VfB Stuttgart Wie Sehbehinderte ein Spiel im Stadion erleben

Jörg Evers ist sehbehindert, lässt sich aber kaum ein Spiel des VfB Stuttgart in der Mercedes-Benz-Arena entgehen. Foto: Baumann

Warum geht ein Sehbehinderter wie Jörg Evers ins Fußballstadion? Weil seine Bilder im Kopf entstehen – dank Kommentatoren, die ihm das Geschehen auf dem Rasen schildern. Wir haben ihn bei einem Heimspiel des VfB Stuttgart begleitet.

Stuttgart - Es dauert nur fünf Minuten, dann reißt es die Zuschauer in der Mercedes-Benz-Arena erstmals von ihren Sitzen. Über links dringt Alexander Esswein in den Strafraum der TSG Hoffenheim ein, Chance für den VfB Stuttgart. Auch vor Jörg Evers, Untertürkheimer Kurve, Block 75b, Reihe 22, Platz 21, springen die Leute auf, mit ihren Rücken stehen sie vor seinem Gesicht. Jörg Evers bleibt trotzdem sitzen. Er bekommt auch so mit, dass TSG-Torwart Oliver Baumann den Schuss von Esswein pariert. Und selbst wenn er sich erhoben hätte – gesehen hätte er auch dann nichts.

 

Jörg Evers (53) ist VfB-Fan und stark sehbehindert. Er leidet an der sogenannten Makuladegeneration, einer nicht heilbaren Netzhauterkrankung, die bis zur vollständigen Erblindung führen kann. So schlimm ist es bei Jörg Evers nicht. Unmittelbar um sich herum kann er unscharfe Gesichter oder Gegenstände wahrnehmen. Schaut er in die Ferne, verschwimmen alle Kontraste. Wenn er von seinem Tribünenplatz aufs Spielfeld blickt, erkennt er das: „Eine grüne Fläche mit Ameisen.“

Früher HSV, jetzt VfB

Warum geht einer ins Stadion, wenn er nicht sieht, wie ein Tor fällt? Wenn er nicht einmal erkennt, wo gerade der Ball rollt, und rätselt, warum die Zuschauer pfeifen? Weil auf seinen Kopfhörern das ganze Spiel kommentiert wird. Weil dadurch die Bilder in seinem Kopf entstehen. „Und weil ich früher selbst Fußball gespielt habe und die Atmosphäre liebe.“

Jörg Evers trug in seinen Jugendtagen das rot-weiße Trikot des MTV Hanstedt. Abwehrspieler war er bei dem Dorfverein in der Nordheide, bis zur B-Jugend, dann wurden Mädchen und Autos interessanter. Er begann eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker – und merkte in der Berufsschule eines Tages, dass etwas nicht stimmt. Auf dem Stundenplan stand technisches Zeichen, Millimeterarbeit. Die Mitschüler legten los, „vor meinen Augen sind die Linien verschwommen“. Ein Augenarzt stellte bald darauf die niederschmetternde Diagnose.

Jörg Evers brachte die Lehre ins Ziel, doch sein Sehvermögen wurde zunehmend schwächer. Als Mechaniker konnte er nicht arbeiten und ließ sich zum Physiotherapeuten ausbilden – ein Beruf, bei dem die Hände wichtiger sind als die Augen. An der Berufsfachschule in Würzburg lernte er seine spätere Frau kennen, eine waschechte Schwäbin. Er zog in den Süden, sie ließen sich in Remseck nieder, bekamen drei Kinder. Aus dem Anhänger des Hamburger SV wurde ein VfB-Fan. „Zwei Clubs, die einen leiden lassen“, sagt Evers und lacht.

Vor 20 Jahren erstmals im Stadion

20 Jahre ist es her, dass sein Neffe Michael ihn erstmals mit ins Stadion nahm. VfB gegen den 1. FC Nürnberg, Endstand 2:3. Seither haben sie nicht viele Spiele verpasst. Gemeinsam werden sie auch an diesem Samstag nach Bad Cannstatt fahren, wenn die Nürnberger erneut in Stuttgart gastieren – so wie vor drei Wochen gegen Hoffenheim, als Esswein die erste Torchance vergibt.

„Schöner Steilpass von Zuber aus dem Mittelfeld in den Lauf von Esswein, er hat jetzt freie Bahn“, so hört Jörg Evers die immer lauter werdende Stimme auf seinem Kopfhörer, „Esswein ist bereits im Strafraum, mit links könnte er schießen, das tut er auch – aber nein, Baumann kommt gerade noch mit der Fußspitze dran und lenkt den Ball zur Ecke. Vorbei die Chance zur frühen Führung für den VfB.“

An einem eigenen Schalter am Blockeingang hat Evers vor dem Anpfiff von Volunteers des VfB den Kopfhörer bekommen, der über Funk verbunden ist mit zwei Mikrofonen auf der Pressetribüne. Dort sitzen Tobias Frey (32) und Torsten Hansel-Engelhard (42) und kommen kaum dazu, Luft zu holen. Ihre Aufgabe besteht darin, den maximal 30 Sehbehinderten im Stadion zu schildern, was auf dem Rasen vor sich geht. Zwei Kommentatoren für so wenig Zuhörer? „Anders würde es kaum gehen“, sagt Frey, „man redet sich den Mund fusselig.“

Radioreporter bieten mehr als TV-Kommentatoren

Wenn sich ein Spieler die Schuhe bindet oder Zeit beim Einwurf lässt, wenn sich die Reservisten warm laufen oder die Fans raunen, weil auf der Videowand das Zwischenergebnis aus einem anderen Stadion erscheint: Jedes Detail, das (fast) jeder selbst sieht, gießen Frey und Hansel-Engelhard in Worte. Normalerweise arbeiten sie beim SWR, Frey im Wirtschafts- und Umweltressort, Hansel-Engelhard in der Nachrichtenredaktion. Der Fußball ist ihr Hobby. Ihrer Reportertätigkeit im Stadion gehen sie im Wechsel mit anderen SWR-Gespannen in ihrer Freizeit nach. „Es ist schön, wenn man auch mal etwas zurückgeben kann“, sagt Hansel-Engelhard. Auch der langjährige SWR-1-„Leute“-Moderator Stefan Siller gehört zum Kreis der ehrenamtlichen Kommentatoren.

Jörg Evers ist ein so aufmerksamer wie dankbarer Zuhörer. Auch wenn im Fernsehen der Ball rollt, ist er meist dabei, sitzt auf dem Sofa – kann dem Spiel aber nicht immer folgen. TV-Reporter kümmern sich nicht um vermeintliche Kleinigkeiten. Gerne erinnert sich Evers daher an die EM 2008 zurück, als im deutschen Halbfinale gegen die Türkei (3:2) mehrfach das Bild ausfiel und Béla Réthy den fast 30 Millionen Fernsehzuschauern im ZDF detailgenau schildern musste, was in Basel vor sich ging. „Er hat das sehr gut gemacht“, sagt Evers. Auch an die Sat-1-Zeit von Werner Hansch denkt er gerne zurück. „Der kam vom Radio, das hat man gemerkt.“ Ihr Handwerk verstehen aber auch die SWR-Reporter in Stuttgart bestens, sagt Evers, er weiß diesen Service sehr zu schätzen.

Viel soziales Engagement beim VfB

Man kann manche Gründe finden, auf den VfB zu schimpfen. Dass er sich nicht um benachteiligte Menschen kümmern würde, gehört gewiss nicht dazu. Es gibt nicht viele Bundesligisten, die ihrer sozialen Verantwortung derart gewissenhaft nachkommen wie der VfB.

Seit vielen Jahren unterstützt der Verein die Kinderkrebs-Nachsorgeklinik Tannheim, organisiert mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei freiwillige Registrierungsaktionen, engagiert sich in der Vesperkirche und vielen weiteren Projekten. Bei den Heimspielen kommen nicht nur Sehbehinderte zu ihrem Recht, sondern auch bis zu 180 Rollstuhlfahrer. In naher Zukunft sollen auch Gehörlose und Menschen mit Demenz Unterstützung erfahren. „Wir überlegen ständig, wie wir allen gesellschaftlichen Gruppen das bestmögliche Stadionerlebnis bieten können“, sagt Steffen Lindenmaier, Verantwortlicher von „VfB fairplay“, unter dessen Dach alle Aktionen des Vereins zusammengefasst sind.

Für den sportlichen Erfolg jedoch sind die Kicker auf dem Rasen zuständig. „Jetzt nimmt Schiedsrichter Felix Zwayer seine Pfeife in den Mund und beendet das Spiel. Es bleibt beim 1:1. Immerhin ein Punkt für den VfB im Spiel gegen Hoffenheim“, so beschließen die Kommentatoren auf der Pressetribüne ihre Vollreportage und lehnen sich erschöpft zurück. In Block 75b nimmt Jörg Evers die Kopfhörer ab. Er freut sich schon aufs nächste Spiel.

Weitere Themen