Problem in der Gesellschaft, vor allem durch die fehlende Aufklärung von Frauen über ihre Sexualität und ihren Körper. Dadurch hätten viele ein falsches Bild von Sex und Beziehungen. Dadurch entstehe erst Lustlosigkeit. „Bei Frauen ist es häufig das Thema Stress und die Frage, finde ich den Sex überhaupt gut, also lohnt sich der Aufwand für diesen Sex überhaupt“, sagt Henchen. In der Gesellschaft existiere das Bild, wenn wir viel Sex haben, dann ist alles gut und wir leben gesünder, wer weniger Sex hat – nun ja, eher nicht so.

War da nicht diese eine Affäre?

Henchen hat den Eindruck, dass wir oft auch den spontanen, leidenschaftlichen Sex glorifizieren. Oft hätten wir Bilder von früher im Kopf, nach einem großartigen Abend, plötzlich sei dann da diese Lust gewesen und der Sex fantastisch. „Und wenn das dann nicht mehr so ist, dann kommen wir schnell ins Zweifeln und Denken, mit unserer Beziehung geht es bergab“, sagt Henchen und ergänzt: „Und dann kommt uns plötzlich ein Johannes in den Sinn, mit dem wir irgendwann vor zehn Jahren mal eine Affäre hatten und alles so aufregend war.“

Und dann sind wir natürlich auch von Hollywood beeinflusst. Julia Henchens Lieblingsbeispiel ist eine Szene aus der Serie „Sex and the City“, in der Miranda – abends erschöpft von Vollzeitjob sowie Kind-und-Schwiegermutter-Versorgen – beim Sex zu ihrem Partner Steve sagt, sie wolle es schnell hinter sich bringen. Ihre Freundinnen sind fassungslos, erst recht, als Miranda erzählt, sie habe seit sechs Monaten keinen Sex mehr mit ihrem Mann gehabt. „Unser Sexleben ist mit viel Scham und Sorgen verbunden. Viele fragen sich ständig, was normal ist“, sagt Henchen. Durch solche vermeintlich sex-positiven Serien werde aber ein Bild kreiert, dass Frauen häufig mit ihrem Mann Sex haben müssen, sonst betrügt und verlässt er sie.

Inzwischen ist es normaler geworden, sich Hilfe zu suchen, bei Problemen in der Partnerschaft – und auch bei sexueller Lustlosigkeit. Henchen hat daher eine Methode mit vier Schritten entwickelt, damit Paare nachhaltig etwas verändern können. „Häufig ist es ja so, dass viele zunächst glauben, sie fahren mal in den Urlaub und dann kommt die Leidenschaft schon wieder auf“, sagt die Sexualtherapeutin. Aber es gehe ja darum, im Alltag das Sexleben zu beflügeln, aber auch zu sagen, es ist okay, wenn man mal drei Monate keinen Sex hat.

Bei ihrer Methode gehe es also zunächst darum, in diesen vier Schritten herauszufinden, woran es überhaupt liegt. Und auch um die Frage: Was ist überhaupt Lust? Henchen bringt da gerne einen Vergleich mit einem tollen Konzert. Oft wachse ja die Vorfreude schon, wenn man sich die Karten kaufe, und die steigere sich dann bis zum Tag des Konzerts. „Wir freuen uns auf das, was kommt – und das können wir mit einem Konzertabend machen, aber auch mit einem Sexabend“, sagt sie.

Oft geht es dabei auch darum, erst einmal den eigenen Körper kennen zu lernen oder auch herauszufinden, was einem eigentlich gefällt. Dazu sei es letztlich auch wichtig, zum Thema Sex insgesamt eine entspannte Haltung zu haben. „Und dann ist es auch wirklich schön, wenn man sich gemeinsam eine Intimität erschafft, wo es nicht darum geht, wann und wie oft man welche Stellung gemacht hat, sondern dass man sich wirklich intim nahekommt“, sagt sie.

Aber was braucht es dazu? „Viel Fantasie“, rät Henchen. Und man müsse sich erlauben, bestimmte Fantasien zu haben, auch wenn die manchmal nicht den eigenen Werten entsprechen oder man das vielleicht auch nicht in echt tun würde. „Das ist bei vielen Frauen ein großes Thema.“

Zur Person

Leben
Julia Henchen ist systemische Paar- und Sexualtherapeutin und Sexualpädagogin. Sie hat einen Bachelor in Soziale Arbeit sowie einen Master in Psychosozialer Arbeit und Gesundheitsberatung abgeschlossen. Sie lebt in der Nähe von Weil der Stadt bei Stuttgart, wo sie auch ihre Praxis hat.

Werk
In ihrem Buch „Kopf aus – Lust an. Wie du deine Lustlosigkeit überwindest und ein erfülltes Sexleben führst“ beschäftigt sie sich mit weiblicher Lustlosigkeit. Sie betreibt zu dem den Instagram-Kanal „Lustfaktor“. (nay)

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