Köln/Stuttgart - Es bleiben im Schnitt drei bis fünf Minuten, in denen es gelingen kann, den Sterbeprozess eines Menschen mit plötzlichem Herz-Kreislaufstillstand aufzuhalten. Danach kommt es im Gehirn aufgrund der mangelnden Sauerstoffunterversorgung zu bleibenden Schäden. „Diese kurze Zeitspanne abzufangen, schafft kein Notarztsystem der Welt“, sagt Bernd Böttiger, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung. Dafür braucht es diejenigen, die gerade anwesend sind, wenn einer einen Herzstillstand erleidet: Freunde, Familienangehörige oder der zufällig vorbeikommende Passant. Diese könnten die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes effektiv überbrücken und mit Erster Hilfe das Gehirn am Sterben hindern. Das Problem ist nur: Die wenigstens tun es. So werden nach Angaben der Deutschen Herzstiftung zwar 60 bis 70 Prozent der Herzstillstände von Zeugen auch als solche richtig erkannt. Doch nicht einmal die Hälfte der Anwesenden beginnt nach Absetzen des Notrufs mit Wiederbelebungsmaßnahmen. Wir erklären, wie diese funktionieren:
Wie zeigt sich ein Herzkreislaufstillstand?
Bei einem Kreislaufkollaps, so erklärt es die Deutsche Herzstiftung, hört das Herz auf zu schlagen, der Blutdruck sinkt auf null. Der Betroffene verspürt nach vier Sekunden eine Leere im Kopf. Nach acht Sekunden bricht er bewusstlos zusammen. Wird dann nicht mit der Wiederbelebung begonnen, tritt nach wenigen Minuten der Tod ein.
Wie funktioniert die Wiederbelebung?
In den ersten Minuten befinden sich im Körper nach dem Herz-Kreislauf-Stillstand noch genügend Sauerstoff und Nährstoffe im Blut, um die Versorgung des Organismus zu gewährleisten, bis der Notarzt kommt – wenn sofort mit Erster Hilfe begonnen wird. Diese erfolgt nach dem Prinzip „Prüfen, Rufen, Drücken“, sagt Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln. Das bedeutet: Zur Prüfung, ob es sich bei dem Bewusstlosen um eine Person mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand handelt, wird diese laut angesprochen und geschaut, ob sich der Brustkorb atemsynchron bewegt. Ist dies nicht der Fall, wird der Notruf 112 abgesetzt. Dann den Patienten in Rückenlage bringen, Brustkorb freimachen und den Druckpunkt für die Herzdruckmassage bestimmen. Dieser liegt in der Mitte der imaginären Linie, die die beiden Brustwarzen bilden. „Mit beiden Händen übereinander und ausgestreckten Armen, mit den Schultern über dem Patienten dann Drücken-Entlasten-Drücken-Entlasten“, sagt Böttiger. „Beim Erwachsenen sollte man etwa fünf bis sechs Zentimeter tief drücken“, sagt Böttiger. Und das mit einer Frequenz von 100 bis 120 Mal pro Minute (im Takt des Bee-Gees-Hits „Stayin’ alive“).
Ist eine Wiederbelebung per Defibrillator effektiver?
Liegt ein Herzkammerflimmern als Ursache für den Zusammenbruch vor, kann eine normale Herz-Kreislauf-Funktion erst wieder auftreten, nachdem es beseitigt ist und das Herz wieder die Pumpfunktion übernehmen kann. Das gelingt durch einen Elektroschock. Seit mehreren Jahren gibt es auch für Laien sogenannte AEDs (Automatisierte Externe Defibrillatoren), die weitgehend automatisch arbeiten. „Leider erleben wir es aber immer wieder, dass der Ersthelfer nach Absetzen des Notrufs nicht sofort mit der Herzdruckmassage beginnt, sondern den Bewusstlosen allein lässt, um einen Defibrillator zu suchen“, sagt Böttiger. Lebenswichtige Minuten, in denen das Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wird, gehen so verloren. Hinzu kommt: Ist ein AED verfügbar, unterbrechen viele Laien die Herzdruckmassage, um die Elektroden anzubringen und das Gerät zu bedienen. „Aber jede Unterbrechung, die länger als fünf Sekunden dauert, verschlechtert das Überleben“, sagt Böttiger. Er rät daher dazu, sich nicht erst mit der Suche nach AEDs aufzuhalten, sondern konsequent die Herzdruckmassage fortzuführen, bis der Notarzt eintrifft. „In der Regel ist man als Ersthelfer bereits nach zwei Minuten erschöpft.“ Deshalb sollte man sich – wenn man nicht alleine ist – nach spätestens zwei Minuten ablösen lassen, damit die Herzdruckmassage neun Minuten auch effektiv durchgeführt werden kann.
Der Erste-Hilfe-Kurs ist bei vielen schon lange her – gibt es Hilfen für Laien?
Im Internet gibt es vielerlei Erklärvideos, was im Notfall zu tun ist. Wie sich die Herzdruckmassage in weniger als einer Minute erlernen lässt, zeigt beispielsweise der Film „Prüfen, Rufen, Drücken“ der Deutschen Herzstiftung: www.herzstiftung.de/video/reanimation. Auch unter folgendem Link sind zahlreiche Informationen für Laien abrufbar: https://www.grc-org.de/arbeitsgruppen-projekte/22-1-Laienreanimation. Der Deutsche Rat für Wiederbelebung verweist zudem auf verschiedene Ersthelferalarmierungssysteme, die in Deutschland verfügbar sind. So gibt es beispielsweise die Notfall-App „FirstAED“: Über dieses System können registrierte Ersthelfer über ihr Smartphone geortet werden, sobald ein Notruf in der Rettungsleitstelle eingeht und ein Herzkreislaufstillstand vermutet wird.
Wie kann die Laienreanimation hierzulande verbessert werden?
Wenn es nach Ansicht des Deutschen Rates für Wiederbelebung gehen würde, müsste die Reanimation als Teil des Schulunterrichts verpflichtend eingeführt werden. So wie dies bereits in sechs europäischen Ländern der Fall ist. Was dies für Erfolge bringt, zeigt die Statistik: In Norwegen liegt die Laienreanimationsrate bei rund 80 Prozent. „Das bedeutet, dass bei 80 von 100 Menschen, die einen Kreislaufstillstand erlitten haben, sofort mit der Laienreanimation begonnen wurde“, sagt der Kölner Experte Bernd Böttiger. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Quote bei knapp 40 Prozent. „Wären wir genauso gut wie die Schweden, könnten wir jedes Jahr weitere 10 000 Menschen bei uns retten.“