Menschen, die älter als 50 Jahre als sind – und das hören manche jetzt vielleicht nicht gerne – sollten sich Gedanken darüber machen, wo und wie sie in ihrem letzten Lebensabschnitt wohnen möchten. Die Lebenserwartung in Deutschland steigt schließlich immer weiter an. Wer in Rente geht, hat gute Chancen, noch viele Jahre vor sich zu haben. Und die wollen die wenigsten Menschen im Seniorenheim verbringen. Laut Statistischem Bundesamt leben fast 20 Prozent der über 85-Jährigen noch in ihrem eigenen Zuhause.
Neue Konzepte sind notwendig
Umso wichtiger, dieses Zuhause wohnlich und vor allem altersgerecht zu gestalten. Bei dieser Gestaltung wollen Nina Marggraf, Innenarchitektin, und Jeanette Neidhardt-Rosenberger, Interior Designerin, Lichtplanerin und Feng Shui Beraterin helfen.
Denn die Vorbereitung nimmt Zeit in Anspruch: Vielleicht will man in eine andere Stadt oder aufs Land ziehen, dann ist es ratsam, sich möglichst früh an die neue Umgebung zu gewöhnen und soziale Kontakte zu knüpfen. Die beiden Frauen haben dafür eine Wohnschule gegründet, die Workshops und Vorträge in Stuttgart und Esslingen anbietet. Dabei geht es schwerpunktmäßig um das Thema „Wohnen in der Zukunft“.
„In der Gesellschaft muss sich etwas verändern, damit der Umzug ins Pflegeheim möglichst lange vermieden werden kann“, sagt Nina Marggraf. Die ersten Schritte würden gerade schon passieren: Manchmal ziehen Senioren zusammen in eine Wohnung wie bei Stundenten-WGs.
Außerdem werden Wohnprojekte beliebter, bei denen mehrere Generationen zusammen leben und sich unterstützen können. Manchmal sind Pflegedienste an solche Wohnanlagen angeschlossen, derzeit entstehen Wohnhäuser in Stuttgart-Mönchfeld, in denen die Menschen ab 60 in einer Wohnung zur Miete leben und bei Bedarf Pflegehilfe hinzubuchen können.
Ein wichtiger Aspekt ist auch die Größe des Wohnraums. „Beim Auto haben wir es schon geschafft, dass Familien eher zu einem größeren Modell greifen und später darf wieder der Sportwagen oder etwas Kleineres her“, sagt Jeanette Neidhardt-Rosenberger. So sollte es beim Wohnraum sein: Für Familien darf es ein großes Haus sein, aber wenn die Kinder ausgezogen sind, sollte an eine räumliche Verkleinerung gedacht werden. „Das muss nicht immer den Verkauf des Hauses bedeuten“, sagt Nina Marggraf, „man kann zum Beispiel schauen, ob sich das Haus in zwei Wohnungen teilen lässt“.
Das Land Baden-Württemberg hat eine Beratungsprämie von 400 Euro auf den Weg gebracht für Menschen, die sich so etwas überlegen, sie können einen Architekten oder eine Architektin engagieren, damit geklärt wird, ob das Haus umbautauglich ist. Sie müssen sich dafür vorher bei ihrer Gemeinde melden, falls diese an dem Umbauprogramm teilnimmt, kann sie das Geld beim Land abrufen.
Wie man sich von alten Möbeln trennt
Auch der Workshop „Wohnen mit leichtem Gepäck“ wird stark nachgefragt, erzählen Marggraf und Neidhardt-Rosenberger. Sie selbst bieten diesen Kurs erstmals im Herbst an. Aber an der Wohnschule in Köln – bei der sich die beiden ihr Konzept abgeschaut haben – sei er ein Klassiker, sagen sie. Inhaltlich geht es dabei sowohl darum, wie man auf weniger Raum gut lebt, als auch um die Frage, wie man sich guten Gewissens von alten Möbeln, Büchern oder Geschirr trennt.
Einen Appell richten die beiden Wohnpsychologinnen auch an die Architekten: „Grundrisse müssen flexibler gestaltet werden, sodass man bei Bedarf sogar Wohnungen zusammenschließen kann“, sagt Nina Marggraf. Heute sei es immer noch Standard, dass eine Wohnung ein großes Wohnzimmer, ein kleineres Schlafzimmer und ein noch kleineres Kinderzimmer hat. Der Wohnraum ist damit auf eine Familie festgelegt. Aber was, wenn eine WG einziehen möchte? Dafür ist die Raumaufteilung oft nicht geeignet.
Warme Farben und mehr Kontrast für Senioren
Wohngemeinschaften und Mehrgenerationenhäuser sind nicht für alle Senioren die Lösung. Deshalb bietet die Wohnschule auch einen Workshop mit dem Titel „Die Kunst, alleine zu wohnen“ an. „Dabei stehen Fragen im Vordergrund wie: Welche Wohnung kann ich mir leisten? Wie kann ich soziale Kontakte pflegen? Wie viel Nähe brauche ich?“, erklärt Jeanette Neidhardt-Rosenberger. Die ihrer Meinung nach ideale Wohnung fürs Alter ist barrierefrei zugänglich, hat ein angepasstes Bad, Steckdosen auf angenehmer Höhe, breitere Türen und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.
Sogar die Farbgestaltung sollte für ältere Menschen anders sein. „Das Auge verändert sich im Alter und kann Gelb- und Rottöne besser wahrnehmen als Grün oder Blau“, sagt Nina Marggraf. Außerdem sollten Kontraste deutlicher sein, zum Beispiel im Bad: Ein weißes WC vor einer weißen Wand könnte irgendwann schlechter erkannt werden.
Für die nächste Generation an Senioren sehen Marggraf und Neidhardt-Rosenberger auch große Chancen in Smart Homes. Sprachassistenten können an Termine erinnern, Bewegungsmelder schalten Lichter bequem selbsttätig ein und aus. Und an der Eingangstür kann man einen Schalter einbauen lassen, der beim Verlassen der Wohnung oder des Hauses alle elektrischen Geräte ausschaltet. Diese Techniken gibt es zwar heute schon, aber die beiden Frauen sehen erst in Zukunft eine größere Akzeptanz bei älteren Menschen, da diese dann schon an die Technik gewöhnt sind und sie vielleicht lieber einsetzen.
Info
Wohnschule
Die Wohnschule von Nina Marggraf und Jeanette Neidhardt-Rosenberger bietet Workshops und Vorträge in Stuttgart und Esslingen. Der erste Workshop findet am Samstag, 22. April, von 11 bis 16 Uhr statt. Er heißt „Wie will ich wohnen und wie wird mein Zuhause zum Wohlfühlort?“. Die Gruppe trifft sich im Kulturforum in Stuttgart-Uhlbach. Die Teilnahme kostet 80 Euro. Anmeldeschluss ist am 12. April. Infos unter https://wohnschule.com/
Weitere Anlaufstellen
Wer umbauen mag, kann bei der Architektenkammer Baden-Württemberg nach Architekten suchen oder beim Bund deutscher Innenarchitekten nachfragen.
Beratungsprämie
Die Beratungsprämie des Landes ist eine Unterstützung für die Städte und Gemeinden, ein neues Angebot zu schaffen. Die Höhe der Förderung beträgt pro Einzelfall 400 Euro. Die Eigentümer eines Einfamilienhauses sollen mit der Beratung durch eine Architektin oder einen Architekten eine erste Einschätzung erhalten, wie ungenutzter Wohnraum aktiviert werden kann. Ob die Prämie vor Ort angeboten wird, entscheidet jede Kommune selbst. Sie ist dann auch Ansprechpartner für Interessenten.