Aber an diesem Nachmittag im Veldensteiner Forst, der sich im Landkreis Bayreuth südlich von Pegnitz und Auerbach über 6000 Hektar erstreckt und nahtlos in den Truppenübungsplatz Grafenwöhr übergeht, springt nur ein Eichhörnchen über den Weg. Nicht einmal die Schwanzspitze eines Wolfes ist zu sehen. Sebastian Bäumler, der das Forstrevier bei Auerbach leitet und ehrenamtlicher Wolfsmanager ist, sucht an einer Forstwegkreuzung selbst nach einer frischen Losung vergebens: „Hier kommen die Wölfe eigentlich oft vorbei“, sagt er achselzuckend. Er hat „seine“ Wölfe bisher etwa 20 Mal zu Gesicht bekommen, meistens vom Auto aus, wenn ein Tier kurz über die Forststraße gewechselt sei: „Es ist auch für mich immer noch etwas Besonderes.“
Aus dem Südschwarzwald ist noch nichts von Nachwuchs zu hören
Die Situation im Veldensteiner Forst war im Frühjahr 2018 identisch mit derjenigen im Frühjahr 2023 im Südschwarzwald: Ein Rüde und eine Fähe wurden gemeinsam gesichtet. Tatsächlich konnten im Veldensteiner Forst einige Monate später vier Welpen entdeckt werden: Ein Rudel war entstanden, das erste von derzeit zwei in Bayern. Im Moment, so schätzt Sebastian Bäumler, dürfte das Rudel etwa zehn Tiere umfassen. Ob es dazu im Schwarzwald bei St. Blasien auch kommen wird, ist noch ungewiss – die Jungtiere kämen in diesen Tagen zur Welt. Sebastian Schreiber, der Sprecher des Agrarministeriums, weiß noch von nichts.
Für die allermeisten Bürger hat sich durch das Rudel im Veldensteiner Forst wenig bis nichts verändert. Am Waldrand bei Auerbach sitzen an diesem Tag zwei junge Frauen im Schatten und schauen ihren Kindern beim Spielen auf dem großen Outdoorspielplatz zu. Die eine wusste gar nicht, dass in der Nähe Wölfe leben, die andere hat davon gehört, zuckt aber mit den Schultern: Na und?
Aber natürlich gibt es auch in Bayern bei vielen Menschen Vorbehalte und Ängste. Für Unruhe hat im Januar vor zwei Jahren ein Handyfilm gesorgt, auf dem zu sehen ist, wie im kleinen Ort Höfen ein Wolf eine Straße überquert und zwischen den Häusern verschwindet. Alle hätten jetzt ein mulmiges Gefühl, wurde einer der Einwohner in der lokalen Zeitung zitiert. Für Sebastian Bäumler war das Tier aber kein Problemwolf: Weder sei es aggressiv gewesen noch habe es sich im Dorf länger aufgehalten. Bis heute habe sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt.
Wildtiermanagerin: Zur Wahrheit gehört, dass die Wölfe nicht unsichtbar sind
Auch Josef Springer (CSU), der Bürgermeister von Neuhaus an der Pegnitz, zu dem Höfen gehört, war damals ziemlich angefressen. Heute sagt er sachlich, aber klar: „Wir werden mit dem Wolf leben müssen. Aber wir müssen Probleme mit Fakten lösen.“ Dazu gehört für ihn ganz zentral, dass überall untersucht wird, ob die natürlichen Futterquellen, sprich das Wild, ausreicht, um die Wölfe in einer Region zu ernähren. Wenn das nicht der Fall ist, hält Springer das Abschießen der zweijährigen Wölfe für richtig. Sonst sei die Gefahr zu groß, dass der Wolf sich an Nutztiere hält oder, was im Veldensteiner Forst schon vorgekommen sein soll, dass sich ein Wolf bis auf einen Meter dem Hund eines Spaziergängers genähert habe.
Ronja Schlosser, die Wildtiermanagerin des Regierungsbezirks Oberpfalz, hat sich angesichts solcher Vorfälle jedenfalls längst einen Grundsatz zu eigen gemacht, den sie auch den Baden-Württembergern ans Herz legt: „Man muss immer ganz ehrlich kommunizieren.“ Dazu gehört für sie wesentlich die Tatsache, dass die Wölfe keine Phantome sind, die man sowieso nie zu Gesicht bekommen werde. Nein, hin und wieder kreuzen die Wölfe die Wege von Menschen, gerade in dicht besiedelten Gegenden.
Vor allem tollwütige Wölfe können dem Menschen gefährlich werden
Seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland im Jahr 1990 wurden aber keinerlei Angriffe auf Menschen verzeichnet. Anderswo schon: eine neuere norwegische Studie hat ergeben, dass zwischen 2002 und 2020 weltweit 489 Menschen von Wölfen angegriffen wurden, 26 von ihnen starben. Die allermeisten Attacken, nämlich 380, wurden von tollwütigen Wölfen verzeichnet – in Europa ist die Tollwut weitgehend ausgerottet. Ungeklärte Ursachen haben 67 Angriffe, davon waren neun tödlich. Die Autoren der Studie ziehen daraus den Schluss, dass man mehr lernen müsse über furchtlose Wölfe und darüber, wie viel Nähe zum Menschen gefährlich werden könne.
Aufgrund der europäischen eher guten Erfahrungen gibt es jedenfalls im Veldensteiner Forst keine Beschränkungen für Wanderer und Mountainbiker, nur Gassigeher sind angehalten, ihren Hund angeleint zu lassen. Erst vor kurzem, also fast fünf Jahre nach der Entstehung des Rudels, sind an Parkplätzen einige Schilder angebracht worden. Darauf ist zu lesen, wie man sich im unwahrscheinlichen Fall, einem Wolf zu begegnen, verhalten soll: respektvollen Abstand halten und rufen oder klatschen, wenn der Wolf zu nahe kommt. Nicht wegrennen, wird noch geraten: „Möchten Sie mehr Abstand, ziehen Sie sich langsam zurück.“
Möglichst viel Abstand zum Wolf, das wollen in Bayern wie im Südwesten vor allem die Bauern. Landwirte erhalten zwar bis zu 100 Prozent erstattet, wenn sie wolfssichere Zäune anschaffen. Aber die Kosten von teils mehreren zehntausend Euro müssen sie vorstrecken. Der Zaun macht deutlich mehr Arbeit, weil das Gras immer kurz gehalten werden muss, sonst leitet der Draht den Strom nicht. Und bei einem Riss gibt es oft Scherereien, bis die Entschädigung endlich überwiesen wird. Bayern hat im Jahr 2021 gut 4,5 Millionen Euro für solche Zuschüsse ausgegeben, in Baden-Württemberg waren es drei Millionen Euro.
Die Wut bei vielen Landwirten wächst
Und einige Menschen, die sich gegen die regellose Ausbreitung des Wolfes stellen, werden immer wütender. Bei einem „Wolfsgipfel“ des Deutschen Bauernverbandes vor wenigen Tagen in Berlin warf der Landwirt und Wolfsbeauftragte Jens Schreinicke der Politik ideologisches Handeln und eine Verdummung der Gesellschaft vor. Und der Zoologe Hans Dieter Pfannenstiel sprach davon, dass es nicht verwundern würde, wenn in Deutschland „die Bereitschaft zur Selbsthilfe“ wachse. Denn die Übergriffe auf Nutztiere nähmen überhand. Die nüchternen Zahlen lauten: Im Jahr 2021 kamen bundesweit bei rund 1000 Angriffen etwa 3400 Schafe und Ziegen ums Leben. Gerade im Osten und in Niedersachsen sind die Wolfspopulationen deutlich höher als im Süden Deutschlands.
Die Landwirte und auch die CDU in Baden-Württemberg und in Bayern die CSU fordern, dass Deutschland anerkennt, dass der Wolf angesichts von derzeit 1500 bis 2000 Tieren bundesweit nicht mehr gefährdet ist. Dann könnte eine Obergrenze festgelegt werden, und alle überzähligen Tiere könnten getötet werden. In vielen Ländern, wie Frankreich oder Schweden, werde der Wolf heute schon bejagt. Erschossen werden könnten Wölfe danach auch, wenn sie in kurzer Zeit zwei Mal in Herden einbrechen. Bayern hat jetzt eine Verordnung erlassen, nach der eine „Entnahme“ sogar schon nach einem Angriff auf Nutztiere möglich wird. Baden-Württembergs Agrarminister Peter Hauk (CDU) hätte gerne eine ähnliche Regelung. Allerdings: dann gäbe es derzeit wohl keine Wölfe mehr im Südwesten. Denn allein seit Anfang 2022 haben die drei hier lebenden Einzelwölfe und einige durchziehende Tiere rund zwei Dutzend Mal Nutztiere gerissen.
Drei Viertel der Menschen sind für den Wolf
Die Wölfe im Veldensteiner Forst bleiben dagegen in dieser Hinsicht erstaunlich unauffällig. Im Frühjahr 2021 brachen sie zwei Mal in Wildgehege ein und töteten 25 Hirsche und Mufflons. Da war der Unmut groß. „Die Wölfe haben uns aber den Gefallen getan, sich danach ruhig zu verhalten“, sagt Sebastian Bäumler. Es sei ein Vorteil, so Bäumler, dass der Veldensteiner Forst sehr wildreich sei – dort leben sogar noch Hirsche in freier Wildbahn. Christian Leißner, Landwirt und Betreiber eines der beiden betroffenen Wildgehege, sieht das allerdings ganz anders. Es werde nicht mit offenen Karten gespielt, der Wolf sei viel präsenter als vorgegeben, er selbst sehe drei Tiere regelmäßig auf seinen Feldern: „Der Aufwand ist viel zu groß für den einzelnen und auch für die Gesellschaft insgesamt“, sagt er.
Leißner fühlt sich von den Stadtmenschen, die den Wolf nur vom Hörensagen kennen, dominiert. Nach dem Übergriff habe er Drohungen erhalten, weil er Tacheles geredet habe. Eine neue repräsentative Umfrage des Naturschutzbundes sieht dagegen beim Thema Wolf keinen Graben zwischen Stadt und Land. Insgesamt attestieren 76 Prozent der Befragten dem Wolf ein Recht, bei uns zu leben, auch wenn es teilweise zu Problemen komme. Bei Menschen in ländlichen Gebieten und bei Menschen, die in Regionen mit Wölfen leben, war die Zustimmung nur drei beziehungsweise vier Prozentpunkte geringer.
Auch für Zäune für Kälber und Rinder gibt es jetzt Zuschüsse
Inwieweit diese Konflikte auch in Baden-Württemberg zunehmen werden, ist ungewiss. In Erwartung eines Rudels werde die baden-württembergische Landesregierung jetzt auch den Herdenschutz für Kälber und Rinder mit Zuschüssen unterstützen, betont Bettina Jehne, die Sprecherin des grün geführten Umweltministeriums. Eine neue Verordnung wie in Bayern ist dagegen nicht geplant. Ansonsten fahre man auf Sicht, so Jehne.
Sebastian Bäumler hat trotz aller Auseinandersetzungen vor allem eine Botschaft für das Wolfsrudelerwartungsland Baden-Württemberg: „Bleibt entspannt“, sagt er. Wenn er sich eines wünschen könnte, wäre es dies: dass der Wolf endlich als ganz normales Wildtier angesehen würde, wie ein Wildschwein oder ein Fuchs auch.