Rainer Haag weiß alles über Backöfen, seit 17 Jahren arbeitet der Auftragssteuerer bei Wiesheu. Er hat das Unternehmen noch unter Leitung der Gründerfamilie erlebt und den Umzug von Affalterbach nach Großbottwar begleitet. Doch in seinem privaten Umfeld sei sein Arbeitgeber kaum bekannt. „Ich werde immer gefragt, was Wiesheu überhaupt macht“, sagt Haag. Und das, obwohl vermutlich jeder schon mal mit einem Wiesheu-Gerät in Berührung gekommen ist. „Ich habe natürlich einen Blick dafür, aber ich entdecke unsere Öfen immer wieder, auch im Urlaub“, sagt Haag.
Die Wiesheu GmbH feiert in diesem Jahr 50-jähriges Bestehen und sorgt laut Geschäftsführer Marcus Gansloser dafür, dass jeden Tag frische Backwaren auf unseren Tellern landen. Dass Wiesheu zu einem der erfolgreichsten Herstellern von Ladenbacköfen weltweit geworden ist, liege zum einen an der Innovationskraft – aber auch an den Umwälzungen in der Backbranche in den vergangenen Jahrzehnten.
Von der Garage zum Unternehmen mit 500 Mitarbeitern
Die Geschichte der Wiesheu GmbH beginnt 1973 in einer Garage in Affalterbach. Marga und Karlheinz Wiesheu bauen einen Backofen mit Ober- und Unterhitze. Damals jedoch noch nicht für Backwaren, sondern speziell für die Zubereitung von Leberkäse. Mit der Zeit wächst das Unternehmen, Wiesheu stellt sich breiter auf und baut nun auch Öfen für Bäckereien und Großküchen. Das Geschäft mit den Ladenöfen für Bäckereien läuft immer besser, der Metzgerofen fliegt 2006 aus dem Sortiment, 2007 verkaufen die Gründer das Unternehmen. Wiesheu lässt damit seine Vergangenheit als Manufaktur hinter sich und wandelt sich in ein mittelständischen Industrieunternehmen, das sich voll auf Ladenbacköfen fokussiert.
Mittlerweile hat Wiesheu fast 500 Mitarbeiter, 380 davon arbeiten am Hauptsitz in Großbottwar, der Rest in einem weiteren Werk in Sachsen-Anhalt. Das Unternehmen verkauft jedes Jahr rund 10 000 Öfen in die ganze Welt, doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Auch der Umsatz verdoppelte sich laut Geschäftsführer Gansloser in den vergangenen zehn Jahren auf rund 145 Millionen Euro. In diesem Jahr schaffte es Wiesheu außerdem bereits zum zweiten Mal in das Ranking der Top 500 „Weltmarktführer Made in Germany“ des Wirtschaftsmagazins „Wirtschaftswoche“.
Und das obwohl das Geschäft mit den Ladenbacköfen hart umkämpft ist. Mit einer einfachen Internetsuche findet man allein zwei Dutzend deutsche Anbieter. Wie konnte sich Wiesheu da durchsetzen? „Weil wir Trends früh erkannt haben“, antwortet Gansloser. Tatsächlich hat sich das Geschäft mit Backwaren in den letzten Jahrzehnten komplett verändert, das Geschäft mit den Ladenbacköfen wuchs und wuchs. Zum einen können sich kleine Bäckereien mit Backstube und Verkaufsraum Anfang des Jahrhunderts oftmals nicht mehr halten und schließen sich großen Bäckerketten an. Die Filialendichte bleibt also hoch, es gibt aber immer weniger Bäcker. Die Folge: Die Zubereitung läuft zentral, Rohlinge werden an die Filialen ausgeliefert und dort aufgebacken. Die Nachfrage für Ladenbacköfen steigt.
Tankstellen rücken dank E-Autos verstärkt in den Fokus
Und eine weitere Veränderung spielt Wiesheu in die Karten: In den vergangenen 20 Jahre beginnen immer mehr Supermärkte ebenfalls frische Backwaren zu verkaufen. „Die haben bemerkt, dass frische Brötchen und deren Geruch ein Kundenmagnet ist“, sagt Gansloser. Die Nachfrage für Ladenbacköfen steigt erneut – und wie. Mittlerweile verkauft Wiesheu tatsächlich mehr Öfen an den Lebensmittelhandel als an Bäckereien.
Und auch Tankstellen kaufen Wiesheu-Öfen. „Das ist ein interessantes Geschäftsmodell für die Zukunft“, sagt Gansloser. Denn mit der Elektromobilität wird auch die Bedeutung der Tankstellen steigen, an denen in Zukunft nicht nur einige Minuten getankt, sondern teils 30 Minuten geladen wird. „Das Angebot wird sich noch mal vergrößern, auch das Angebot der Backwaren.“ Wiesheu habe auf diese Veränderungen der Branche immer wieder möglichst früh reagiert, so Gansloser, hebe sich aber auch durch seine innovativen Ideen von den Mitbewerbern ab. Beispielsweise stamme der erste selbstreinigende Ofen von Wiesheu.
Orientierung in Richtung China und Afrika
Und nun? „Wir setzen unseren Fokus auf Länder mit wachsendem Wohlstand“, sagt Gansloser. Dort steige das Konsumangebot und damit auch das Interesse an Backwaren. Ein Beispiel sei China, wo gerade etliche „French Bakerys“ aus dem Boden schießen. Kaffee und Croissants gelten dort als schick – zumindest in höheren Gesellschaftskreisen. Doch auch der afrikanischen Kontinent biete laut Gansloser Chancen. Dort entstünden viele neue Supermarktkonzepte, in denen immer häufiger auch Backwaren angeboten werden. „Deutsche Firmen haben in Bezug auf Backwaren eine gute Reputation“, erklärt Gansloser seine Zuversicht, dass bald in noch viel mehr Ländern weltweit Backöfen aus Großbottwar stehen.
Wie stehen Handwerksbäcker zu den Ladenöfen?
Personalnot
Ladenbacköfen sind in vielen Bäckereien weit verbreitet, so auch bei der Bäckerei Katz. Wie in vielen Branchen, ist die Personalsituation im Bäckerhandwerk angespannt, daher seien immer kreativere Methoden gefragt, neue Mitarbeiter anzusprechen, sagt Nickolas Katz, Geschäftsführer der Katz der bäcker GmbH aus Vaihingen an der Enz. Ein Ladenbackofen hilft beispielsweise dabei, dass Verkaufsmitarbeiter mehr Zeit für die Kunden haben.
Handwerk
Ein weiterer Grund, warum Katz auf moderne Ladenöfen setzt: Sie führen durch Automatisierungen beim Einschieben und Herausholen der Brote und Brötchen für eine körperliche Entlastung der Mitarbeiter. „Backwaren mit dem Schieber aus dem Backofen holen, geht nämlich an die Substanz.“ Die rote Linie zieht Katz aber bei handwerklichen Arbeitsschritten. Wo die Qualität leiden könnte, werde auf Technik verzichtet. „Wir schlingen jede Brezel von Hand.“