Was ist passiert? Seit über 40 Jahren gibt es im Gebiet „Über der Straße“ ein Areal mit Geschäften, Gaststätten, zahlreichen Wohnungen und einer Arztpraxis. Es handelt sich um eine Fußgängerzone, die von mehreren Seiten mit Pollern gegen Verkehr abgesichert ist. Allerdings konnten diese Modelle mit Dreikantschloss einfach geöffnet werden, was offenbar auch reichlich genutzt worden ist. Für Lieferverkehr, Umzüge, Handwerker oder auch Krankentransporte.
Kommen Rettungskräfte durch?
Seit kurzem ist das unmöglich. Denn die Stadt hat neue grün-weiße Poller aufgestellt, die mit einem Vorhängeschloss gesichert sind. Offenbar sind alle in dem betroffenen Gebiet an der Bernsteinstraße davon überrascht worden, bei vielen rumort es deshalb kräftig. Der Anlieferverkehr blockiere nun regelmäßig die Rettungszufahrt, es sei zudem eine Zumutung, dass der Großkomplex überhaupt nicht mehr mit dem Auto erreichbar sei. Und es besteht die Befürchtung, dass auch Feuerwehr und Rettungsdienst im Notfall nicht mehr durchkommen. Es könne nicht sein, dass Rettungskräfte im Notfall viel Zeit verlören oder gar einen Bolzenschneider dabei haben müssten, heißt es.
Mittlerweile haben sich diverse städtische Stellen mit dem Poller-Zwist befasst. Auch Bezirksvorsteher Hans Peter Klein kennt den Fall zur Genüge. „Das ist eine lange Geschichte, zu der es sehr unterschiedliche Meinungen gibt“, sagt er. Die Zahl der Beschwerden sei kaum noch zu zählen – allerdings von beiden Seiten. Während die einen bisher vehement ein Vorgehen gegen illegale Befahrungen gefordert hätten und die neue Lösung gut fänden, gebe es wiederum andere, die um die Sicherheit fürchteten und von unzumutbaren Beschränkungen für die Anwohner sprächen.
„Rein verkehrsrechtlich ist die Sache eigentlich einfach. Das sind dort schon immer alles Gehwege, die nicht befahren werden dürfen“, so Klein. Die Poller seien aber immer wieder entfernt worden. Er habe sich auch noch einmal bei der Stadtverwaltung über die Gründe für die Vorhängeschlösser und die rechtliche Situation informiert.
Dort lässt man keinen Zweifel daran, dass man wenig Verständnis für Proteste hat. „Bei der Wegeführung des Gebäudekomplexes handelt es sich seit jeher um einen gewidmeten öffentlichen Gehweg, welcher auch als solcher beschildert und per Zusatzzeichen lediglich für Radfahrende freigegeben ist“, heißt es in einer Stellungnahme des Ordnungsamts. Wer motorisiert unterwegs sei, „hat dort nichts verloren“.
Bauliche Schäden durch Autos
Dort hätten sich auch zuvor schon Poller befunden, die jetzt aber mit den Schlössern verstärkt worden seien, so das Ordnungsamt. „Die Stadt geht damit gegen das andauernde Entfernen der Poller vor. Es ist zu verhindern, dass der Gehweg vom motorisierten Verkehr benutzt wird, was nicht zuletzt auch zu baulichen Schäden führt.“
Rettungseinsätze seien „nach Rücksprache mit dem DRK und der Feuerwehr auch an dieser Örtlichkeit gewährleistet“. Eine entsprechende Abstimmung vor Anbringen der Schlösser sei erfolgt. Wer im besagten Gebiet zu tun habe, müsse die öffentlichen Parkplätze entlang der Bernsteinstraße nutzen. Das gelte auch für Lieferverkehr, Handwerker und Paketdienste. Wer sich vor die Poller stelle und so im Notfall die Zufahrt blockiere, parke rechtswidrig. „Der Beginn, die Einfahrt des beschriebenen Gehwegs, ist unverändert als Brandschutzzone ausgeschildert“, so die Stadt.
Es besteht für die verärgerten Anwohner also keine Hoffnung, dass die Vorhängeschlösser wieder verschwinden. Aber immerhin: Die Sicherheit im Gebiet sollte nicht gefährdet sein. Das bestätigt auf Anfrage auch die Stuttgarter Feuerwehr.