Wiedersehen mit Drillingen Vom Dreierpack zum eigenen Lebensweg: „Das war extrem hart“

Heute leben die Drillinge jeder ihr eigenes Leben. Foto: Sebastian Ruckaberle

Der erste Besuch bei Leni, Clara und Amelie liegt 18 Jahre zurück. Heute gehen die Frauen unabhängige Wege. Was waren Zäsuren im Leben der Markgröninger Ausnahmefamilie?

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Zuletzt thronten Leni, Clara und Amelie an diesem Tisch auf Hochstühlen, in abwaschbaren Ärmellätzchen, die Gesichter bis unter die Augen mit Tomatensoße bedeckt. Heute sitzen da drei dezent geschminkte junge Frauen mit übereinander geschlagenen Beinen und zurückhaltendem Lächeln. Dazwischen liegen 18 Jahre. Wo sind sie geblieben?

 

Es war nicht leicht für Heike Höhn, ihre drei Töchter auf dieselbe Uhrzeit einzubestellen. Leni wäre jetzt eigentlich schon bei ihrem Freund, Amelie noch im Büro und Clara beim Jobben. Ende März werden sie 20 – viel zu jung, um aufs Leben zurück zu blicken und über Höhen und Tiefen zu sinnieren. Aber sie tun es trotzdem, der hartnäckigen Reporterin zuliebe, die seit Jahren nachfragt, ob sie die Markgröninger Drillinge mal wieder sehen darf.

Gleichaltrige

Die erste Zäsur in ihrem Leben: der Kindergarten. Raus aus dem gewohnten Terrain, dann auch noch Kontakt zu Gleichaltrigen. Sie hatten zuhause doch genug „Kindergarten“. „Wir spielten immer das Rollenspiel: Wir sind drei Freundinnen, jede hat ein Baby, woher auch immer, und wir gehen auf Reisen“, erzählt Leni. „Dann sind wir rüber zu Oma und Opa, die nebenan wohnten. Das war für uns Abenteuer genug.“

Anfangs sträubten sie sich mit aller Macht gegen die neue Außenwelt. Die Mutter lockte sie mit Laufrädern, die aus Sicherheitsgründen erst ein paar Meter vor dem Kindergarten zum Einsatz kamen. Doch schon bald merkten die Mädchen, dass die neue Großlage gar nicht so beängstigend war, dass sie sofort zur Supermacht aufstiegen. Immer geschlossener Auftritt, tupfengleich gekleidet, so übernahmen sie überall die Regie. „Ich bekam das mal live mit, als wir beim Kinderarzt im Wartezimmer saßen“, erzählt Heike Höhn. „Die Drei übernahmen sofort die Kinderküche. Das war mir schon ziemlich unangenehm.“

Die Übermacht durch Gruppenstärke setzte sich fort in der Schule, im Konfirmationsunterricht, im Jugendlager. Wo sie auftraten, hieß es: „Da kommt die Höhn-Hölle.“ Sie lebten gut damit. Aber es gab auch Kehrseiten. „Stellte eine von uns was an, standen wir alle am Pranger“, erinnert sich Leni. In einer Jugendfreizeit hatte sie mal die Zahnbürste eines Mädchens, auf das sie sauer war, mit Deo eingesprüht. Zum Strafdienst mussten dann alle antreten.

Klamotten

Die zweite Zäsur in ihrem Leben ereignete sich an einem Morgen vor der Schule. Einstimmig begehrten die Mädchen dagegen auf, von der Mutter gleichermaßen eingekleidet zu werden. Fortan durfte jedes ein selbst gewähltes Tagesoutfit tragen, vorausgesetzt, es bestand den anschließenden Kontrollgang zur Mutter. In dieser Form trat zum ersten Mal das Bedürfnis in Erscheinung, als Individuum gesehen zu werden.

Doch das schaffte auch neue Probleme. Davon weiß Leni zu berichten. „Wir hatten zwar eigene Zimmer, aber der große Kleiderschrank wurde weiterhin geteilt – und der steht bei mir.“ Die morgendliche Sinnfrage, was anziehen, wurde noch lange in ihrem Zimmer ausgetragen. „Für Schlafanzüge, Socken und Bettwäsche kommen immer noch alle in mein Zimmer.“

Die Klamottenfrage nimmt bis heute viel Raum ein. Alle haben dieselbe Größe, einschließlich der Mutter. „Da wandert vieles hin und her oder taucht nie wieder auf.“ Gleiches gilt für Haarklämmerchen, Bürsten, Glätteisen. Der Vater hat schon lange sein eigenes Bad im Erdgeschoss. Jüngstes Objekt der Begierde ist der Dyson-Föhn, den sich die Mutter gegönnt hat. „Ist der nicht an seinem Platz, muss ich im ganzen Haus danach suchen.“ Heike Höhn kann aber auch Grenzen ziehen. „Socken sortiere ich nicht mehr. Wer Socken braucht, bedient sich am Sockenberg.“

Früher traten sie immer gemeinsam und tupfengleich gekleidet auf. Heute haben sie sich voneinander emanzipiert: Leni, Clara und Amelie Höhn (rechtes Bild, von links) Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ablösung I

In die Grundschulzeit fiel eine weitere Zäsur: Amelie wurde ein Jahr später eingeschult als Leni und Clara. Dazu muss man wissen, dass Letztere aus einer Eizelle stammen und sich entsprechend ähneln. Amelie ist einer zweiten Eizelle entsprungen und kam als letzte zur Welt. Sie ist wenige Zentimeter kleiner und hat etwas dunkleres Haar als ihre Schwestern.

Anfangs war Amelie erleichtert, dass sie länger im Kindergarten bleiben durfte als ihre Schwestern. Erst später verspürte sie einen Stich, immer dann, wenn die übliche Frage aufkam, ob die Drillinge denn dieselbe Klasse besuchten, und die Familie dann aufklären musste, dass Amelie ein Jahr später dran ist als ihre Schwestern. Vergleiche zwischen Geschwistern sind ohnehin immer schmerzhaft, besonders aber dann, wenn die Kinder das gleiche Geburtsdatum haben.

Es tat auch weh, als bei einer Skifreizeit der Skizunft Markgröningen ihre Schwestern gefragt wurden, ob sie für den Verein Rennen fahren wollen. Oder als die Schwestern im Handball davonzogen. „Ich habe irgendwann mit Handball aufgehört und mich voll aufs Reiten konzentriert“, erzählt Amelie. Sie bekam ein eigenes Pferd, verbringt seither fast jeden Tag im Stall. Über ihrem Bett hängen an die 50 Turnierschleifen.

Ablösung II

Als Leni und Clara eingeschult wurden, besuchten sie zuerst getrennte Klassen – gemäß der Standardempfehlung in der Zwillingspädagogik. Sie sträubten sich aber so sehr dagegen, dass sie von der dritten Klasse an wieder nebeneinander saßen – bis zum Schulabschluss. Obwohl Leni Mathematik mag und nach der Realschule lieber aufs Technische Gymnasium gegangen wäre, folgte sie Clara auf das Soziale Gymnasium. „Dafür habe ich dann Mathe-Leistungskurs gemacht, obwohl mir Deutsch viel leichter gefallen wäre“, erzählt Clara.

Aber auch sie kamen nicht drum herum, sich voneinander zu lösen. Ein Prozess, der Clara zu schaffen machte. „Leni war immer ein Hauch besser und schneller.“ Leni war auch die erste, die einen Freund hatte und für die Ausbildung von zu Hause wegzog. „Ich war plötzlich nicht mehr ihre Nummer Eins“, erinnert sich Clara. „Das war extrem hart.“ Nach der Schule machte Clara ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Sportorthopädie. Dort spürte sie zum ersten Mal, wie sie ohne ihre Schwester auf andere wirkte. „Ich bekam richtig viel Verantwortung und Wertschätzung. Da gab es auf einmal nur mich – und keine bessere Leni.“ Clara will Kriminalpsychologie studieren. Gerne wäre sie in eine andere Stadt gezogen, „einfach mal ganz weit weg von der Familie“, wie sie sagt. Doch das Studium wird nur in Stuttgart angeboten. Und seit Kurzem hat sie hier einen Freund.

Sie marschieren heute in völlig verschiedene Richtungen. Amelie hat eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketing und Kommunikation begonnen, Leni studiert demnächst Bauingenieurswesen. Trotzdem gibt es noch Momente, wo sie einander schmerzlich vermissen. „Erst gestern wieder im Handball“, erzählt Clara. „Ich hatte ein Probetraining mit einer neuen Mannschaft, zum ersten Mal ohne Leni. Ich fühlte mich mutterseelenallein.“

Rückblick

Und wie blicken die Eltern auf die Kindheit der Drillinge zurück? Die Frage geht vor allem an Heike Höhn – sie und ihr Mann haben sich für die klassische Arbeitsteilung entschieden. „Es war schon ziemlich intensiv“, sagt sie. „Wir haben zwar jede Lebensphase nur ein Mal durchlebt, aber dafür alles dreifach verstärkt.“ Zum Beispiel den ersten Skiurlaub. „Die Mädels waren vier Jahre, und irgendwas war immer: Wo ist meine Brille, die Beine tun weh, mir ist kalt, mir ist heiß, mir fehlt ein Handschuh, die Stiefel gehen nicht zu, ich muss mal, ich will nicht mehr . . .“

Auch eine Geduldsprobe: die Zahnspangenphase. „Ich war alle drei Tage beim Kieferorthopäden. Irgendein Bracket war immer ab.“ Überhaupt war die Pubertät „nichts für schwache Nerven“, deutet sie an. „Jede einzelne hätte ich gut verkraftet. Aber bei Dreien hat jeden Tag eine gesponnen.“

Mit dem Vater, der eine Metallbaufirma und ein Lohnunternehmen leitet, gingen die Töchter zum Mähdreschen und Schneeschippen – mit der Mutter wurden seelische Probleme gewälzt. Oder philosophische Fragen wie die nach Gerechtigkeit: „So lange wie möglich gab es drei gleiche Geschenke. Als dann individuelle Wunschlisten eintrudelten, wurde es ziemlich kompliziert. Aber am Ende gab es immer eine Lösung .“

Ausblick

Am 18. Geburtstag vibrierte noch mal das Haus: Die Höhn-Hölle ließ es krachen, mit DJ und mehr als 100 Gästen in der Firmenhalle nebenan. Danach kehrte Stille ein, fast so abrupt wie am 28. März 2006, als das Haus der Höhns mit einem Schlag von Leben erfüllt wurde. Seit dem Tag der Geburt kann Heike Höhn kaum noch was aus der Ruhe bringen. Nur das „Empty Nest Syndrom“, das Gefühl bei Eltern, auf einmal nicht mehr gebraucht zu werden, wenn das Nest leer ist, macht sie nervös. Dabei wohnen alle Töchter noch oder wieder zuhause. „Ich war ja schon traurig, als die Kinder den Führerschein gemacht haben und ich abends nicht mehr herumfahren musste“, erzählt sie. „Mir fehlen die Gespräche im Auto.“ Ihre Freundinnen witzelten: „Mach doch ein Taxiunternehmen auf.“ Sie tröstet sich mit dem Gedanken, dass ihr zumindest Evi bleiben wird, wenn alle ausgeflogen sind. Evi ist ein verschmuster Hund, ein Bolonka, der selten widerspricht.

Die jungen Frauen haben am Abend noch was vor. Leni geht zum Babysitten, Amelie zum Pferd, Clara will zum Freund. Kurz darauf schleicht sie aber noch mal durchs Wohnzimmer in Richtung Küche. Der Mutter entgeht nichts. „Ich brauche nur noch paar Sachen, wir wollen doch Burger machen“, sagt Clara, ein Glas Essiggurken in der Hand. Auch wenn sie losgelöst erscheinen, so ganz ohne Eltern geht es noch nicht.

Die Geschichte, die vor 18 Jahren über Leni, Clara und Amelie erschien, können Sie hier nachlesen.

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.markgroeninger-drillingsfamilie-drei-ist-keiner-zu-viel.55792256-c21a-461a-a9a1-e0380fe27f8d.html

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