Das Smartphone ist allgegenwärtig. Foto: imago images/Shotshop/Monkey Business
Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts ist fast schon wieder vorbei – eine Zeit rasanter Veränderungen. Wir erleben eine historische Zäsur. Und die Digitalisierung schafft Menschen neuen Typs.
Knallrote Werbetafeln fesseln den Blick. Sie finden sich an vielen Stadtbahnhaltestellen in Stuttgart. „71 Prozent der Menschen verbringen mehr Zeit mit dem Handy als mit ihren Liebsten“, steht da zu lesen. Oder: „Im Durchschnitt checken wir alle sechs Minuten unser Smartphone.“
Werbung oder Warnung? So leicht ist das nicht zu unterscheiden. Offenbar werden die augenfälligen Botschaften unter anderem von Vodafone finanziert – einem Unternehmen, das mit alldem Geld verdient. Der irritierte Beobachter fühlt sich an Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“ erinnert. „Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewusstsein“, schreibt der Philosoph aus Karlsruhe. Zynismus verwandele die Aufklärung in eine Maskerade.
Davon einmal abgesehen: Vor 25 Jahren hätte niemand begriffen, was auf den Plakaten zu lesen ist. Smartphones wurden erst später zum Verkaufsschlager. Und warum hätten 71 Prozent der Menschen länger auf ein schlichtes Telefon starren sollen, als die eigene Frau, den Liebhaber, Freunde oder die Kinder anzuschauen?
Die flüchtigen Eindrücke vermitteln eine Ahnung davon, wie rasant sich die Welt gerade verändert. Sie veränderte sich im ersten Viertel dieses Jahrhunderts in einem Tempo, das einen schwindelig werden lässt – schneller als in anderen Perioden ähnlicher Dauer.
Eine neue Achsenzeit?
Geschichte fließt nicht gleichförmig dahin wie ein Strom von ewiger Konstanz. Sie verdichtet und beschleunigt sich gelegentlich, Stromschnellen oder Wasserfällen vergleichbar. Nicht jeder Zeitabschnitt von gleich bemessener Länge hat den gleichen Einfluss auf unsere Entwicklung. Karl Jaspers prägte dafür den Begriff der „Achsenzeit“. So nannte er die Epoche von 800 bis 200 vor Christus. Damals seien die geistigen Fundamente der heutigen Menschheit entstanden. Diesen Entwicklungsschub markierten philosophische und technische Fortschritte, die alle nachfolgenden Zivilisationen maßgeblich geprägt haben. Er hat die wesentlichen Kategorien hervorgebracht, in denen der Mensch noch heute denkt – und damit den modernen Menschen überhaupt.
Die 1949 formulierte Hypothese von einer „Achse der Weltgeschichte“ ließe sich auf weitere „Epochenschwellen“ anwenden – wie der Philosoph Hans Blumenberg die Phasen solcher Zeitenwenden genannt hat: Übergangsperioden zwischen zwei historischen Zeiträumen. Es handle sich dabei um einen „unmerklichen Limes“, der erst in der Rückschau erkennbar sei. Eine solche Epochenschwelle wäre nach 1400 mit dem Beginn der Neuzeit zu verorten, in der ein mechanistisches Weltbild sich entfaltet hat, Naturwissenschaften, Fortschrittsdenken, das moderne Individuum.
Der Revolutionär Lenin hat 1917 die Welt verändert – heute existiert sein Kommunismus nicht mehr. Foto: www.imago-images.de//Heritage Images
Der Historiker Reinhart Koselleck nannte die Epochenschwelle von der Frühen Neuzeit zur Moderne die „Sattelzeit“. Er meinte damit die Phase zwischen 1750 und 1850, als die Aufklärung blühte, die Gesellschaft sich in Revolutionen neu formierte, Schlüsselbegriffe des politischen Denkens (Staat, Bürger, Familie, Klasse) entstanden. Die Industrialisierung kam in Gang. Die Mobilität erfuhr eine Beschleunigung durch Eisenbahn, Dampfschiffe und dann auch durch Automobile. Weitere Dimensionen historischen Wandels wurden erkennbar: der soziale und demografische Wandel, das Entstehen einer Massenkultur.
Das 20. Jahrhundert war durch mehrere Epochenbrüche zerklüftet: 1917/18 kam der Kommunismus in die Welt, zugleich wurden viele Staaten zur Demokratie. 1945 endete das größte Menschheitsverbrechen der bisherigen Geschichte: der Holocaust. 1989/90 zerbrachen die Blöcke, die im Kalten Krieg erstarrt waren. Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama dachte, nun sei das „Ende der Geschichte“ erreicht.
Vieles deutet darauf hin, dass wir gerade einen ähnlichen Epochenbruch durchleben. Im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts haben sich vielerlei Verhältnisse grundlegend geändert, zum Teil in schwindelerregendem Tempo: Wegen massiv ansteigender Schadstoffemissionen treibt das Klima auf Kipppunkte zu, wodurch sich die Lebensbedingungen auf der Erde irreversibel verändern könnten. Die Weltbevölkerung ist seit dem Jahr 2000 um ein Drittel gewachsen, womit sich der Kampf um Ressourcen verschärft und der Klimawandel weiter angeheizt wird.
Die weltweiten Rüstungsausgaben haben sich in dem Zeitraum verdoppelt. Dazu kommen demografische und kulturgeschichtliche Umbrüche: Vor 25 Jahren lebten noch mehr Menschen unter 18 Jahren als über 65 in Deutschland. Heute gibt es anderthalb mal so viele Rentner wie Schüler. Zu Beginn des Jahrtausends gehörten noch 65 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche an, jetzt sind es 45,9 Prozent. Zur Jahrtausendwende wurden 60,4 Prozent der Neugeborenen getauft, heute noch 32,3 Prozent.
Die multiplen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse werden durch eine geopolitische Disruption überlagert. Mit der Wiederkehr des Imperialismus in Gestalt der Herren Trump, Putin und Xi kippen die Achsen der Weltpolitik. Der neue US-Präsident ist dabei, die Architektur der Weltordnung mit der Abrissbirne seiner Zölle, Hegemonialansprüche und der Umkehr erprobter Allianzen einzureißen.
Der Historiker Heinrich August Winkler, der die bisherige Erfolgsgeschichte des Westens in vier dicken Bänden verewigt hat, stimmte jüngst den Abgesang auf diese Periode an: „2025 dürfte zur tiefsten Zäsur der Weltgeschichte seit dem Untergang des Sowjetimperiums in den Jahren 1989 bis 1991, ja vermutlich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden“, lautet sein Fazit. Donald Trump verabschiede sich aus der westlichen Wertegemeinschaft, entledige sich des „normativen Erbes der eigenen Gründerväter“ und verabschiede sich aus der regelbasierten Ordnung der Vereinten Nationen. Wohin das führt, ist offen. Jedenfalls folgt auf das vermeintliche „Ende der Geschichte“ ein Kapitel, das die bisherige Geschichte binnen weniger Monate auf den Kopf stellt.
Zerstört bisherige Ordnungen: US-Präsident Donald Trump. Foto: Pool/AP
Nachhaltiger und definitiv unumkehrbar sind die technischen Umwälzungen, welche die Digitalisierung mit sich bringt. Nach der Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrifizierung und des Computers bedeutet der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) eine industrielle Revolution vierter Ordnung. „Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist mit einer Wucht und Geschwindigkeit über die Menschheit hereingebrochen wie keine andere Erfindung zuvor“, schreibt die Publizistin Eva Menasse. Digitaler Technik und deren Folgen misst sie die „Eigenschaften einer Naturgewalt“ zu. Sie verändere „sich und uns immer weiter, beständig nur in ihrem lawinenhaften Charakter“. Es handle sich hierbei um „die einzige und wahre Zeitenwende“.
Den digitalen Quantensprung seit Anfang des 21. Jahrhunderts veranschaulicht ein Blick auf die Entwicklung der Leistungsfähigkeit von Computern: 2001 hatte nach Informationen des Statistikportals Statista der damals stärkste Supercomputer der Welt eine maximale Rechenleistung von fünf TeraFLOP pro Sekunde. 2024 lag die Spitzenleistung bei 1 742 010 TeraFLOP pro Sekunde. Die Maßeinheit FLOP pro Sekunde bezeichnet die Anzahl der ausführbaren Rechenoperationen pro Sekunde. Der erwähnte Supercomputer El Capitan von Hewlett Packard bewältigt in einer Sekunde also 1 742 000 Billionen Rechenoperationen. Wir brauchen weitaus länger als eine Sekunde, um das überhaupt nur zu begreifen.
Wie das Leben online verläuft
Zu Beginn unseres Jahrhunderts, von dem jetzt knapp ein Viertel verstrichen ist, war gerade der Touchscreen für Mobiltelefone erfunden, die Suchmaschine von Google noch ein Novum. Wikipedia, aber auch Facebook und andere angeblich soziale Netzwerke, in denen die Generation der Digital Natives ein Großteil ihres Lebens verbringt, gab es noch gar nicht. Das Nokia 3210, ein legendärer Bestseller unter den Handys Anfang der 2000er Jahre war zwar mit einem Akku ausgestattet, der bis zu 15 Mal mal so lang Strom lieferte wie der moderner Geräte. Mit dem Ding konnte man aber nur telefonieren, allenfalls Kurznachrichten verschicken – es war kein Spielgerät, kein Miniaturkino, kein Computer für die Hosentasche.
1993 liefen gerade mal ein Prozent der globalen Informationsflüsse über das Internet. Im Jahre 2000 waren es immerhin schon 51 Prozent, 2007 bereits 97 Prozent. Vor 25 Jahren hatte nur jeder Vierte in Deutschland Zugang zum Internet, mittlerweile sind ziemlich alle online, abgesehen von Obdachlosen und ein paar Rentnern. In einer Studie von Ende 2000 hieß es: 57 Prozent der Jugendlichen nutzten zumindest gelegentlich das Internet, die Hälfte von ihnen sogar mehrmals in der Woche. Inzwischen verbringen die Deutschen im Schnitt 160 Minuten täglich online, bei Jugendlichen sind es 201 Minuten, also knapp dreieinhalb Stunden.
Das Smartphone ersetzt im Straßenbild das legendäre Brett vor vielen Köpfen. Manche nutzen es, als dürften sie den Screen für keine Sekunde aus den Augen lassen, würden sich ohne die dort ablesbaren Botschaften in ihrer Welt nicht mehr zurechtfinden – oder zu Tode langweilen.
„Die Digitalisierung ist der Fetisch unserer Zeit“, schrieb der Philosoph und Publizist Alexander Grau im „Spiegel“. Viele Nutzer digitaler Technologie könnten kaum noch unterscheiden, welche Art von Medienkonsum ihren eigenen Interessen entspricht, was wirkliche Freunde sind, welche Einkäufe auf persönlichen Wünschen beruhen – oder welche ihnen die Algorithmen der Internetkonzerne unterjubeln. Graus Bilanz: „Die Abhängigkeit von Software, Apps, Netzwerken und Onlinediensten nimmt immer umfassender Formen an.“
Wie das Ende der Geschichte aussehen könnte
Im digitalen Zeitalter ist für viele ein Leben ohne Smartphone und Internet kaum noch vorstellbar. Wir konsumieren digital, unterhalten uns digital, arbeiten digital – und eine wachsende Zahl von Zeitgenossen bedient sich dieser Technik auch bei der Partnersuche. Der Homo digitalis fühlt sich dank allgegenwärtiger Zugriffsmöglichkeiten auf umfassende Informationen und multipler Kommunikationsoptionen autonom und frei – und ist doch vielleicht unfreier, beobachteter und manipulierter denn je. Viele verhalten sich eher wie Gefangene einer Technik, die ihnen ungeahnte Möglichkeiten vorgaukelt, zugleich aber den Blick vernebelt für die Unterschiede zwischen Social Media und sozialem Verhalten, Freunden und „Freunden“, lieben und liken.
Während frühere technische Innovationen den Menschen äußerlich blieben, so Grau, drohe die Digitalisierung uns als Person selbst zu verändern. Welchen Beitrag die Künstliche Intelligenz dazu leisten wird, lässt sich allenfalls erahnen.
Wir trudeln durch einen Wirbel von Veränderungen, die nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch unsere Kommunikation, den Umgang miteinander, die Selbstwahrnehmung revolutionieren – und bereits revolutioniert haben. Die Historiker künftiger Generationen werden dafür neue Begriffe finden müssen. Womöglich überlassen sie dies aber auch schlichtweg der KI. Unter diesen Umständen wäre wohl tatsächlich ein „Ende der Geschichte“ erreicht.