Wieland Backes in Fellbach „Ich war ein Kind meiner Zeit“

Wieland Backes riskiert gerne auch mal eine kesse Lippe. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der Fernsehjournalist und Moderator Wieland Backes liest in Fellbach aus seinem neuesten Buch. Darin verrät er auch, ob er schon mal an einem Joint gezogen hat.

Fellbach - Als Tanzpartner der pubertierenden Tochter hat er zwar völlig versagt, aber dafür hat Wieland Backes auch heute noch eine große Fan-Gemeinde aus seiner Zeit als Moderator des „Nachtcafe“. Das gesprochene und auch geschriebene Wort ist seine Leidenschaft. Am Dienstag, 30. November, kommt er auf Einladung des Kulturamts in die Schmidener Festhalle. Dort wird er aus seinem Buch „Ich war ein schüchternes Kind vom Lande“ lesen und gemeinsam mit einem jungen, an seiner Moderatorenschule ausgebildeten Nachwuchs-Moderator, Rede und Antwort stehen.

 

Herr Backes, Sie könnten ein gemütliches Rentnerdasein genießen, jetzt reisen Sie im Land umher und stellen Ihr Buch vor....

Mir macht das einfach Vergnügen. Wie viele Zuschauer offenbar eine gute Erinnerung an meine Moderatorentätigkeit haben, das überrascht und erfreut mich auch sehr. Ich werde nicht nur lesen, der Gesprächsanteil an diesem Abend wird relativ groß sein. Zwei Moderationsschüler von mir gestalten abwechselnd diese Abende und das läuft immer ganz wunderbar.

„Ich war ein schüchternes Kind vom Lande“ – der Titel kann ja nur kokettierend gemeint sein? In ihrem ersten Zeugnis stand: „Wieland stört mit seiner lebhaften Art den Unterricht“.

Nein, ich war wirklich ein schüchternes Kind, aber ich habe diesen Weg recht schnell verlassen. Meine Grundschullehrerin war eine Lehramtspraktikantin, die auch noch bei uns im Haus wohnte. Sie war somit für mich ganz und gar keine Autoritätsperson.

Im Nachtcafé und auf dem roten Sofa riskierten Sie ja zuweilen durchaus eine kesse Lippe?

Um etwas zu transportieren braucht es als erstes Wertschätzung und Achtung dem Gast gegenüber. Es ist ein Spiel aus Nähe und Distanz, und manchmal muss man auch eine kleine Provokation landen, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen.

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Wie intensiv haben Sie sich im Vorfeld der Sendungen mit den einzelnen Kandidaten befasst?

Natürlich waren wir ein Team, das recherchiert und geeignete Personen zur Auswahl gefunden hat. Mit denen, für die wir uns letztlich entschieden, habe ich ein ausführliches Telefongespräch geführt. Eine kleine Überraschung ist dann immer noch, wie sich jemand vor der Kamera gibt. Und mit manchen Themen hatte ich auch so meine Schwierigkeiten, zum Beispiel mit Esoterik, da habe ich dann immer besonders kritisch nachgefragt.

Welche Themen haben Sie im Gegenzug besonders gereizt?

Besonders erfolgreich waren immer die Sendungen, die sich mit der Familie auseinandergesetzt haben. Da gab es auch ganz tragische Geschichten, einmal ging es um Suizid bei Jugendlichen, das hat mich noch wochenlang beschäftigt.

Sie haben ja selbst auch Familie...

Ja, drei Kinder und ein Enkelkind und im April kommt das zweite. Die leben in Genf, die Besuchshäufigkeit ist da zwar etwas eingeschränkt, aber ich pflege über Facetime einen engen Kontakt und erlebe das Aufwachsen mit.

Sie sind über all die Jahre, in denen sie so viele unterschiedliche Begegnungen hatten, ein Menschenfreund geblieben?

Mein Glaube an die Menschheit ist auch nach all den Jahren nicht erschüttert. Ich habe mit großem Interesse die unterschiedlichsten Lebensentwürfe verfolgt, den Lebensmut vieler Menschen bewundert, und schwer beeindruckt haben mich die, die trotz Widrigkeiten ihrer Leidenschaft folgten.

Kann man Sie eigentlich als Alt-68er bezeichnen?

Als ich zum Studium nach Stuttgart kam, war mir die Großstadt fremd und zu unübersichtlich. Ich war zwar kein aktiver 68er, der auf Demonstrationen ging, aber der Geist von 68 hat mich schon stark beherrscht, ich war ein Kind meiner Zeit. Im Sender galt ich als Linker.

Ein Revoluzzer sind Sie ja mit Ihrem Engagement gegen die Überpräsenz des Autos in Stuttgart immer noch.

Diese Grundhaltung, kritisch an der Gesellschaft mitzuarbeiten, ist mir geblieben, sie begleitet mich durchs Leben. Ich gehöre ja neben meinem städtebaulichen Engagement auch zu den Gründungsmitgliedern des Literaturhauses in Stuttgart.

Wie kamen Sie denn überhaupt dazu, auch noch Bücher zu schreiben?

Meine große Tochter hatte mal eine große Wut auf mich, ich sollte mit ihr zusammen einen Tanz einstudieren, und das hat gar nicht geklappt, da hat sie mit dem Fuß aufgestampft und gesagt: „Papa, wenn du nicht schwätzen könntest, könntest Du gar nichts.“ Da habe ich gedacht, ich werde ihr beweisen, dass ich auch noch etwas Anderes kann, schreiben zum Beispiel. Mit Sprache umzugehen, ist einfach meine Lieblingsbeschäftigung, gleich ob schreiben, lesen oder eben moderieren.

Wäre eine Karriere, wie Sie sie in ihrer Biografie schildern, heute noch möglich? War es Glück oder der Fleiß des Tüchtigen?

Fleiß spielt natürlich eine Rolle, aber eine Karriere hinzulegen, war nie mein Ziel. Ich hatte eine Leidenschaft für diesen Weg. Auch meinen Kindern habe ich immer geraten: Folgt Euren Leidenschaften!

Aus ihrem Buch erfahren wir, dass Sie – trotz mehrfacher Gelegenheit – nie an einem Joint gezogen haben. Aber ein Viertele verschmähen Sie nicht?

Oh, ich trinke sehr gerne einen schönen Rotwein oder Rosé. Falls es Sie interessiert, Syrah ist meine Lieblingsrebsorte, charaktervoll und ausdrucksstark.

Na, dann ist Ihnen Fellbach zumindest als Stadt des Weins ein Begriff?

Mit Fellbach verbindet mich einiges. Spaziergänge auf dem Kappelberg und meine kleinen Eskapaden im Ruhestand auf der Bühne der Schwabenlandhalle (Anmerkung der Redaktion: Backes spielte in einem Stück der Esslinger Landesbühne mit). Außerdem haben die Fellbacher Weingärtner schon mehrfach einen guten Tropfen für Veranstaltungen im Literaturhaus gespendet, das haben wir sehr geschätzt.

Was halten Sie eigentlich vom neuen Slogan „The Länd“?

Der größte Unfug, die schlimmste PR-Aktion, die man da verbrochen hat. Nicht mal augenzwinkernd kann man das verstehen, so wie beispielsweise den Vorgängerslogan „Wir können alles außer Hochdeutsch...“. Ich finde „The Länd“ so daneben, das hat mit Kreativität nichts zu tun, und es erreicht in der Sache niemand. Schade um das viele Geld.

Die letzte Frage nun zu Ihrer Affinität zu Aphorismen und Zitaten.

Ja, ich mag das einfach, diese klugen oder auch witzigen Sätze waren im Nachtcafé die Schlusspointe, und einmal angefangen, haben die Zuschauerinnen und Zuschauer das jede Woche von mir erwartet. Da habe ich mich nicht dagegen gewehrt, gemäß dem Satz von Karl Kraus: „In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.“

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