Wildtiere in Baden-Württemberg Wandernde Hirsche werden vorerst weiter abgeschossen

Für den Rothirsch sieht die Lage in Baden-Württemberg derzeit nicht gut aus. Foto: dpa//Erich Tomschi

Rotwild darf im Südwesten nur in fünf Gebieten leben – Jäger sollen alle Tiere, die außerhalb angetroffen werden, töten. Dabei bräuchten die Hirsche dringend mehr Austausch. Das Forstministerium kennt das Problem, handelt aber nicht.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Die Grenze ist meist unsichtbar und kann doch tödlich sein. Für den Hirsch, das größte wildlebende Säugetier in unseren Breiten und immerhin das Wappentier des Landes Baden-Württemberg, gibt es lediglich fünf Rückzugsgebiete, die der Mensch schon im Jahr 1958 definiert hat – das sind Flächen im Nord- und im Südschwarzwald, in der Adelegg im Allgäu, im Odenwald sowie im Schönbuch. Hinzu kommt ein geduldetes Gebiet bei Simonswald im mittleren Schwarzwald. Sie machen zusammen vier Prozent der Landesfläche aus.

 

Darüber hinaus war und ist der Hirsch nicht erwünscht – er könnte zu große Schäden im Wald und auf den Feldern anrichten, oder es könnte schwere Verkehrsunfälle geben, so die Befürchtungen. Deshalb gilt: Außerhalb der genannten Flächen dürfen und sollen Jäger jeden Hirsch abschießen. Etwa junge Hirsche, die sich ein neues Revier suchen wollen, kommen deshalb meist nicht weit. Insgesamt werden in Baden-Württemberg jährlich zwischen 1500 und 1800 Tiere abgeschossen, die meisten davon aber innerhalb der Bestandsgebiete, um die Herdengrößen zu regulieren.

Fünf Gebiete gibt es für das Rotwild im Südwesten Foto: FVA/Manfred Zapletal

Wie viele Rothirsche noch in den Wäldern des Südwestens leben, weiß niemand genau. Doch allzu viele sind es nicht mehr, in jeder der fünf genannten Populationen seien es jeweils weniger als 500 Tiere, sagt Jonas Esterl, der Sprecher des Forstministeriums in Stuttgart. Für den Schönbuch gibt es übrigens die Besonderheit, dass tatsächlich ein Gatter um das 4000 Hektar große Rotwildareal errichtet wurde. Das Gebiet im Nordschwarzwald hat mehr als 100 000 Hektar. Gemessen an der Jagdstrecke ist der Südwesten – nach dem Saarland und Schleswig-Holstein – das Flächenbundesland mit der drittniedrigsten Zahl an Hirschen. Im Norden und Osten Deutschlands dürfen sich die Hirsche prinzipiell überall ausbreiten, in Bayern sind es immerhin auf 14 Prozent der Landesfläche.

Nun aber wird ein Problem immer drängender, vor dem man eigentlich nicht mehr die Augen verschließen kann: Die Genvielfalt nimmt in den kleinen und weitgehend isolierten Populationen stark ab. In einem neuen Bericht der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg heißt es: „In den Rotwildgebieten Baden-Württembergs ist die genetische Diversität aktuell zu gering, um dauerhaft einen gesunden Rotwildbestand zu erhalten.“ Seit der ersten Untersuchung im Jahr 2007 habe die Dramatik zugenommen. So kann es zu Fehlbildungen kommen, und auch Merkmale wie Fruchtbarkeit, Vitalität oder Krankheitsresistenz können schwächer werden.

Vernetzung der Gebiete wird ohnehin sehr schwierig

Die Autoren der FVA-Studie halten es deshalb für wichtig, gerade jungen Hirschen wieder das Wandern zu erlauben. Am ehesten wäre eine Vernetzung zwischen den Populationen im Nord-, Mittel- und Südschwarzwald möglich. Aber selbst dort liegt die Erfolgsaussicht nur zwischen 40 und 70 Prozent. Die Studie geht deshalb davon aus, dass eine Aufhebung des Abschussgebotes allein nicht ausreichen wird. Zudem müsse ein generelles Abschussmoratorium für junge Hirsche erlassen werden, also auch innerhalb der Rotwildgebiete. Am besten sollte sogar insgesamt der Bestand deutlich weniger reguliert werden; die Abschusszahlen sollen sinken.

Und selbst dann bleibt die Studie skeptisch: „Selbst unter diesem kaum umsetzbaren Szenario ist die Vernetzung der Rotwildgebiete Odenwald und Adelegg mit den übrigen Rotwildgebieten in Baden-Württemberg sehr unwahrscheinlich.“ Im Schwarzwald und im Schönbuch könnten die Vernetzung aber gelingen. Zusätzlich erschweren stark befahrene Straßen und dichte Besiedelung den Zug der Hirsche. Es braucht also auch die Umsetzung von Konzepten für Wildwege und Grünbrücken.

Nicht nur Naturschutzorganisationen wie die Deutsche Wildtierstiftung, sondern auch der Landesjagdverband (LJV) macht schon seit Jahren Druck, das Abschussgebot endlich aufzuheben und den Hirschen mehr Lebensraum zuzugestehen, den es nach der FVA-Studie auch eindeutig gäbe. Mit ihrer Kampagne „Platzhirsch“ werben die Jäger für den Hirsch als faszinierendes Lebewesen. Im Internet gibt es auch eine Unterschriftenaktion. Der LJV-Hauptgeschäftsführer René Greiner ist aber einigermaßen ernüchtert: „Forstminister Peter Hauk könnte das Abschussgebot per Verordnung von heute auf morgen aufheben, dazu bräuchte er nicht einmal das Parlament. Aber er tut es nicht.“

Dabei gebe es durchaus andere Bundesländer ohne Abschussregelung, wie Mecklenburg-Vorpommern, und dort sehe es genetisch deutlich besser aus. Grundsätzlich würden auch die Fraßschäden überschätzt, meint Greiner: „Hirsche wanderen meist allein oder zu zweit, und sie begründen unterwegs keinen neuen Bestand.“ Das Ministerium spricht dagegen von einem „immensen Konfliktpotenzial“. Es steht ziemlich deutlich auf der Seite der Waldbesitzer und Landwirte.

Kurz hatte beim Jagdverband Hoffnung aufgekeimt, weil der CDU-Minister Hauk vor kurzem bei einer Landespressekonferenz den Eindruck erweckt hatte, er stehe kurz vor der Abschaffung der 67 Jahre alten Regelung. Doch mittlerweile rudert das Ministerium zurück. Hauk habe nur bestätigt, dass „Gespräche mit dem Ziel geführt werden, dass die Hirsche zukünftig frei wandern sollen“, betont der Sprecher des Ministeriums, Jonas Esterl.

Trotz bestehender Rotwildkonzeptionen, Projektarbeiten und Studien soll nun eine Arbeitsgruppe gegründet werden, in der Wildbiologen, Jäger, Waldbesitzer und Vertreter der Landwirtschaft gemeinsam mit dem Land Maßnahmen entwickeln sollen. Eine solche Arbeitsgruppe habe Hauk schon vor zwei Jahren zugesagt, kritisiert René Greiner, seither sei nichts passiert. Nach einem erneuten Nachfassen sei jetzt zwar die Einladung für eine erste Sitzung noch im ersten Halbjahr eingetroffen. Es gebe aber dennoch Anzeichen, dass das Ministerium auf Zeit spiele, so Greiner weiter: „Wir müssen aufpassen, dass man die Arbeitsgruppe sich nicht selbst lahmlegen lässt und dass man dann das Scheitern und die Verantwortung auf die einzelnen Akteure abwälzt.“

Hirsche erleben

Spaziergang
Wer Hirsche live erleben will, kann dies im Schönbuch tun. Auf dem kurzen, nur gut drei Kilometer langen Rotwilderlebnispfad ist die Chance groß, Rotwild zu erspähen, und auf Schildern erfährt man viel über diese Spezies.

Infos
Nähere Informationen sowie eine genaue Wegbeschreibung finden Sie hier.

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