Kera ist nur eine unter vielen Ex-Wilhelma-Bewohnern, die anderswo für Nachwuchs sorgen. Neben der Gorilla-Dame, die in Bristol ein Baby zur Welt gebracht hat, haben viele weitere Gorillas in Stuttgart den Grundstein für ihre Elternrolle gelegt.
Stuttgart - Dies ist die Geschichte von Europas erfolgreichstem Gorilla-Kindergarten. Der befindet sich in der Wilhelma. Im Zuge des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) werden seit den 90ern all jene Gorillababys nach Stuttgart geschickt, deren Kindheit traurig losgegangen ist. Entweder ist die Mutter bei der Geburt verstorben. Oder die Frau Mama konnte ihrer Sorgfaltspflicht aus anderen Gründen nicht nachkommen.
In solch einem Fall soll das allein gelassene Jungtier in der Gorilla-Kita in der Wilhelma unter Artgenossen aufwachsen, immer in Sichtkontakt zu den erwachsenen Tieren, um so das Gorilla-typische Verhalten imitieren zu können.
Auch in der Gorilla-Welt gibt es gute und schlechte Eltern
Sobald die Jungtiere dann im Alter von drei oder vier in die Flegeljahre kommen, werden die Gorillas wiederum im Rahmen des EEP in andere Zoos in Europa gesendet, um dort den Erhalt ihrer Artgenossen zu sichern. So geschehen vor einigen Tagen im Zoo von Bristol. In England brachte die ehemalige Wilhelma-Bewohnerin Kera ihr Baby per Kaiserschnitt zur Welt. „Das ist natürlich tragisch, weil Kera bei uns alle Voraussetzungen gelernt hat, um ihre Mutterrolle perfekt auszufüllen“, erklärt Marianne Holtkötter, Kuratorin für Menschenaffen in der Wilhelma. Jetzt müsse das Baby aber von einem Pfleger versorgt werden, damit Kera sich in Ruhe erholen kann. Dabei ist Kera nicht die einzige Gorilladame, die als ehemalige Teilnehmerin des EEP einige Jahre in der Wilhelma verbracht hat und heute anderswo auf der Welt liebevoll für ihren Nachwuchs sorgt.
Dass aus einem Gorillababy, das ohne Mutter aufgewachsen ist, am Ende dennoch eine fürsorgliche Mama oder ein verantwortungsvoller Vater wird, hängt laut Holtkötter vor allem von einem Faktor ab: „Das Tier muss bei uns in der Wilhelma eine Geburt und Aufzucht miterlebt haben, damit es das richtige Verhalten später imitieren kann.“ Schließlich gebe es auch in der Gorillawelt Helikoptereltern und weniger talentierte Erziehungsberechtigte.
Im Frühjahr verlässt ein verschmähtes Baby die Wilhelma
Zum Beispiel Efata. Dem Jungen wurde in Stuttgart fünf Wochen nach seiner Geburt von seiner Mutter Undi aus Unlust abgeschoben. In der Wilhelma erlebte er dennoch eine intakte Gemeinschaft und wurde später im schwedischen Kolmårdene ein fürsorglicher Vater. Sogar mehr als das: „Als später der junge Gorilla Nasibu aus Stuttgart nach Kolmårdene kam, machte sich Efata ganz klein, um auf das Jungtier nicht bedrohlich zu wirken“, erzählt Holtkötter. So viel Feingefühl lernt man eben nur im Gorilla-Kindergarten der Wilhelma.
Auch Keras Schwester Mayani war als Kind in der Wilhelma, um später in Dublin eine vorbildliche Mutter zu sein. Beim Weibchen Grace wiederum, das in Dublin zur Welt kam, lief nicht alles perfekt. „Nachdem Grace einige Jahre bei uns in Stuttgart war, kam sie nach Wuppertal. Dort erlebte sie aber nie eine Geburt oder Aufzucht mit, so dass sie ihr Baby Vana leider nicht angenommen hat“, erzählt Holtkötter. Vana lebt heute im Gorilla-Kindergarten der Wilhelma. Im Frühjahr soll sie nach Dublin umziehen – um dort eines Tages als Mutter die Erfolgsgeschichte der guten Stuttgarter Gorilla-Kinderstube fortzuschreiben.