„Wenn die Weiß-Esche gelb wird, wird es Herbst“, sagt Katja Siegmann von der Parkpflege in der Wilhelma. Sie blickt auf den Baum unweit der historischen Gewächshäuser, der sich jahreszeitengerecht verfärbt hat. Die Äste der Magnolie gleich daneben reichen bis zum Boden, sie zeigt dürre Blätter, ein Zeichen dafür, dass sie mit Trockenheit kämpft. „Und nicht nur sie, auch die Mammutbäume leiden darunter“, berichtet Siegmann. Weil es häufig Starkregen statt Dauerregen gibt, könne die Feuchtigkeit nicht mehr so tief in den Boden eindringen. Deshalb hat die Wilhelma schon erste Maßnahmen getroffen.
Bodenfeuchte-Sensoren bei den Mammutbäumen
An mehreren Stellen sind Bodenfeuchte-Sensoren eingebaut worden. Auf drei Ebenen, in 60 und 90 Zentimetern sowie 1,20 Meter Tiefe wird gemessen, die Daten werden an eine Software übertragen. Wird es zu trocken, wird gewässert. Die Bewässerungstechnik soll so gesteuert werden, dass die Pflanzen zur optimalen Zeit gegossen werden. Die Technik hilft dabei, dass beispielsweise nur nachts bewässert wird, gekoppelt mit der Wettervorhersage zur Regenwahrscheinlichkeit. Auch die Magnolien im Maurischen Garten stehen unter verstärkter Beobachtung. Denn auch wenn es zunehmend trockener wird aufgrund des Klimawandels, kann die Wilhelma nicht überall gießen.
Lindenallee in der Wilhelma wird dauerhaft verändert
Die Besucher werden im kommenden Jahr bei der Lindenallee neben der Damaszenerhalle eine Neuerung erleben: Aus den Wechselflorbeeten werden klimaresistente, dauerhafte Bepflanzungen. Erste Pläne gibt es schon, nun werden die Pflanzen ausgesucht. Zur Auswahl stehen Irisblumen, Disteln, Echinacea und Fetthenne. Sie alle brauchen weniger Wasser und sind winterhart. „Das wird dann für die nächsten 15 bis 20 Jahre angepflanzt“, sagt Siegmann. Das bedeutet, dass es erstmals seit 60 Jahren in der Wilhelma keine Wechselflorbepflanzung mehr gibt mit Sommer- und Winterflor, sondern nur die dauerhafte Bepflanzung. „Die Beete sollen den Besuchern auch Anregungen für den heimischen Garten geben. Das ist mein Ansporn“, sagt Siegmann. Zu den resistenteren Pflanzen gehören auch Rosmarin, Thymian, Verbenen und Lavendel.
Rasenflächen der Wilhelma auf dem Prüfstand
Auch die Rasenflächen stehen zunehmend unter Beobachtung: Es gibt in der Wilhelma zwar automatische Bewässerungssysteme, aber nicht überall. Also wird genau überlegt, wo noch Rasen als Liegefläche gebraucht wird. Ansonsten wird der Rasen zur klimaresistenteren Wiesenfläche umgewandelt.
Ziel sei es, nicht mehr Wasser zu verbrauchen. Deshalb wird geschaut, welche Bäume und Pflanzen mit Trockenphasen zurechtkommen. So gibt es seit diesem Jahr mediterrane Beete in der Nähe des Aquariums. Darin befindet sich etwa der Mönchspfeffer, der violett blüht. Oder der Judasbaum, der aus dem Nahen Osten stammt und viel Trockenheit verträgt. „Wir schauen verstärkt nach Südeuropa und in den Nahen Osten, was die Bepflanzung in den Außenanlagen betrifft“, sagt Siegmann. Auch Currykraut und Lavendel sind zu finden und im nördlichen Bereich des Zoos bei den Damhirschen und Kamelen wurden Wildblumen gepflanzt, die ebenfalls trockenresistent sind.
Erderwärmung und Trockenheit stresst Natur und Mitarbeiter
Der Klimawandel bedeutet nicht nur für die Natur Stress, sondern auch für die Mitarbeiter der Parkpflege. Im vergangenen Jahr hat Siegmann wöchentlich mitgeteilt, welche Pflanzen noch bewässert werden und welche nicht. Ist es besonders heiß und trocken, haben Bäume Vorrang beim Gießen. „Derzeit sind es die Jungbäume“, sagt sie. Gingko-Bäume kommen eher mit dem Klimawandel zurecht. In einschlägigen Katalogen findet sich mittlerweile das Kapitel „Zukunftsbäume“, die klimaresistent sind. Dazu zählen die Zerreichen, die es bereits in der Wilhelma gibt. Wichtige Hinweise bekommt Siegmann auch von der so genannten Galk-Liste der Gartenamtsleiter, die seit 2012 digital verfügbar ist und vom Arbeitskreis Stadtbäume fortgeschrieben wird.
Klimawandel geht schneller, als reagiert werden kann
„Der Klimawandel ist massiv und viel schneller, als wir reagieren können“, sagt Siegmann. Die Leitung der Parkpflege erlebt es auch außerhalb der Wilhelma: So ist zum Beispiel an der Grabkapelle Rotenberg der Hügel exponiert und Unwettern stark ausgesetzt. Im Rosensteinpark sind Bergahornbäume komplett ausgefallen, dieses Jahr die Hainbuchen.
Auch Grünastabbruch verlangt aufgrund der Trockenheit von den Baumkontrolleuren mehr Aufmerksamkeit. Beispielsweise werfen Buchen Äste mit noch grünen Blättern ab, um Trockenheit besser zu bewältigen. Auch Kastanien leiden unter dem Klimawandel, im vergangenen Jahr gab es Absperrungen in der Wilhelma wegen Grünastabbruch. „Man muss noch wachsamer sein“, sagt Siegmann.
Die Parkpflege
Katja Siegmann (50),
ist als Fachbereichsleitung der Parkpflege der Wilhelma für 340 Hektar Grünflächen des Landes mit 12 000 Bäumen auf Stuttgarter Gemarkung zuständig, die Wilhelma umfasst etwa acht Prozent der Fläche. Sie ist Landschaftsarchitektin und war schon 2008 in der Wilhelma als Bereichsleitung Parkpflege tätig, ging dann zur Stadt Leinfelden-Echterdingen und ist seit Juni 2021 zurück in der Wilhelma als Fachbereichsleitung und in den Außenbereichen.
Aufgabenbereich
Zu den Gebieten, die sie und die 75 Beschäftigten, darunter sechs Ingenieure und etliche Gärtner, betreuen und pflegen, gehört neben der Wilhelma, der Rosensteinpark, die Universität Stuttgart, der Schlossgarten, der Schlossplatz, das Schloss Solitude, das Staatsministerium und die Grabkapelle Rotenberg. Dazu gibt es noch 120 Einzelobjekte wie die Polizei, Ministerien, die JVA Stammheim und das Polizeipräsidium sowie das LKA.