Wildtiere in Esslingen Der Stadtjäger hat die Lizenz zum Töten

In vier Wochen sind Christian Schwenk zwei Dachse in die Falle an der Burgmauer über der Oberen Beutau gegangen. Auftraggeberin ist die Stadt Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Christian Schwenk aus Schopfloch hilft Städten, Gemeinden, Privatleuten und Firmen, wenn die tierische Belagerung im besiedelten Raum überhand nimmt. Und hat immer mehr zu tun. Vor allem die Waschbären sind zum Problem geworden.

Kreis Esslingen - Waschbären sind Sympathieträger. Aber sie werden im Kreis Esslingen immer mehr zur Plage. Etwa, wenn sie sich – wie im Falle einer Bissinger Holzbaufirma – in ganzen Familienverbänden auf dem Dachboden eingenistet und die Isolierung so zerstört hatten, dass Material und Hinterlassenschaften in die darunter liegenden Stockwerke rieselten. Elf Exemplare und einen Marder hat Christian Schwenk dort innerhalb von wenigen Monaten gefangen – und noch vor Ort zur Strecke gebracht. Einer Frau aus Filderstadt hat er aus ihrer Not geholfen, deren Garten ein Dachs zur Kloake gemacht hat. Und derzeit fängt er im Auftrag der Stadt Esslingen die Dachse ein, die sich unter der Burgmauer über der Oberen Beutau eingegraben haben. Und en passant die Grundstücke in der Nachbarschaft verwüsten. Die Statik der massiven Befestigung bringen sie zwar noch nicht ins Wanken. Im Fall einer Garagenanlage in Kirchheim war die Gefahr schon größer, erzählt er. Gerufen wurde er dort vom Nachbarn, der auf seinem Grundstück daneben schubkarrenweise den Erdaushub der eifrigen Buddler wegkarren musste.

 

Lizenz zum Töten im befriedeten Raum

Schwenk, Jahrgang 1973, im Hauptberuf Landesbeamter, lebt in Schopfloch und ist im Nebenjob Stadtjäger. Also ein Mann mit der Lizenz zum Töten im befriedeten Raum. Von der macht er erst dann Gebrauch, wenn gar nichts anderes mehr geht. Ob Waschbären, Dachse, Füchse oder Marder: In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Wildtiere mitten in den Städten und Gemeinden festgesetzt, wo von ihren natürlichen Feinden nichts zu sehen ist, es aber Nahrung und behagliche Verstecke im Überfluss gibt. Somit ist Schwenk ein gefragter Mann, der es schon mehrfach ins Fernsehen – und im vergangenen Sommer auch in den „Spiegel“ geschafft hat.

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Er ist in der Landwirtschaft aufgewachsen. „Ich habe Respekt vor den Tieren. Wenn es den Kühen gut geht, geht es auch dem Menschen gut. Aber es gibt auf dem Bauernhof einen gewissen Kreislauf. Zu dem gehört, dass irgendwann auch der Metzger kommt.“ Und das Gleichgewicht muss stimmen. „Der Waschbär räumt in seinem Revier ab. Kleinere Haustiere, Schnecken, Igel, Singvögel – alles wird gefressen. Damit gefährdet er die Artenvielfalt. Zudem kann er über seinen Kot den Waschbärspulwurm auf den Menschen übertragen“. Und ein Waschbär kommt selten allein – zumal ihm hierzulande kein Kojote, Wolf oder Luchs den Garaus macht. Die possierlichen Brummer stehen gut im Futter und haben sich „explosionsartig vermehrt“. Die Population, die derzeit den Landkreis überschwemmt, hat ihre Ursprünge in einst zu Jagdzwecken gezielt ausgesetzten Tieren am hessischen Edersee, weiß Schwenk.

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Wer ihn zur Hilfe ruft, bekommt erst einmal eine Beratung bei einem Vorort-Termin. Egal, um welchen Eindringling es sich handelt. Vogel- und Katzenfutter wegsperren, den Komposthaufen absichern, Mülltonnen und gelbe Säcke erst morgens hinausstellen, sämtliche Zugänge ins Haus dicht machen, also auch Katzenklappen – das rät er seiner Kundschaft als erstes. Wenn das nicht hilft: vergrämen, also vertreiben. Aber das ist auch so eine Sache. Dann sitzt der ungebetene Gast eben beim Nachbarn. Deshalb ist Schwenk Befürworter eines ganzheitlichen kommunalen Wildtiermanagements. „Die Städte und Gemeinden müssen zusammen mit den Tier- und Naturschutzverbänden planen, wie viele Wildtiere ihr Siedlungsraum verträgt.“ Und dann entsprechende Maßnahmen einläuten. Während Kirchheim vor allem unter den Problembären leide, sei es in Esslingen eher der Fuchs, in Ostfildern der Dachs.

Aussetzen ist für Schwenk keine Lösung

„Baden-Württemberg ist das erste Bundesland, das erkannt hat, dass das Problem mit Wildtieren im Siedlungsraum immer größer wird und man spezialisierte Jagdscheininhaber braucht, die sich mit den besonderen Herausforderungen in den bewohnten Gebieten auskennen“, sagt Schwenk. Im Jagd- und Wildtiermanagementgesetz von 2020 hat das Land deshalb den Stadtjäger – eigentlich kein geschützter Rechtsbegriff – institutionalisiert. Eine Durchführungsverordnung regelt, welche Qualifikationen Menschen brauchen, die dort, wo die Jagd eigentlich ruht, eingesetzt werden können.

Sobald Schwenk ein Tier in die Lebendfalle gegangen ist, bekommt er auf seinem Handy die Meldung – und reagiert umgehend. Und warum setzt er seinen Fang dann nicht im Wald auf freien Fuß, sondern erschießt ihn vor Ort? „Das Aussetzen hat nichts mit Tierschutz zu tun. Die Tiere sind in der Falle in maximaler Panik. Wenn sie dann noch weit weg gefahren und ausgesetzt werden, wissen sie überhaupt nicht mehr, wo sie ihre Nahrung herbekommen sollen. Zudem setzt man sie anderen Wildtieren in deren Revier – das ist ein riesiges Problem “, sagt er. „Die Natur ist alles – nur nicht lieb. Sie ist gnadenlos.“

Stadtjäger Christian Schwenk

Weg
Christian Schwenk, Jahrgang 1973, ist in der Nähe von Köln im Bergischen Land geboren und lebt seit 2004 in Baden-Württemberg. Seit 2011 wohnt der hauptberufliche Landesbeamte in Lenningen-Schopfloch, wo er auch im Ortschaftsrat und im Naturschutzzentrum aktiv ist. Auf einem Bauernhof groß geworden, hatte er schon früh Berührungspunkte mit der Jagd. Schwenk hat den Jagdschein gemacht, sich zum Revierhegemeister, Wildtierschützer und nebenberuflichen Stadtjäger weitergebildet. Zudem kann man ihn als Naturpädagogen für Kindergartenkinder und Grundschüler buchen.

Aufgabe
Christian Schwenk hilft allen Betroffenen im Landkreis Esslingen sowie Stuttgart und Umgebung, wenn sie Probleme mit Wildtieren haben. Bezahlt wird er von seinen jeweiligen Auftraggebern. Nach einem Vor-Ort-Termin erarbeitet er individuelle Lösungen für Probleme mit Waschbären, Steinmardern, Dachsen und Co.

Informationen
unter www.stadtjaeger.de

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