Wiener Symphoniker in Stuttgart Erst Mozart, dann Strauss, dann Jubel
Im Meisterkonzert von Russ Klassik haben die Wiener Symphoniker und die Pianistenbrüder Jussen im Stuttgarter Beethovensaal gespielt. Und wie war’s?
Im Meisterkonzert von Russ Klassik haben die Wiener Symphoniker und die Pianistenbrüder Jussen im Stuttgarter Beethovensaal gespielt. Und wie war’s?
Erst feinste, heiterste Seelenfreude, dann aber grenzensprengendes Naturspektakel: Nur die besten Orchester schaffen es, am gleichen Konzertabend von einem in den anderen Modus umzuschalten, ohne entweder hier oder da die Dinge schluren zu lassen. Die Wiener Symphoniker gehören jedenfalls in diese Orchesterklasse, das haben sie am Mittwochabend beim Meisterkonzert von Russ Klassik in der Stuttgarter Liederhalle eindrucksvoll bewiesen. Erst Mozart, dann Strauss, das machte im gut besuchten Beethovensaal final: Jubel.
Es fängt natürlich schon mal gut an, wenn gleich zum Auftakt neben den Musikern und ihrem Chefdirigenten Petr Popelka auch die Pianistenbrüder Lucas und Arthur Jussen auf die Bühne kommen. Die zwei Holländer sind inzwischen beide in den Dreißigern angekommen, machen aber weiterhin bella figura, liefern vor allem beim Klavierkonzert Nr. 10 von Wolfgang Amadeus Mozart – dem für zwei Klaviere – eine traumhafte Performance. Keine CD, kein Spotify, keine Radiosendung kann leisten, was nur das Live-Erlebnis zu bieten vermag: die beiden Solisten gegenüber an den zwei Instrumenten im Dialog, im Austausch, im Mit- und Füreinander. Die Motive hüpfen von der einen zur anderen Seite, bestärken oder führen weiter – das ist so spannend, wie Talkshows im Fernsehen es schon ewig nicht mehr sind.
Und das Orchester dazu stets auf Augenhöhe; besonders im zweiten Satz, dem Andante, wenn auch noch der Kollege mit der Oboe ein Wort mitzureden hat. Ist das nun wirklich nur „bestmögliche Unterhaltungsmusik“, wie ein Besucher in der Pause meint? Nein, es ist schlicht jener Mozart, der heute, wenn er so aufgeführt wird, keineswegs die Gruselnachrichten dieser Welt vergessen machen will. Sondern feststellt: Das Dunkle hat nicht das letzte Wort. Eben: Es-Dur.
Nach der Pause sind dann auf der Bühne die Klaviere an die Seite geschoben, dafür stehen deutlich mehr Musikerstühle aufgereiht: Laut Lexikon wünschte sich Richard Strauss bei der Uraufführung 1915 seiner sinfonischen Dichtung „Eine Alpensinfonie“ eine Orchesterbesetzung mit 129 Musikern. Ob es in Stuttgart bei den Wienern so viele waren, hat der Rezensent nicht nachgezählt – aber es waren opulent viele Streicher und Bläser, gerahmt hinten und an der Seite von Harfenisten, Schlagwerkern und vom Organisten, die alle auf ihre Einsätze warteten.
In der Nacht beginnt und in der Nacht endet diese klanglich weit ausgreifende Komposition, die einen Wanderer auf seinem Weg über Stock und Stein, Almenwiesen und Felsenklüfte hinweg bis zum Gipfel begleitet, wo prompt schlechtes Wetter aufzieht, sodann schwerster Sturm tobt, kurz vor Schluss die Sonne aber doch wieder friedlich hinterm Horizont versinkt. Dank vieler Zwischenüberschriften kann der Hörer dem Programm gut folgen, erkennt Vogelgezwitscher und Bachplätschern, auch Kuhglocken sind im Einsatz, von Blitz und Donner ganz zu schweigen. So richtig originell waren diese 1-zu-1-tönenden Naturschilderungen 1914 schon nicht mehr; auch manche Redundanz konnte sich der Komponist für seine rund fünfzig Minuten nicht verkneifen.
Das alles würde anstrengend zu verfolgen sein, wenn ein Orchester und sein Dirigent das ganze nun auch noch als großen Existenzkampf philosophisch aufladen würden. Aber das tat Petr Popelka zum Glück nicht. Mit großem Körpereinsatz führte er seine Symphoniker schlicht tief in die Klangfarben und die Dynamik der Komposition. Das zog das Publikum unwiderstehlich in reinsten Hörgenuss. Das Orchester harmonierte fabelhaft. Das Leise war spannungsvoll leise, das machtvoll Laute wurde nie zum Lärm. Wie eingangs festgestellt: Bewundernswert, wie das Umschalten hier gelungen ist.
Das galt auch für die zwei Zugaben des Abends: Die Jussens ließen die Dissonanzen aus Jörg Widmanns „Zirkusparade“ so keck und munter aus den Tasten perlen, dass es dem Publikum großes Vergnügen bereitete. Und Petr Popelka switchte am Ende von Richard auf Johann Strauss um; die Spielzeugtröte aus dessen Polka „Vergnügungszug“ holte alle aus der Alpennacht zurück in einen verheißungsvollen Vorfrühling.