Willy Brandts Versöhnungsgeste vor 50 Jahren Ein Kniefall vor der Geschichte

Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 7. Dezmeber 1970 vor dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. Foto: Sven Simon

Vor 50 Jahren hat der sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau den Opfern des NS-Regimes seinen Respekt bezeugt. Seine unerwartete und damals umstrittene Versöhnungsgeste wurde zu einer historischen Ikone.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Sieben Minuten. Mehr sind im Protokoll dieses denkwürdigen Staatsbesuchs für den denkwürdigsten Auftritt nicht vorgesehen. Ursprünglich war dieser Auftritt überhaupt nicht vorgesehen. Er habe von der deutschen Regierung gegen den Willen der Gastgeber „regelrecht durchgeboxt werden“ müssen, schreibt der Historiker Michael Wolffsohn. Bundeskanzler Willy Brandt hatte jedoch darauf bestanden, bei seiner Visite in Polen heute vor 50 Jahren am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos einen Kranz niederzulegen.

 

Im Drehbuch der heiklen Reise ist für den unwillkommenen Abstecher ein Zeitfenster von 9.37 bis 9.42 Uhr reserviert. Diese Minuten sind zu einem historischen Moment geronnen, die Bilder zu einer Ikone deutscher Geschichte. „Plötzlich wurde es ganz still“, so erzählte es Egon Bahr, damals Staatssekretär, Brandts Vertrauter, der ihn nach Warschau begleitet hatte. Er habe zunächst gar nichts sehen können wegen der vielen Fotografen und Kameraleute. Als der Kopf des Kanzlers hinter der Menschenwand verschwand, dachten manche Beobachter schon, Brandt sei gestürzt oder gar einem Attentat zum Opfer gefallen. Da drehte sich einer sich um und flüsterte: „Er kniet.“

„Ein unvorstellbarer Augenblick“

„Ein unerhörter Vorgang, ein unvorstellbarer Augenblick“, so erinnerte sich Richard von Weizsäcker, der spätere Bundespräsident. „Wer hätte gedacht, dass man in so kurzer Zeit Geschichte neu schreiben könnte?“ sagte Mieczyslaw Tomala, einer der Überlebenden des Ghetto-Aufstandes im Jahre 1943. Das Monument, vor dem Brandt niederkniete, erinnert an hunderttausende Juden, die von dort aus in Vernichtungslager deportiert worden sind. 12 000 kamen während der Kämpfe gegen die Schergen der Nazis ums Leben. 70 000 wurden erschossen, als die SS den Aufstand niedergeschlagen hatte.

Doch wem galt der Kniefall eigentlich? Darüber rätseln Historiker bis heute. Manche werten ihn als eher randständiges Ereignis, erwähnen ihn nur beiläufig. Gregor Schöllgen zufolge, immerhin Mitherausgeber des Nachlasses von Willy Brandt, hatte die Geste „längst nicht die Bedeutung, die ihr heute zugemessen wird“. Brandts Gastgeber waren vor allem irritiert. In offiziellen Kreisen herrschte die Ansicht vor, der Staatsgast hätte besser an anderer Stelle niederknien sollen, um deutlich zu machen, dass er damit allein Polens Opfer im Kampf gegen die Nationalsozialisten habe ehren wollen. Die moskautreuen Kommunisten, ohnehin nicht besonders judenfreundlich, befürchteten zudem, die Demutsgeste gefährde das Feindbild vom aggressiven Westen.

„Deutschland tobte, und Polen schwieg“

Mit diesem Feindbild wollte sich Brandt nicht abfinden. Seine Reise diente einem Zweck, den der SPD-Kanzler schon in seiner ersten Regierungserklärung am 28. Oktober 1969 umrissen hatte: Er strebte Verständigung mit den Völkern jenseits des Eisernen Vorhangs an, „damit die Folgen des Unheils überwunden werden können, das eine verbrecherische Clique über Europa gebracht hat“. Brandt wollte in diesem Sinne einen „Wandel durch Annäherung“. Das war das Ziel seiner neuen Ostpolitik, welche die Erstarrung in den Lagern des Kalten Krieges zu überwinden suchte. Nach einer Visite in Moskau ging es in Warschau darum, mit dem zweiten der sogenannten Ostverträge die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze anzuerkennen – was in Deutschland höchst umstritten war, vor allem in der Union und unter den Vertriebenen.

Brandts Kniefall, so der Historiker Heinrich August Winkler, wurde „mehr beachtet als alle Ansprachen und diplomatischen Vereinbarungen“. Nicht jedoch am Ort des Geschehens. Das polnischen Staatsfernsehen zeigte die Bilder des knienden Kanzlers nur kurz in den Nachrichten. Die meisten der in Warschau erscheinenden Blätter druckten sie nicht. Nur die Tageszeitung „Zycie Warszawy“ würdigte, wie tief bewegt der Gast aus Deutschland gewesen sei. „Das polnische Volk weiß diese menschlichen Gefühle zu würdigen.“ Winklers Kollege Wolffsohn fasst die Reaktionen jedoch so zusammen: „Deutschland tobte, und Polen schwieg.“

„Woher wissen die Schweine, vor wem ich gekniet habe?“

„Wenn dieser Mann nun niederkniet“, war im „Spiegel“ zu lesen, „so kniet er nicht um seinetwillen.“ Brandt, „der das nicht nötig hat“, sei niedergekniet „für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien“. Er habe sich zu einer Schuld bekannt, „die er selbst nicht zu tragen hat und bittet um eine Vergebung, derer er selbst nicht bedarf“. 48 Prozent der Deutschen waren aber der Meinung, die Geste des Kanzlers sei übertrieben, 41 Prozent hielten sie für angemessen. Der konservative Journalist Gerhard Löwenthal, Moderator des wegen seiner unversöhnlich antikommunistischen Stoßrichtung berüchtigten ZDF-Magazin, befand, der Kanzler hätte sich nicht auf die Knie herablassen dürfen. Das sei „zu unterwürfig“.

„Dieses katholische Volk weiß, dass man nur vor Gott kniet“, kommentierte Peter Boenisch, damals Chefredakteur der Zeitung mit den schwärzesten Buchstaben. „Und da kommt ein vermutlich aus der Kirche ausgetretener Sozialist aus dem Westen und beugt die Knie. Das rührt das Volk. Aber rührt es auch die Opfer des Stalinismus?“ Brandt ließen solche gehässigen Zwischenrufe nicht unbeeindruckt. In einem vertraulichen Gespräch mit dem aus Württemberg stammenden Sozialdemokraten Erhard Eppler machte er seinem Ärger Luft: „Woher wissen diese Schweine, vor wem ich gekniet habe?“

„Von der Situation überwältigt“

War seine Geste eine spontane Reaktion oder geschichtspolitische Inszenierung? Bis in die Gegenwart bleibt das umstritten. Wolf Biermann, damals noch DDR-Bürger, hat den Kniefall als „kalkuliertes Theater“ erlebt. Brandts Vordenker der Ostpolitik, Egon Bahr, sprach von einer „Eingebung des Augenblicks“. Walter Scheel, als Außenminister seinerzeit Augenzeuge, versicherte, es habe sich um einen ungeplanten Akt gehandelt. „Willy Brandt war einfach vor der Situation überwältigt.“ Der Kanzler selbst sagte: „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“ Er habe darauf vertrauen müssen, „dass es genügend Menschen geben würde, die es richtig verständen“.

Die Schatten der Geschichte und Schemen künftiger Entwicklungen lagen in jenem Moment dicht beieinander. Gerade einmal zwei Jahre vor Brandts Besuch in Warschau war sein Amtsvorgänger Kurt Georg Kiesinger wegen dessen Nazi-Vergangenheit öffentlich geohrfeigt worden. „Zwanzig Jahre lang blieb Brandts Kniefall eine einsame Geste“, schreibt der polnische Publizist Adam Krzeminski, ein Augenzeuge, in der aktuellen „Zeit“. Nach der Wende von 1989 sei diese Geste zum Modell geworden „für ein Zeitalter der kritischen Selbstbetrachtung, der Schuldbekenntnisse, der Dialoge einstiger Erbfeinde und der Versöhnungsgesten“.

„Für das Ansehen der Deutschen mehr getan als viele Regierungen zusammen“

Der spätere Bundespräsident Scheel befand, Brandt habe mit seiner Demut „für das Ansehen der Deutschen in der Welt mehr getan als viele Regierungen zusammen“. Scheels präsidialer Nachfolger von Weizsäcker war gar der Ansicht, Brandt habe mit dem Kniefall überhaupt erst den Weg bereitet für eine Erweiterung der Europäischen Union nach Osten.

Der Schriftsteller Navid Kermani beschrieb seine Eindrücke von jenem Auftritt, der eigentlich gar nicht stattfinden und dann in sieben Minuten absolviert sein sollte, in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag so: „Wenn ich einen einzelnen Tag, ein einzelnes Ereignis, eine einzige Geste benennen wollte, für die in der deutschen Nachkriegsgeschichte das Wort ,Würde’ angezeigt schien, dann war es der Kniefall in Warschau.“

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