Michael Ende und Rodrigo Raubein Rittergeschichte mit glücklichem Ende

Von Andrea Kachelrieß 

Seinen fantastischen Roman um Knirps, den furchtlosen Knappen, hat Michael Ende nie vollendet. Mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod des Kinderbuchautors spinnt Wieland Freund das Abenteuer fort.

Auf dem Weg zu kühnen Abenteuern: Knirps in der Illustration von Regina Kehn Foto: Verlag
Auf dem Weg zu kühnen Abenteuern: Knirps in der Illustration von Regina Kehn Foto: Verlag

Stuttgart - Schreiben, hat Michael Ende einmal notiert, sei für ihn ein Abenteuer, „bei dem man nie weiß, wohin es einen führen wird“. Mitten hinein ins finstere Mittelalter sollte es für den Schriftsteller mit seinem Buch „Raubritter Rodrigo und Knirps, sein Knappe“ gehen; doch der Roman blieb Fragment. Drei Kapitel umfasst das Manuskript, an dem Michael Ende in den letzten Jahren vor seinem Tod gearbeitet hat; der 1995 in Filderstadt gestorbene Autor hatte sie selbst noch ins Reine getippt.

2019 ist das Jahr, in dem Michael Ende, 1929 in Garmisch geboren, 90 Jahre alt geworden wäre und sein Roman „Die unendliche Geschichte“ 40. Geburtstag feiert. Im Stuttgarter Thienemann-Verlag, in dem von „Jim Knopf“ (1950) bis „Der Teddy und die Tiere“ (1993) so gut wie alle Bücher Endes erschienen sind, hatte man da offensichtlich Lust auf einen neuen Impuls. Und so bat man den Autor und Journalisten Wieland Freund um eine Fortsetzung von Endes unvollendetem Ritterabenteuer.

Was für eine gute Wahl! Ihren Grund hat sie vielleicht darin, dass Wieland Freund, 2018 für „Krakonos“ mit dem Rattenfänger-Literaturpreis ausgezeichnet, schon in seinem ersten Buch für Kinder ein Pendant zu den Fantasien aus Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ gesucht und in „Lisas Buch“ auch gefunden hat. „Wahrscheinlich fangen wir alle als Epigonen an“, analysiert Wieland Freund heute sein damaliges Verhältnis zu Michael Ende.

Doppelbödige Geschichte

Vielleicht beginnen alle Schriftsteller so, aber manche bringen es irgendwann selbst zum Vorbild. Und tatsächlich versteht Wieland Freund die Figuren, die Michael Ende in einer stürmischen Gewitternacht in fernen Zeiten ausgesetzt hat, und macht sie zu seinen eigenen Geschöpfen. Er nimmt die Fäden auf, die sein Vorredner klug ausgelegt hat und spinnt daraus eine aberwitzig doppelbödige Geschichte, die man nicht nur der Spannung wegen an vielen Stellen mit offenem Mund liest.

Denn vom Schicksal eines besonderen Jungen, der seine Kindheit samt Puppenspieler-Eltern hinter sich lassen und deshalb beim schlimmsten Ritter weit und breit als Knappe anheuern will, handelt die Geschichte zwar vordergründig. Michael Ende eröffnete ihr zudem philosophische und pädagogische Nebenschauplätze, auf denen auch Wieland Freund über das Verhältnis von Gut und Böse, von Angst und Mut nachdenkt und darüber, wie man seinen Platz im Leben findet.

„Wer nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden kann“, schreibt Michael Ende, „der bleibt ewig ein Kind. Aber das wollte Knirps nicht, er wollte gerne erwachsen werden, und deshalb war er ausgerissen.“ Der Suche der Puppenspieler-Familie, zu der ein ebenso scharfsinniger wie -züngiger Papagei namens Sokrates gehört, nach dem verlorenen Sohn schildert Ende ebenso anschaulich wie das Ziel des Ausreißers: „Raubritter Rodrigo Raubein, wohnhaft in der Schauderburg auf dem Haarzuberg im Bangewald“. Auch, dass Rodrigo in Wahrheit ein Angsthase ist und sich seine Abenteuer nur ausgedacht hat, ist mit so großer Fabulierlust erdacht, dass man sich fragt, warum diese Geschichte ihren Erfinder nicht weiter inspiriert hat.

Zwanzig Jahre später findet Wieland Freund den richtigen Dreh, um Knirps auf der Suche nach der Probe, die ihn zum Raubritter-Knappen befähigen soll, kühne und sehr lustige Abenteuer bestehen zu lassen. Die Entführung der Prinzessin Flip ist der Anfang einer tollen Freundschaft, in deren Verlauf ein böser Zauberer übertölpelt, ein melancholischer König geheilt und ein Staatsstreich verhindert wird. Wieland Freund lässt sich ohne zu zögern ein auf Michael Endes fantastische Welt jenseits des Nur-Beweisbaren: Zu Sumpfdruden, Wurzelgnomen und Kobolden gesellt er einen schwarzen Drachen, der mit seiner Sehnsucht nach einem Goldschatz allen mächtig einheizt.

Ein Drache heizt mächtig ein

Wieland Freund hat, wie er sagt, nichts dazuerfunden, was nicht im Fragment Endes angelegt war. Die neuen Charaktere, die er einführt, hängen schon im ersten Kapitel als Marionetten im Wohnwagen der Puppenspieler. „Ich habe diese Figuren von der Decke genommen und mit ihnen gespielt“, sagt Wieland Freund – und wie kunstvoll er das tut! Er hat sich eingegroovt in den Sound Endes, teilt dessen Lust am Rhythmus und Klang von Sprache.

Und er setzt sein Wissen um die Welt Michael Endes so gekonnt ein, dass sich junge Leser geborgen und Vorleser gefordert fühlen. Zum Beispiel von der Figur des Papageis, der als Alter Ego des Autors versucht die klügste Figur in der Geschichte zu sein, um Knirps schnell wiederzufinden, aber dabei auch die Kunst des Erzählens selbst hinterfragt. Wie ein Kriminalkommissar begutachtet er Indizien, um den Fortgang der Geschichte vorherzusehen, er wälzt dicke, alte Bücher, und doch wird er immer wieder vom Lauf der Ereignisse überrannt. Das ist witzig, wie die ganze Erzählung, aber auch von großer Menschlichkeit geprägt.

Ritter von der traurigen Gestalt gibt es in diesem Buch viele – vom König, der nicht regieren mag, bis zum Puppenspieler, dem es an Fantasie mangelt. Tu, was du willst, heißt es in der „Unendlichen Geschichte“. Michael Endes Aufforderung, zu sich selbst zu finden, ist Wieland Freunds Karte: Mit ihr weist er allen Figuren den Weg - und so ist am glücklichen Ende, an dem man 200 Seiten lang nie zweifelt, jeder bei sich selbst angekommen, auch die Bösewichte. Man muss nur wissen und wahrhaben wollen, wer man ist.