Wiederbelebt nach plötzlichem Herztod Zurück im Leben

Von Regine Warth 

Der Todesfall des Eberspächer-Chefs Heinrich Baumann ist kein Einzelfall: Jedes Jahr brechen rund 65 000 Bundesbürger leblos zusammen. Doch der plötzliche Herzstillstand ist kein schicksalhaftes Ereignis. Ein Mann, der überlebt hat, berichtet.

Stuttgart/Frankfurt - Wenn Thomas Schaberger an den 1. November 2016 denkt, empfindet er eine seltsame Leere, denn der Tag hätte sein Todestag sein können. „Ich selbst erinnere mich an nichts“, sagt der 59-Jährige. Was genau an jenem Herbsttag vorgefallen ist, hat er aus Schilderungen anderer mühsam zusammenpuzzeln müssen – denen seiner Lebensretter, der Ärzte und seiner Kollegen. „Es fing an, dass ich bei der Arbeit über Schmerzen im Brustkorb geklagt habe“, sagt Thomas Schaberger. „Auch bekam ich so schlecht Luft.“ Eine Kollegin wollte ihn noch zum Arzt fahren, letztlich stieg der Unternehmer selbst ins Auto. Ein paar Kilometer weiter dann, mitten auf der Landstraße, hörte sein Herz auf zu schlagen. Der Wagen rollte aus, blieb einfach auf der Fahrbahn stehen.

Einen plötzlichen Herztod erleiden jedes Jahr rund 65 000 Bundesbürger, besagt die Statistik der Deutschen Herzstiftung. Nach neuen Erkenntnissen ist er hierzulande für mindestens sieben Prozent aller Sterbefälle verantwortlich. Häufig erwischt es jene, die noch lange nicht ans Sterben denken, weil sie 60 Jahre oder jünger sind: den geschäftsführenden Gesellschafter des Esslinger Autozulieferers Eberspächer, Heinrich Baumann, etwa, der vor wenigen Tagen im Alter von 54 Jahren auf diese Weise bei einer Bergwanderung in den Tegernseer Alpen sein Leben verlor. Nur bei wenigen Betroffenen gelingt die Rettung: Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung gelingt es lediglich bei fünf bis zehn Prozent der Betroffenen, also etwa 5000 bis 6000, das Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Und von diesen stirbt bald darauf noch eine große Zahl aufgrund der schweren körperlichen Schäden, die durch das Ereignis aufgetreten sind. „Ich habe damals Glück gehabt“, sagt auch Thomas Schaberger.

Nach zwei Elektroschocks beginnt Schabergers Herz wieder zu schlagen

Dass er am Leben ist, hat er Elke Spahn zu verdanken, die mit ihrem Sohn Felix in einem entgegenkommenden Auto saß, anhielt und, ohne zu zögern, mit der Herzdruckmassage begann, bis der Notarzt eintraf. Nach zwei folgenden Elektroschocks fing Schabergers Herz wieder an zu schlagen. In der Uniklinik Frankfurt wurde der damals 55-Jährige in ein künstliches Koma versetzt. Das stark beschädigte Herz musste sich erst erholen. „Als ich wieder aufwachte, sagte man mir, ich hätte einen schweren Herzinfarkt mit Herzstillstand überlebt.“

Die Begebenheit schockierte Schaberger. Zuvor war er als Geschäftsführer und Vertriebsleiter eines mittelständischen Unternehmens immer unterwegs gewesen, immer erreichbar, immer alles unter Kontrolle. Nun wurde er von seinem Herzen im Stich gelassen. „Für mich kam dieser schwere Infarkt wie aus heiterem Himmel.“

Dabei ereilt der plötzliche Herztod häufig die Betroffenen alles andere als überraschend, wie der Kardiologe Thomas Nordt betont, der bei der Deutschen Herzstiftung im wissenschaftlichen Beirat sitzt. Meist ist die Ursache eine Erkrankung des Herzens, die von den Betroffenen nicht bemerkt werden konnte oder ignoriert wurde. Die koronare Herzkrankheit nimmt dabei eine Vorreiterstellung ein. „In den allermeisten Fälle von plötzlichem Herztod hat eine solche langjährige Erkrankung bestanden, die mitunter zu einer Verengung der Herzkranzgefäße geführt und den Durchfluss von sauerstoffreichem Blut behindert hat“, sagt der Ärztliche Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßkrankheiten am Klinikum Stuttgart. Raucher, Diabetiker, Menschen mit Bluthochdruck oder einer Fettstoffwechselstörung sind daher besonders anfällig.

Bei Schaberger ist es nicht ganz klar, was den plötzlichen Herztod bei ihm verursacht hat

Reißt ein solch brüchig gewordenes Gefäß an der Innenwand, können sich Gerinnsel bilden und die Arterie komplett verstopfen. „Dann bahnt sich ein akuter Infarkt an“, sagt Nordt. Teile des Herzmuskels werden nicht mehr mit Blut versorgt, sie erhalten keinen Sauerstoff mehr. Je nachdem, wie viel Gewebe betroffen ist, kann das Herz den Kreislauf nicht mehr in Gang halten.

„Die häufigste Todesursache ist allerdings das Kammerflimmern“, sagt der Kardiologe Nordt. Die Herzzellen schlagen nicht mehr im Takt. Die Folge ist ein unkontrolliertes Zucken des Herzmuskels in einer Frequenz von mehr als 300 Schlägen pro Minute. Blut kann das Organ in diesem Zustand nicht mehr befördern – auch hier bricht der Kreislauf zusammen. Aber auch eine angeborene Erkrankung des Herzmuskels, ein Herzfehler oder eine Herzklappenerkrankung kann zu einem solchen Stillstand führen.

Bei Schaberger ist es nicht ganz klar, was den plötzlichen Herztod bei ihm verursacht hat. „Ich hatte bis kurz vor dem Infarkt keine Beschwerden, die ich bewusst wahrgenommen hätte“, sagt er. Natürlich habe er damals ein anstrengendes Leben geführt. Fast täglich war er quer durch Deutschland unterwegs auf Dienstreisen, manchmal führten diese auch ins benachbarte Ausland. Sport und regelmäßiges Essen, ausreichend Schlaf bildeten in seinem durchgetakteten Leben eher die Ausnahme. „Dennoch habe ich mich in all den Jahren fit gefühlt“, so Schaberger.

Die Deutsche Herzstiftung appelliert, schon kleine Vorboten ernster zu nehmen

Anlässlich des Weltherztages am 29. September versucht die Deutsche Herzstiftung, solch tödlichen Zusammenbrüchen zuvorzukommen, und mahnt, schon kleine Vorboten ernster zu nehmen: etwa Herzschmerzen, auch Angina Pectoris genannt, sowie plötzliche Luftnot, die unter körperlicher und seelischer Belastung auftritt, und kurze Bewusstlosigkeiten. Allerdings betrifft das nur ein Drittel der Betroffenen. „Viele aber erleiden einen stummen Infarkt“, sagt Thomas Voigtländer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. Das bedeutet, die Betroffenen können sich wie Schaberger an Vorzeichen wie Schmerzen oder Atemnot nicht erinnern. Offiziellen Angaben zufolge leiden derzeit sechs Millionen Menschen an einer solchen Durchblutungsstörung des Herzens. Doch Ärzte wie Thomas Nordt sind skeptisch: „Es gibt da sicher eine hohe Dunkelziffer.“

Dabei lässt es sich leicht feststellen, wie gefährdet man ist, an der Koronaren Herzkrankheit zu leiden: Für eine rechtzeitige Therapie rät die Herzstiftung jedem ab 40 Jahren, zur Früherkennung durch Check-ups beim Hausarzt zu gehen. Ist eine Herzerkrankung diagnostiziert, braucht es regelmäßige Kontrollen beim Kardiologen und Internisten. „Wichtig ist natürlich die Vorbeugung“, betont auch Voigtländer. Dies gelingt am besten durch einen gesunden Lebenswandel mit ausgewogener Ernährung, gutem Schlaf und ausreichend Bewegung in Form von ausgedehnten Spaziergängen oder Ausdauersportarten wie Joggen oder Walken. „Der Sport trainiert den Herzmuskel und hält auch die Gefäße elastisch.“

Mehr mit dem Fahrrad statt mit dem Auto

Schaberger versucht nun, mit Fahrradfahren sein Herz zu trainieren. Beruflich reist er nicht mehr ständig im Auto quer durch die Republik. „Ich habe den Job gewechselt, meine Arbeitszeit drastisch reduziert und bin nicht mehr so oft unterwegs.“ Doch der Infarkt hat Spuren hinterlassen: „Ich fühle mich gesund, bin aber längst nicht mehr so belastbar wie früher“, sagt der 59-Jährige. Er ist schneller müde, muss bei Anstrengungen des Öfteren kräftig durchatmen. Auch engagiert er sich in Sachen Reanimation, beteiligt sich an Infokampagnen wie der jährlichen Woche der Wiederbelebung. Mit seinen Lebensrettern von damals, Elke und Felix Spahn, trifft er sich noch heute – zum Grillen oder auf ein Glas Wein. Aus der schicksalhaften Begegnung vor vier Jahren ist Freundschaft geworden.

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