Wikipedia-Kongress in Kornwestheim Die Wissensspender

Von  

Am Wochenende tagen die Autoren der weltgrößten Enzyklopädie in Kornwestheim. Was treibt die Menschen an, die ehrenamtlich für Wikipedia arbeiten?

  Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky
  Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Kornwestheim - Einmal im Monat treffen sich im Untergeschoss der Stuttgarter Stadtbibliothek ein Dutzend Männer, um ihr Wissen mit der Menschheit zu teilen. Wer den fensterlosen Raum betritt, und sei es zum ­ersten Mal, wird augenblicklich Teil dieser ­Gemeinschaft. Jeder duzt jeden. An diesem Abend leitet Giftzwerg88 den Editierworkshop. Außerhalb des Wikipedia-Universums hört Giftzwerg88 auf den Vornamen Friedhelm und arbeitet als Lagerist. Dieser Job, sagt er, „lässt geistige Kapazitäten frei“. Giftzwerg88 füllt das Vakuum, indem er „Artikel zu abseitigen Themen“ verfasst. Neben ihm sitzt Winfried, der bis vor einigen Monaten als Zeitungsredakteur tätig war und sich nun nach neuen Schreibaufgaben sehnt. Er will mithelfen, die größte Enzyklopädie aller ­Zeiten noch größer zu machen.

Wikipedia plagen Nachwuchssorgen. In Deutschland sinkt die Zahl der regelmäßig tätigen Autoren seit acht Jahren kontinuierlich. Wenn am kommenden Wochenende im Kornwestheimer Kultur- und Kongresszentrum die WikiCon stattfindet, wird sich ein Programmschwerpunkt mit der Frage beschäftigen, wie dieser Trend umgekehrt werden kann. „Wikipedia wird weiblich“ lautet beispielsweise der Titel eines Vortrags, der das Ziel beschreibt, mehr Frauen für die männerdominierte Online-Bildungskollaboration zu gewinnen. Und im Foyer werden Einführungskurse angeboten, die Hinz und Kunz besuchen können, ohne vorher für 20 Euro ein Eintrittsticket für den gesamten Kongress zu lösen. Diese Öffnung nach außen ist revolutionär, denn WikiCons waren bisher Treffen für Hardcore-Wikipedianer. Der typische Vertreter dieser Spezies legt keinen Wert auf schicke Kleidung, verbringt die meiste Lebenszeit am Laptop und meidet normalerweise Menschenansammlungen. Für jene, die starke autistische Züge aufweisen, wird es auf der Kornwestheimer WikiCon einen Rückzugsraum geben.

Winfried ist kein Nerd, sondern ein 62-jähriger Journalist aus dem Remstal, der soziale Kontakte und eine sinnvolle Beschäftigung sucht. Am liebsten würde er gleich loslegen und eine Abhandlung über seinen Opa väterlicherseits veröffentlichen: „Aber wie bekomme ich mein Word-Dokument in die Wikipedia?“ Ganz einfach, antwortet Giftzwerg88: neuen Artikel anlegen, copy and paste, dann Überschriften, Einzelnachweise, Querverweise und Kategorien hinzufügen. Klick, klick, klick – fertig. Alles klar? Winfried schüttelt den Kopf. Er wird wohl noch mehrere Workshops besuchen müssen, um die sperrige Wikipedia-Textverarbeitung zu durchschauen.

Erst wird veröffentlicht, dann geprüft

Wenn Winfried die Technik im Griff hat, kann er sich den Inhalten zuwenden. Auch hierbei wird der ehemalige Zeitungsredakteur umdenken müssen, denn Wikipedia funktioniert nach einem Prinzip, das den klassischen Journalismus auf den Kopf stellt: Erst wird veröffentlicht und dann geprüft. Kaum ist ein Beitrag online, stürzt sich ein Heer von pedantischen Besserwissern auf ihn – korrigiert, ­ergänzt und streicht. Sämtliche Wertungen fliegen raus, nicht belegte Behauptungen auch. Pro Minute gibt es in der deutschsprachigen Wikipedia durchschnittlich 30 Änderungen. Es kann sein, dass der Ursprungsautor nach wenigen Stunden seinen Text kaum noch wiedererkennt. Anschließend drohen Löschdiskussionen: Muss der Artikel wieder von der Bildfläche verschwinden, weil er die strengen Relevanzkriterien nicht erfüllt?

Zum Beispiel Winfrieds Großvater, geboren 1877, gestorben 1940. Sein Opa, erzählt Winfried, sei in Mödritz ein berühmter Kinderarzt gewesen. „Lokale Berühmtheiten sind in der Regel irrelevant“, entgegnet Giftzwerg88 unbeeindruckt. „In jedem Dorf gibt es einen Bub mit roten Haaren und schiefen Zähnen, den alle kennen.“ Es brauche schon „mehrere objektive Hinweise“, damit eine Person oder ein Gegenstand wichtig genug für ein Online-Medium sei, das allein in Deutschland täglich vier Millionen Menschen nutzen.

Sonderthemen



Veranstaltungen