Wilhelm Busch in Baden-Baden Wehe, wenn ich auf das Ende sehe

Von Markus Reiter 

Bei ihm wird mit dem Regenschirm zugestoßen, geprügelt, aus Eifersucht gemordet: „Und - Kracks! es dringt der scharfe Schlag/Bis tief in das Gedankenfach.“ Eine Schau in Baden-Baden führt die anarchische Seite des Zeichners Wilhelm Busch vor Augen.

Ausschnitt aus Wilhelm Buschs „kleinem Maler mit der großen Mappe“ Foto: Katalog 5 Bilder
Ausschnitt aus Wilhelm Buschs „kleinem Maler mit der großen Mappe“ Foto: Katalog

Baden-Baden - Manchmal werden scheinbar harmlose populäre Künstler gründlich missverstanden, weil ihre Bewunderer deren Tiefe nur allzu gern übersehen. Wenn man dem „Zeit-Magazin“ Glauben schenken darf, ist zum Beispiel Carl Spitzweg der Lieblingsmaler des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Kann es sein, dass der eher biedere Politiker die feine Ironie der biedermeierlichen Idyllen Spitzwegs schlichtweg nicht wahrnehmen will?

Ein ähnliches Schicksal erleidet oft Wilhelm Busch. Ihn kennt man als den Schöpfer von „Max und Moritz“, einer lustigen Bildergeschichte, die mehr im kollektiven Kulturgedächtnis der Deutschen herumgeistert, als dass sie jemand wirklich gelesen oder betrachtet hätte. Dabei war Busch nicht nur ein begnadeter Zeichner und urkomischer Verseschmid, sondern er würzte seine Geschichten mit einer gehörigen Portion anarchischem Geist.

Die Kinder sind brutal, mitleidlos und unbelehrbar

Die Kinder seiner gezeichneten Erzählungen sind bitterböse, brutal, mitleidlos und so lange unbelehrbar, bis sie eine pädagogisch nicht zu rechtfertigende Strafe ereilt. Denn - wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe – bei „Max und Moritz“ zum Beispiel wirft der Müllermeister die beiden Lausbuben in seine Mühle: „Her damit!“ – Und in den Trichter schüttelt er die Bösewichter.“ – „Hier kann man sie noch erblicken/Fein geschroten und in Stücken.“ Schon 1863, zwei Jahre vor der Erstveröffentlichung von „Max und Moritz“, hatte der Zeichner zwei Knaben, die dem Philosophen Diogenes Streiche spielten, von dessen Fass überrollen lassen: „Die bösen Buben von Korinth/sind platt gewalzt, wie Kuchen sind.“

Auch mit den Erwachsenen ging der Busch nicht zimperlich um. Seine kleinbürgerlichen Charaktere sind nachtragend, verlogen und gewalttätig. Etwa bei seinem zweiten großen Erfolg nach den „Bubengeschichten in sieben Streichen“, der „Frommen Helene“ von 1871. Die scheinbar so harmlosen Bilder und Verse machen sich einen Spaß aus Frömmelei, Scheinmoral und verschämter Sexualität. Da wird mit dem Regenschirm zugestoßen, geprügelt, aus Eifersucht gemordet: „Und - Kracks! es dringt der scharfe Schlag/Bis tief in das Gedankenfach.“ Alsbald zieht Helene geistige Getränke der geistlichen Erbauung vor, denn „wer Sorgen hat, hat auch Likör!“. Kein Wunder, dass alles im Inferno endet.

Witz als Comouflage von Tiefsinn

Busch ist nicht nur ein genau beobachtender Zeichner, sondern er besitzt eine in Deutschland seltene Gabe: Leichtigkeit und Witz als Comouflage von Tiefsinn. Herrlich, wie der Künstler Lebensweisheiten in federleichte, spöttelnde Knittelverse zu verpacken versteht. Ganz nebenbei tauchen hier, hundert Jahre vor Erika Fuchs’ berühmten Micky-Maus-Übersetzungen, onomatopoetische Wortschöpfungen in Zeichengeschichten auf, Lautmalereien wie „Ritzeratze!“ und „Kracks!“.

Diesen Wilhelm Busch kann man jetzt in einer Ausstellung im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts LA8 in Baden-Baden entdecken. Zugleich sind einige seiner Genre-Gemälde zu sehen, zum Teil aus Privatsammlungen. Sie zeigen, wie sehr Buschs Zeichenkünste von seiner klassischen Ausbildung an den Kunstakademien in Düsseldorf, Antwerpen und München profitiert haben. So ist sein „Kleiner Maler mit der großen Mappe“, erschienen 1859 im „Münchner Bilderbogen“, eine Persiflage auf den großen Caspar David Friedrich – aber mit einem selbstironischen Augenzwinkern.