Schon länger haben die Experten diesen Moment erwartet, nun also ist er da. Am 9. Januar war in Münstertal im Südschwarzwald eine Ziege gerissen worden – am Dienstag bestätigte das Umweltministerium, dass es sich bei der Angreiferin um einen weiblichen Wolf gehandelt hat. Erstmals kann damit eine Fähe im Südwesten nachgewiesen werden, bisher waren alle identifizierbaren Wölfe Rüden gewesen.
Das weibliche Tier trägt die wissenschaftliche Bezeichnung GW2407f (GW steht für Grauwolf, f für das Geschlecht), es ist vermutlich 2021 geboren, und es stammt aus einem Rudel, das in Billenhagen in der Nähe von Rostock beheimatet ist. Sprich: Die Wölfin ist rund 1000 Kilometer quer durch Deutschland gewandert.
Drei männliche Wölfe sind auf der Suche nach einer Gefährtin
Viel wird in Zusammenhang mit den Wölfen spekuliert, aber in diesem Fall ist es das Umweltministerium selbst, das Prognosen über die Zukunft der Art in Baden-Württemberg anstellt. In der Mitteilung heißt es: „Sollte die Fähe tatsächlich noch weiter in der Region sein, könnte es zu einer Paarbildung kommen. Möglich wäre dann ebenfalls, dass es bereits im Frühsommer 2023 zur Geburt von Jungtieren und somit zur ersten Rudelbildung im Südschwarzwald kommen könnte.“ Tatsächlich leben im Südschwarzwald seit Längerem zwei männliche Wölfe, einer hat sein Streifgebiet dort, wo jetzt die Fähe registriert worden ist. Ein dritter Wolf ist im Nordschwarzwald sesshaft.
Micha Herdtfelder von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg (FVA) hatte erst vor wenigen Tagen bei einer von der FDP organisierten Diskussion gesagt: „Dass bald weibliche Tiere zu uns kommen und es zur Rudelbildung kommen wird, ist ein natürlicher biologischer Prozess.“ Für ihn ist es von zentraler Bedeutung, dass Nutztiere gut geschützt sind, um Konflikte mit Schaf- und Ziegenhaltern zu minimieren. Im vergangenen Jahr war es zu 19 Rissen, teils von mehreren Tieren, gekommen, 2021 waren es 13 Angriffe gewesen.
Deutschlandweit erhielten Tierhalter im Jahr 2021 Fördergelder für Schutzmaßnahmen in Höhe von 16,6 Millionen Euro sowie für die rund 3400 gerissenen Tiere einen Ausgleich in Höhe von rund 500 000 Euro.
Bisher sind zehn Wölfe wegen ihres Verhaltens erschossen worden
Anette Wohlfarth, die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes, sieht es dennoch als existenzielle Bedrohung für die Weidetierhalter an, wenn sich der Wolf weiter im Südwesten ausbreite: „Herdenschutzmaßnahmen schützen nicht immer zu 100 Prozent“, sagte sie. Wohlfarth forderte deshalb eine Obergrenze an Wölfen und den schnellen Abschuss von „übergriffigen“ Tieren. Der FDP-Landtagsabgeordnete Klaus Hoher unterstützt dieses Vorgehen.
Der Wolf ist bisher nach EU-Recht streng geschützt, darf aber „entnommen“ werden, wenn er Probleme bereitet. Dies wäre vor allem der Fall, wenn ein Tier Menschen angreift, was bisher in Deutschland aber noch nie geschehen ist, oder wenn ein Tier wiederholt korrekt aufgestellte Zäune überwindet. Seit 1990, als der Wolf aus Polen nach Deutschland eingewandert ist, sind zehn Tiere deswegen legal erschossen worden.
Stand Ende November 2022 lebten in Deutschland 161 bestätigte Rudel, 43 Paare und 21 sesshafte Einzeltiere.
Drei sesshafte Wölfe im Südwesten
GW852m
: Dieser Wolf wurde am 26. November 2017 das erste Mal bei Bad Wildbad (Kreis Calw) nachgewiesen. Das Tier stammt aus dem Schneverdinger Rudel in Niedersachsen. Bis heute wird der Wolf im Nordschwarzwald immer wieder registriert.
GW1129m
: Auch der zweite Wolf kommt aus dem Schneverdinger Rudel. Er kann seit Ende November 2019 immer wieder im Südschwarzwald nachgewiesen werden. Sein Gebiet liegt rund um den Schluchsee.
GW2103m
: Der dritte Wolf wird seit Mai 2021 vor allem im Feldberg-Gebiet immer wieder beobachtet. Das letzte Mal war dies bei Münstertal der Fall, also dort, wo jetzt auch das weibliche Tier aufgetreten ist.