Eigentlich wollte die Wilhelmshilfe an ihrem Stammsitz in der Göppinger Hohenstaufenstraße den großen Wurf angehen: den Komplex in zwei Bauabschnitten völlig neu gestalten, das bestehende Pflegeheim abreißen und neu errichten, dazu einige angegliederte Appartements für Senioren schaffen. Nun wird der Träger vieler Altenhilfeeinrichtungen im Kreis Göppingen angesichts von Entwicklungen auf dem Baumarkt abspecken.
Die Verkleinerung des Vorhabens bestätigte Matthias Bär, der Vorsitzende des Vorstands bei der Wilhelmshilfe: „Die Baupreis- und Energiepreisentwicklungen, der Wegfall der KfW-Förderung sowie die Zinssteigerungen haben uns gezwungen, Umplanungen vorzunehmen und den Baukörper deutlich zu verkleinern“, erklärt er. Trotzdem solle „im ersten Bauabschnitt ein auf Dauer voll funktionsfähiges Pflegeheim mit Tagespflege und einem speziellen Wohnbereich für Menschen mit Demenz erstellt werden“. Den zweiten Bauabschnitt werde die Wilhelmshilfe komplett verschieben: Das Vorhaben werde „zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt“.
Verzichtet werden soll auch auf die Appartements, die im westlichen Teil des Grundstücks in der Nähe der Villa Butz geplant waren. Dadurch vergrößert sich der Abstand zwischen dem Wilhelmshilfe-Neubau und dem von dem Haus der Familie genutzten Baudenkmal Villa Butz in der Mörikestraße. Das ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil dieser Abstand und die Inanspruchnahme von Grünflächen, die einst dem Garten der Villa zugeordnet waren, in dem langwierigen Bebauungsplanverfahren der kritischste Punkt waren.
Dieser Konflikt ist nun offenbar entschärft, wie auch die Göppinger Stadtverwaltung bestätigt: „Ein Gespräch am Tisch der Baubürgermeisterin hat aufgezeigt, dass durch das deutlich geringer gewordene Gebäudeteil der Wilhelmshilfe in westlicher Richtung auch deutlich weniger Fläche des Gartens der Villa Butz wegfallen wird, wenn die Erweiterung gebaut wird: Statt bisher 500 Quadratmeter sind es jetzt nach Plan nur noch 130 Quadratmeter“, heißt es dazu aus dem Rathaus.
Das Baugesuch liegt seit drei Monaten bei der Stadt
Als Ersatz habe die Stadt auf der anderen Gebäudeseite der Villa von der Agentur für Arbeit eine Rasenfläche mit 300 Quadratmeter dazu gepachtet, erklärt die Verwaltung. Fazit: „So wird die Villa Butz anschließend ein größeres Freiflächenangebot haben. Nach den Baumaßnahmen werden die Freiflächen auch qualitativ überarbeitet.“
Das Baugesuch für das einst auf 30 Millionen Euro veranschlagte und nun verkleinerte Pflegeheim-Projekt liegt seit drei Monaten bei der Stadt, die Genehmigung werde aber auf mindestens vier bis sechs Monate veranschlagt, schätzt Matthias Bär. Dabei wollte die Wilhelmshilfe als größter Träger von Altenhilfe im ganzen Landkreis ihr Vorhaben eigentlich in diesem Sommer beginnen. Nun werden die Bauarbeiter frühestens im Frühling 2024 anrücken, so die Kalkulation des Vorstandsvorsitzenden. Dabei sei die Wilhelmshilfe nach wie vor unter Zeitdruck, denn die Stationen in dem zwischen den 1950er- und 1990er Jahren errichteten Pflegeheim mit derzeit gut 100 Plätzen entsprechen nicht mehr den Vorgaben. Die Heimaufsicht sitzt dem Träger im Nacken. Matthias Bär: „Wir sind im Austausch mit der Heimaufsicht. Die von uns nicht beeinflussbaren Verzögerungen im Ablauf der Planungen können von der Heimaufsicht nachvollzogen werden. Allerdings mussten wir Anträge auf Verlängerung der Übergangsfrist stellen, diese wurden genehmigt.“
Wilhelmshilfe unter Zeitdruck
Durch den späteren Baubeginn der Wilhelmshilfe hat die Stadtverwaltung nun etwas weniger Zeitdruck. Denn bevor die Wilhelmshilfe mit dem Bauen beginnen kann, müssen Probleme mit Kanälen und Fundamenten der Villa Butz behoben sein. „Momentan finden an der Villa Butz aufwendige Kanalsanierungsarbeiten statt, welche im Vorfeld der Baugrundsanierung durchgeführt werden müssen“, erklärt die Verwaltung. Die Stadt hatte die Villa Butz vor wenigen Jahren von der Wilhelmshilfe zurückgekauft, dabei aber Teile des Grundstücks nicht mit übernommen.
Scharfe Debatten und eine Petition
Pläne
Die ersten Überlegungen der Wilhelmshilfe, das Pflegeheim am Hauptsitz in er Hohenstaufenstraße neu zu bauen, wurden 2019 bekannt. Das Gebäude sollte etwa 100 Pflegeplätze und 27 pflegenahe Appartements umfassen. Avisierter Baubeginn: Anfang 2021.
Kritik
Zunächst wurde das Bebauungsplanverfahren recht geräuschlos vorangetrieben. Doch vor zwei Jahren gerieten vor allem die Nähe zum Baudenkmal Villa Butz und der Flächenverbrauch in die Kritik. Die Villa befindet sich in der benachbarten Mörikestraße.
Scharmützel
Es folgte ein kontroverses Verfahren im gespaltenen Gemeinderat und eine letztlich erfolglose öffentliche Petition für den Erhalt des Gartens am Haus der Familie, bevor der Gemeinderat im Juni 2022 den Weg für das Bauvorhaben frei machte.