Eins und Alles bei Welzheim So hat der Erlebnispark den Lockdown überstanden

Martin Luther King ist einer der neuen Köpfe in der Galerie der Menschenfreunde. Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Nach einer achtmonatigen Schließung hat das Erfahrungsfeld der Sinne „Eins und Alles“ wieder geöffnet. Besucher können sich auf neue Stationen freuen.

Welzheim - Das Leben ist zurückgekehrt. Gleich mehrere Gruppen von jungen Erwachsenen warten an diesem Morgen vor dem Aktionshaus darauf, dass ihr Programm im Erfahrungsfeld der Sinne „Eins und Alles“ beginnt. Viele Klassen haben sich für das anstrengende Schuljahr belohnt und waren seit der Eröffnung am 3. Juli da, an den Wochenenden suchen Familien den besonderen Ort an der Laufenmühle auf.

 

Lockdown war für Bewohner des Erfahrungsfeldes hart

Und auch hinter den Kulissen ist das Leben zurückgekehrt. Die Waldmeister, die Tierpfleger, die Putzfeen, sie alle dürfen wieder ihrer Arbeit nachkommen. Denn was vielleicht nicht allen Besuchern des „Eins und Alles“ immer bewusst ist: Das Gelände ist nicht nur ein Ausflugsziel, sondern als Einrichtung der anthroposophisch orientierten Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Wohnort und Arbeitsplatz von Menschen mit Behinderung. Für sie war der achtmonatige Lockdown besonders schmerzhaft. Weil die Durchmischung der Bereiche verboten war, mussten Gruppen getrennt werden, verlor der Alltag der Bewohner seine gewohnte Struktur.

„Die Mitarbeiter haben sich große Mühe gegeben, aber irgendwann war eine große Langeweile da“, berichtet Daniela Doberschütz, Sprecherin der bei Welzheim beheimateten Einrichtung. Diese besondere Konstellation war ein Grund, warum das „Eins und Alles“ länger als andere Erlebnisparks geschlossen blieb. „Wir mussten die Vorgaben von vier Coronaverordnungen beachten“, erzählt Daniela Doberschütz.

Kindergeburtstage werden nachgefeiert, Teamentwicklungen gebucht

Die Entbehrungen haben sich aber gelohnt: Es gab wenig Erkrankungen unter den Bewohnern, keinen Toten zu beklagen. Und nun konnte Anfang Juli endlich in die Saison 2021 gestartet werden. „Das ist für uns Erlebnispädagogen ganz seltsam. Eigentlich steigern sich unsere Aktivitäten im Jahresverlauf. Doch jetzt war ewig nichts und nun sind wir mittendrin“, sagt Jonas Schäfer, der Leiter des Erfahrungsfeldes.

Die Erlebnispädagogen sind stark gefordert: Kindergeburtstage werden nachgefeiert, Team-Entwicklungen nach der langen Zeit im Homeoffice gebucht. „Wir haben unser Programm ein wenig angepasst“, erzählt Jonas Schäfer. So wurden 1,5 Meter lange Stangen angeschafft, damit sich die Teilnehmer bei Übungen nicht direkt berühren, sondern sich anhand dieser beispielsweise gegenseitig führen können. „Und wir haben kulinarische Angebote nach draußen verlagert.“ Unter anderem kann Kaffee selbst über dem Feuer geröstet werden, bevor es zum Drei-Gänge-Menü ins Restaurant geht.

Wie kann Berühren ohne Berührung funktionieren?

An der Pandemie kommt das Programm auch in anderer Hinsicht nicht vorbei. „Wir haben uns überlegt, wie wir auf die Situation reagieren, mit dem Thema umgehen“, sagt Jonas Schäfer, Leiter des Erfahrungsfeldes. Zu beobachten sei eine Spaltung der Gesellschaft, zum Beispiel wenn es um das Thema Maske geht. Mit dem Erfahrungsfeld habe man den perfekten Ort, um die großen Herausforderungen dieser Zeit zu diskutieren, ohne die perfekte Lösung parat zu haben.

Entstanden ist aus diesen Überlegungen das Seminar „Berühren ohne Berührung“. Wie hat sich mein Verhältnis zu Berührung durch Corona verändert, wie viel Nähe ist möglich, wie viel Distanz nötig? Solche Fragen werden während des Seminars behandelt, das an sechs verschiedenen Terminen angeboten wird.

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Und was hat sich sonst noch im Erfahrungsfeld der Sinne getan? Wie immer werden Stammgäste zwischen den altbekannten Stationen Neues entdecken können. Zum Beispiel den Wurzelthron, der auf einem Baumstumpf entstanden ist. „Wir haben hier mit Trockenheit zu kämpfen, mussten einige Bäume fällen und haben aus der Not eine Tugend gemacht“, erzählt Daniela Doberschütz. Ganz in der Nähe findet sich mit „Transformer“ eine neue Taststation. Und die Galerie der Menschenfreunde hat Zuwachs bekommen: Köpfe von Sophie Scholl und Martin Luther King hat der Bildhauer Hansjörg Palm aus Holz herausgearbeitet.

Zuwachs gab es im Lockdown auch bei den Tieren: Eine Gänseschar macht mit lautem Geschnatter auf sich aufmerksam. Über einen Teil der Tieroase soll zukünftig eine Verbindung zu den 85 Bewohnern geschaffen werden. Die beiden neuen, fast fertigen Wohnhäuser leuchten den Besuchern in frischen Farben entgegen, der Wunderweg wird den Bereich in Zukunft streifen. „Wir wollen eine Begegnungsfläche schaffen. Allerdings soll jeder Bewohner selbst entscheiden können, ob er Kontakt möchte oder nicht“, sagt Daniela Doberschütz. Jeder soll sich auf dem Gelände wohlfühlen, an dieser Maxime hat sich nichts geändert.

Weitere Infos unter www.eins-und-alles.de

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