Sie knacken Mülltonnen, plündern Gärten und dringen auf Dachböden ein: Waschbären sind im Rems-Murr-Kreis auf dem Vormarsch. Was jetzt gilt – und wer helfen darf?

Rems-Murr: Chris Lederer (cl)

Von wegen putzig: Waschbären tauchen im Rems-Murr-Kreis immer häufiger in Siedlungen auf. Sie sind clever, anpassungsfähig – und schwer wieder loszuwerden. Wer einem Waschbären begegnet, steht vor vielen Fragen: Was ist erlaubt? Wer hilft? Wann wird es gefährlich? Dieser Überblick gibt Antworten.

 

Was tun, wenn ich einem Waschbären begegne?

Ruhe bewahren. Waschbären sind meist nicht aggressiv. Man sollte sich ihnen allerdings nicht nähern und sie nicht bedrängen. Türen und Fenster geschlossen halten. Auf keinen Fall füttern oder mit Gegenständen vertreiben. Wer sich unsicher fühlt, kann die Stadtjäger oder die Wildtierbeauftragten anrufen. Bei auffälligem Verhalten wie Torkeln oder Apathie: Kontakt meiden und Fachleute informieren.

Was gilt bei Kontakt mit Tier oder Kot?

Waschbärkot kann gefährliche Parasiten enthalten. Niemals mit bloßen Händen entfernen. Handschuhe tragen, gründlich reinigen, Flächen meiden. Hunde sollten Gärten mit frischem Kot nicht unbeaufsichtigt durchstreifen. Bei Verdacht auf Krankheit oder Verletzung: Stadtjäger oder Tierarzt kontaktieren.

Darf ich einen Waschbären selbst fangen oder töten?

Nein. Waschbären unterliegen dem Jagdrecht. Wer keinen Jagdschein hat, darf sie weder töten noch fangen – auch nicht mit einer Lebendfalle im eigenen Garten. In Wohngebieten (befriedeter Bezirk) dürfen nur beauftragte Stadtjäger oder Jäger mit Genehmigung tätig werden. Ein Mann in Leutenbach wurde jüngst wegen einer illegal aufgestellten Falle zu 2000 Euro Geldstrafe verurteilt.

Wo finde ich Hilfe?

Zuständig sind die Stadtjäger. Sie beraten telefonisch oder kommen im Notfall vor Ort. Eine Liste mit Kontaktdaten steht auf der Webseite des Rems-Murr-Kreises. Die Beauftragung erfolgt direkt durch die Eigentümerin oder den Eigentümer – nicht automatisch durch die Kommune. Die untere Jagdbehörde koordiniert Genehmigungen und achtet auf die Einhaltung der rechtlichen Vorgaben.

Was kostet ein Stadtjäger-Einsatz?

Die Kosten hängen vom Einzelfall ab. Eine Beratung kostet etwa 50 Euro. Ein Fang mit Kameraüberwachung und Anfahrt liegt bei rund 150 Euro – wenn das Tier sich fangen lässt. Aufwendigere Fälle mit mehreren Fahrten oder irrtümlich gefangenen Tieren können teurer werden. In Backnang verursachte eine Waschbärfamilie in einem leerstehenden Haus einen Schaden von etwa 45.000 Euro.

Wann wird ein Waschbär zum Problemfall?

Die bloße Sichtung eines Waschbären reicht nicht aus. Erst wenn Schäden entstehen oder die Nutzung eines Gebäudes gestört wird, spricht man von einem Mensch-Wildtier-Konflikt. Stadtjäger dürfen nur dann mit Fangfallen tätig werden, wenn dokumentierte Vorbeugemaßnahmen keine Wirkung zeigen.

Gibt es Schonzeiten für Waschbären?

Ja. In Baden-Württemberg dürfen erwachsene Waschbären nur vom 1. Juli bis zum 15. Februar bejagt werden – außerhalb dieser Zeit gilt Schonzeit. Für Jungtiere gelten Sonderregeln: Sie dürfen unter bestimmten Bedingungen auch außerhalb dieser Jagdzeit entnommen werden, jedoch nicht in allen Fällen. Wichtig ist: Führende Muttertiere sind ganzjährig geschützt. Stadtjäger müssen bei jedem Einsatz sicherstellen, dass keine abhängigen Jungtiere betroffen sind.

Welche Maßnahmen helfen zur Vorbeugung?

Wer Waschbären fernhalten will, muss Futterquellen, Kletterhilfen und Schlupfwinkel unbedingt vermeiden. Diese sieben Tipps helfen konkret:

  • Kein Futter draußen stehen lassen. Auch Igel-, Vogel- oder Katzenfutter lockt Waschbären an.
  • Fallobst regelmäßig aufsammeln.
  • Mülltonnen sichern. Mit Riegeln oder Gewichten beschweren.
  • Kompost umzäunen oder abdecken.
  • Kletterhilfen entfernen. Keine Bäume, Gitter oder Möbel direkt an Fassaden.
  • Zugänge verschließen. Dachöffnungen abdichten, Schornsteine vergittern.
  • Vergrämung versuchen. Bewegungsmelder, Ultraschall oder Geruchsstoffe einsetzen.
  • Am effektivsten wirkt abgestimmtes Vorgehen mit der Nachbarschaft.

Welche Gesundheitsgefahren bestehen?

Waschbären können Krankheiten und Parasiten übertragen. Besonders relevant: der Waschbärspulwurm, ein Parasit, der bei Menschen – vor allem bei Kleinkindern – schwere Gesundheitsschäden verursachen kann. Außerdem sind Waschbären mögliche Träger des Staupevirus. Für Menschen ist dieses Virus ungefährlich, für ungeimpfte Hunde aber gefährlich. Hundehalter sollten den Impfschutz ihrer Tiere regelmäßig prüfen.

Warum ist das Problem so schwer in den Griff zu bekommen?

Waschbären sind lernfähig, nachtaktiv und klettern gut. Sie haben kaum natürliche Feinde, passen sich an neue Umgebungen an und nutzen selbst kleinste Einstiegsmöglichkeiten. Die Population wächst, genaue Zahlen gibt es nicht. Aber auch die Entnahmezahlen sprechen für sich: 2020 wurden im Rems-Murr-Kreis etwa 850 Waschbären erlegt, im vergangenen Jahr waren es knapp 1800 Exemplare.

Infos

Kontakt
Die Stadtjäger für den Raum Backnang erreicht man unter www.ihr-stadtjaeger.de. Allgemeine Infos gibt es unter www.wildtierportal-bw.de. Die Liste aller Stadtjäger finden sich auf www.rems-murr-kreis.de.