Wie soll die Fernwärme erzeugt werden? Stuttgart nimmt Nutzung der Erdwärme ins Visier

Die verheerenden Erfahrungen mit Geothermie in Staufen sind in unguter Erinnerung, aber muss dies das letzte Wort sein? Foto: dpa/Patrick Seeger

Bisher ist das Potenzial fast völlig ungenutzt, meint man im Amt für Umweltschutz. Das solle sich ändern. Doch noch sind schlimme Erfahrungen in Südbaden ein Hemmnis.

Die Fernwärme in Stuttgart soll im Jahr 2035 ganz klimaneutral und schon im Jahr 2030 mindestens zu 50 Prozent klimaneutral erzeugt sein. Das haben sich die Stadtverwaltung und einige Gemeinderatsfraktionen vorgenommen – und über die dafür notwendigen Maßnahmen soll nach den Sommerferien ein Gutachten vorliegen. Für den Energieexperten der Stadt, Jürgen Görres, und für diverse Fraktionsvertreter ist bereits jetzt klar, dass bei der Wärmeerzeugung auch in Stuttgart mehr auf Geothermie, also Wärmegewinnung aus der Erde, gesetzt werden sollte.

 

Kann man in Stuttgart 4000 Meter tief bohren?

Christoph Ozasek von der Fraktionsgemeinschaft Puls meint, es sei jetzt an der Zeit, die Fortschritte auf dem Gebiet der Geothermieerschließung anzuerkennen und den „Staufen-Schock abzuschütteln“. Gemeint ist die Ernüchterung über schlimme Gebäudeschäden, die sich infolge von Geothermiebohrungen in Staufen in Südbaden ergaben.

Lesen Sie aus unserem Angebot: So ringen Stadt und EnBW bei der Fernwärme

Auch Görres, Abteilungsleiter beim Amt für Umweltschutz, hat wegen solcher Störfälle „nicht mehr so große Sorge“. Natürlich müsse man die Heilquellen in Stuttgart schützen und größte Sorgfalt walten lassen, aber man müsse Bohrungen jetzt nicht mehr auf eine Tiefe von 100 Metern begrenzen, könne auch 850 bis 1000 Meter tief gehen, um Erdwärme anzuzapfen. Stellenweise seien auch in Stuttgart Bohrungen in 4000 bis 5000 Meter denkbar. Jedenfalls habe Stuttgart vom Potenzial, das es bei Geothermie gebe, erst rund ein Prozent ausgeschöpft. Wie groß es wirklich ist, soll auch noch näher ausgelotet werden. Ebenso die möglichen Freiflächen für Wärmegewinnung mit Solarzellen. Das Abgreifen von Wärme aus Abwasserleitungen, meint Görres, spiele für das Fernwärmenetz keine große Rolle, biete sich eher in dezentralen Wärmenetzen an.

Wie harmonisch sind die Ziele von Stadt und EnBW?

Noch diskutiert man im Rathaus beim Fernwärmenetz über das Eigentum der Firma Energie Baden-Württemberg (EnBW). Da sie sich aber auch Klimaneutralität im Jahr 2035 vorgenommen habe, erkennt Jürgen Görres „keinen Zielkonflikt“ zwischen der Stadt und der EnBW in dieser Frage. Dass das landeseigene Unternehmen zunächst Erdgas statt Öl und Kohle einsetzen will, um Wärme zu erzeugen, später einmal grünen Wasserstoff aus regenerativen Quellen, gehe in die richtige Richtung. Man bewege sich bis 2035 auf einem gemeinsamen Zielpfad.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Darum ist die SPD skeptisch bei der EnBW-Strategie

Ratsfraktionen wie die Freien Wähler sind damit rundum zufrieden. Stadt und EnBW müssten an einem Strang ziehen, damit man weiterkomme, sagt Fraktionschef Konrad Zaiß. Andere Fraktionen wie das Linksbündnis stellen infrage, ob EnBW und Stadt wirklich ein gemeinsames Ziel haben. Der Wasserstoff, den die EnBW auf längere Sicht einsetzen will, sei in der Herstellung aufwendig und teuer und auch nicht ausreichend für alle Anwendungszwecke vorhanden, heißt es da.

Auch Erdgasverbrennung ruft Skepsis hervor

SPD-Stadtrat Michael Jantzer befürchtet deshalb, dass mit Wasserstoff die Fernwärme „unsoziale“ Konditionen nach sich ziehen würde. Die Wasserstoffstrategie der EnBW sei „untragbar“. Bis 2030, wenn mindestens schon die Hälfte der Fernwärme klimaneutral hergestellt sein müsse, werde grüner Wasserstoff für diese Zwecke gar nicht verfügbar sein. Nötig sei nicht nur Klimaneutralität der Fernwärme, sondern die Dekarbonisierung der Erzeugung. So kritisiert die SPD auch, dass die EnBW nicht nur in Stuttgart-Münster zur Überbrückung Erdgas statt Kohle einsetzen wolle, sondern auch im Kraftwerk in Esslingen-Altbach.

Hannes Rockenbauch vom Linksbündnis meint, im Ziel der klimaneutralen Fernwärme stimme man vielleicht überein, aber nicht beim Grad der angepeilten Energieeffizienz bei der Produktion der Fernwärme. Christoph Ozasek fordert, dass die Stadt endlich kritischer mit der Wasserstoffstrategie der EnBW umgeht, doch Alexander Kotz (CDU) warnt, für Klimaneutralität müssten alle Optionen gezogen werden, auch die Wasserstoffoption.

Weitere Themen