Stadtkind Stuttgart

Wie steht es um den Gin-Hype in Stuttgart? Mutters Ruin

Von Björn Springorum 

Er hat keine Tradition hier, er ist nicht mal besonders schwer herzustellen. Dennoch erfreut sich Gin, vorzugsweise mit Tonic Water, größter Beliebtheit. Wir sind der Sache auf den Grund gegangen.

Will mitspielen: Stuttgarts neuester Spirituosen-Zuwachs Ginstr. Foto: Ginstr 2 Bilder
Will mitspielen: Stuttgarts neuester Spirituosen-Zuwachs Ginstr. Foto: Ginstr

Stuttgart - Den armen Londonern ging es im 18. Jahrhundert richtig mies. Dreckige Straßen, dreckige Häuser, dreckige Luft. Die monströsen Arbeitsbedingungen verschlangen die Menschen und spuckten sie zwölf Stunden später wieder aus. Wie man das ausgehalten hat? Wie so oft – mit Saufen. Gin wurde im alten London viel und oft getrunken, gern mit warmem Wasser, wenn es kalt war. Und kalt war es eigentlich fast immer. „Gin und Tonic rettete mehr Engländern Leben und Verstand als alle Ärzte des Empire“, sagte Winston Churchill mal. Ein denkwürdiger Spruch für hochprozentigen Alkohol, der in England gerne auch „Mother's Ruin“ genannt wurde und von 1840 bis 1880 gar verboten war. 150 Jahre später ist aus dem Arme-Leute-Fusel ein Getränk von Welt geworden, ein Accessoire des distinguierten urbanen Teilzeit-Bohemiens, dessen angeblich intime Kenntnis der Materie weit über die eines Barchefs hinausgeht. Wie konnte das passieren?

 

Lebenseinstellung mit ordentlich Umdrehungen

 

Erstmals namentlich erwähnt wurde der Wacholderschnaps im 17. Jahrhundert, seine Bezeichnung hat er vom lateinischen Namen der Beere, Juniperus. Geschüttelt, aber nicht gerührt wurde er im Martini durch James Bond weltberühmt, seinen verheerenden Siegeszug erreichte er aber erst, als er in klassischer Highball-Manier auf schicksalhafte Weise mit Tonic Water gemischt wurde. Das taten die Engländer in Indien nicht zum Spaß: Zum Schutz vor Malaria schütteten sie literweise chininhaltiges Tonic in sich rein, der Gin sollte es einfach geschmacklich besser machen. Gut, und geknallt hat es dann auch viel schöner.

 

Alles eigentlich keine Geschichte, die den zeitgeistigen Siegeszug des Gin Tonic erklären könnte. Und doch ist er heute so allgegenwärtig, so beliebt wie nie. Man trinkt Gin Tonic mittlerweile nicht mehr. Man drückt eine Lebenseinstellung aus, die nebenher besoffen macht. Der Streit um das richtige Tonic für den Gin hat den Streit ums abendliche Fernsehprogramm ersetzt, jeder, der „einfach nur einen Gin Tonic“ bestellt, wird angeguckt wie jemand, der gerade zugegeben hat, Böhse-Onkelz-Fan zu sein.

 

Zeitgeist in Flaschen

 

Auch in Stuttgart wird mittlerweile eine Menge Gin hergestellt. Die Buben von Applaus machen eine betont würzige Variante draus, die pur fast am besten schmeckt (eine etwas reduziertere Version ist wohl gerade in Arbeit) und zu Recht für Furore gesorgt hat, mit Ginstr drängt jetzt ein weiterer Stuttgarter Gin-Brenner auf den Markt. Regionalität wird hier groß geschrieben, unter anderem werden Cannstatter Mineralwasser und Stuttgarter Botanicals verwendet. Dahinter steckt mit Markus Escher vom gleichnamigen Weingut aus Schwaikheim ein Jungwinzer, der sich mit seinem Wild Gin schon mal einen Gin im Geiste der Remstaler Weinberge ausgedacht hat und jetzt gemeinsam mit Alexander Franke einen Wacholderschnaps für den Kessel herstellt.

 

Nimmt man noch den Swabian Dry Gin aus der Nähe von Horb und natürlich den mittlerweile weltbekannten Monkey 47 dazu, drängt sich natürlich der Verdacht auf, ob da mittlerweile nur noch des Trends wegen mitgemischt wird. Für Stoff Büttner von Applaus Gin liegt darin nichts Negatives: „Trends haben immer auch etwas mit Zeitgeist zu tun“, meint er. „Wir von Applaus sind alle sehr große Gin-Tonic-Fans. Und wie es eben so ist: Wenn man etwas sehr mag, versucht man doch gern, es anders und besser zu machen.“

 

Ihnen, und zweifellos auch anderen jungen Kollegen, ging es also explizit um das Treffen des Zeitgeists. Keine Einwände, ohne solche findigen Entrepreneure wäre die Stadt um einiges ärmer. Dieses Vorgehen bedeutet in diesem speziellen Fall aber eben dennoch eine gewisse Erfolgsgarantie, wenn man auch als Neuling plötzlich unter die Gin-Brenner geht. Oder hat irgendjemand hier jemals wieder etwas vom Kessel Vodka gehört? Hätten sie auch mal einen Gin gemacht...

 

Lars Erdmann von der Destillerie Kohler aus Stuttgart-Heumaden ist durchaus ein Gin-Freund, füllte schon 2006 seinen ersten Gin ab und ist begeistert von den vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten mit Wacholder und anderen Botanicals.

 

Gin brennen ist gar nicht so schwierig

 

Erdmann sagt aber auch: „Gin ist ein sehr sehr einfach herzustellendes Produkt, man muss weder auf die Saison und das Wetter, noch auf Umwelteinflüsse Rücksicht nehmen. Man entwickelt einmalig eine Rezeptur und einen Prozess der Destillation, dann kann das jeder. Man muss sich weder mit Obst noch mit dem Einmaischen auseinandersetzen, man muss sogar weniger putzen.“ 

 

Klar ist viel Auswahl toll, klar gibt es viele gute Gin-Brenner, die mehr zu bieten haben als ein fancy Etikett. Man muss sich eben nur darüber im Klaren sein, dass man den Lifestyle und das elitäre Gefühl gleich ordentlich mitbezahlt. Ein stinknormaler Gordon's Gin, gemischt mit dem Tonic von Schweppes, schneidet bei Blindverkostungen zum Beispiel immer hervorragend ab. Ein teurer Indie-Gin ist eben nicht automatisch besser, ein preiswerter Standard-Gin nicht automatisch schlechter.

 

Trend in Sicht

 

Die Queen Mum, deren erklärter Lieblingsdrink Gin Tonic war, hätte zu diesem Thema bestimmt etwas zu sagen gehabt. Leider können wir sie nicht mehr fragen und stellen also mal wieder fest: Es soll bitte jeder trinken, was er will. Aber sobald man aus einem Rauschmittel eine Wissenschaft oder, noch schlimmer, eine Pseudoreligion macht, hört der Spaß auf. Und um den sollte es doch vorrangig gehen. Wenn man dann noch die Möglichkeit hat, regionale Produkte zu unterstützen, ist das natürlich doppelt super. Es muss ja aber vielleicht nicht immer der Hipster-Gin mit dem Schnurrbart-Etikett sein. Vielleicht hat ja eine kleine Brennerei in der Nähe auch einen leckeren Gin im Angebot? Oder wie wäre es mal mit was ganz anderem? Das Ende des Gin-Booms sieht man in der Destillerie Kohler nämlich eh längst gekommen. „Rum steht schon in den Startlöchern.“ Also Leute, schafft euch schon mal Zuckerrohr an!

 

Applaus Gin: www.applausgin.com

Destillerie Kohler: www.destillerie-kohler.de

Stuttgart Distillers: www.stuttgartdistillers.com

 




Unsere Empfehlung für Sie