Wim Wenders wird 75 Stille Männer, weite Fernen

Wim Wenders, hier im Jahr 2005 am Filmset Foto: imago images/Mary Evans

Wim Wenders, der deutsche Filmregisseur von Weltgeltung, wird an diesem Freitag 75 Jahre alt. Seine Filme spiegeln verblüffend auch seine eigene Seelenbefindlichkeit wieder.

Stuttgart - Sitzen zwei Engel in einem BMW Cabriolet und denken über das Leben nach! – So geht kein ausgefallener Witz, sondern eine Szene aus Wim Wenders´ Kultromanze „Der Himmel über Berlin“ aus dem Jahr 1987. Das elegische Großstadt-Märchen über die Liebe eines Himmelsboten zu einer Trapez-Artistin gehört womöglich zu den weltweit bekanntesten Werken des deutschen Autorenfilmers, der an diesem Freitag seinen 75. Geburtstag feiert. In Tokio, erzählte Wenders 2009 in einem Interview, hätte er in einem Kino erlebt, wie sich ausschließlich Frauen den Film ansahen. Die Japanerinnen wussten wohl zu schätzen, dass sie die männlichen Engel in der Rolle der Zuhörenden erlebten. Ein bei japanischen Gatten offenbar selteneres Benehmen.

 

Es ist vielleicht jene tröstende Ruhe, die gerade diesen Film so wirkungsvoll gemacht hat – für ein deutsches Stück Kino keine Selbstverständlichkeit. Der Aufstieg des 1945 in Düsseldorf geborenen Regisseurs und Fotografen aus der kleinen Elite hiesiger Filmemacher zum international beachteten Kinoautor klingt selbst geradezu leinwandreif. Als nicht gerade glücklich beschreibt Wenders in Marcel Wehns Doku „Von einem der auszog“ (2008) seine Jugend im gutbürgerlichen Elternhaus. Der Vater, ein Chirurg, arbeitet ab 1960 in Oberhausen als Chefarzt. Die Ehe der Eltern ist schwierig, die kränkelnde Mutter spricht wenig mit ihren Söhnen Wim und dem jüngeren Klaus, der 1989 an einem Hirntumor stirbt. Bis zum 15. Lebensjahr war Wim in der grünen Idylle von Düsseldorf aufgewachsen, Oberhausen erlebt er nun als düsteren Un-Ort mit giftig-gelb gefärbtem Himmel. Während sich die Mutter an den Rhein zurücksehnt, erkundet der Teenager die Industrielandschaft fotografisch und findet Gefallen daran.

Ein Faible für die Weite

Das Interesse an kargen, sogar lebensfeindlichen Orten zeigt sich in vielen Wenders-Filmen; seine Landschaften sind staubig, weit und leer, mit nur einzelnen, verlorenen Menschen darin. Das häufig wiederkehrende Thema des Verlorenseins und der Suche nach Zugehörigkeit ist möglicherweise ein Resultat der katholischen Erziehung zuhause. Der Junge liebäugelt sogar mit der Berufung zum Priester, verwirft den Plan aber aufgrund seiner Liebe zum Rock’n’ Roll, der ebenfalls prägend sein wird für Sound und Atmosphäre seiner Filme.

Der Abiturient schreibt sich fürs Medizinstudium ein, weil er aufschaut zum Vater. Lange hält der Student aber nicht durch. 1966 geht Wenders nach Paris, will Maler werden. In seiner Freizeit guckt er sich in der Cinématèque française quer durch die Filmgeschichte. Das Wissen bestärkt ihn, selbst Regisseur zu werden. An der Pariser Filmschmiede IDHEC wird er noch abgelehnt, dafür schafft er es 1967 an die frisch gegründete Hochschule für Fernsehen und Film in München.

Ein Leben wie ein Drehbuch

In Frankreich und den USA gilt das Kino schon als Kunstform, in Deutschland dominieren nach dem Dritten Reich dagegen Heimatschnulzen und brave Krimis die Leinwände und Bildschirme. Und auch die Ausbildungsgänge für den von faschistischer Kulturpraxis unbelasteten Nachwuchs sind rar. Wenders schildert das Studium als gute Zeit, obwohl der Praxisanteil noch gering ist und die Studierenden kaum auf das Geschäft vorbereitet werden. So entsteht aber auch ein Freiraum, um eigene Erzähl- und Darstellungsformen auszuprobieren und in der vom Faschismus verwüsteten Kulturlandschaft neue Impulse zu setzen. So erproben Edgar Reitz, Hans-Jürgen Syberberg, Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder und eben auch Wim Wenders ihre Wege zum sogenannten Neuen Deutschen Film.

Wenders ist fasziniert von den starken Bildern aus dem Ausland und lässt sich besonders von der amerikanischen Popkultur inspirieren. 1970 dreht er seine Abschlussarbeit „Summer in the City“, ein Roadmovie über einen Typen auf der Flucht vor seiner kriminellen Vergangenheit. Trotzdem betrachtet er den 1972 auf Peter Handkes gleichnamigem Roman beruhenden „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ als seinen ersten richtigen Spielfilm. Wenders, der Handke noch in Oberhausen kennen gelernt hat, hält sich eng an die Vorlage des Freundes. Unterkühlt schildert er die Geschichte über einen Torwart, der aus Langeweile eine Frau erdrosselt. „Moralische und ethische Forderungen hab ich nur an mich selbst“, sagte Wenders einmal. „Das ist vielleicht auch ein Manko meiner Filme, dass ich überhaupt kein Interesse habe an Negativfiguren.“ Die Figurenpsychologie gehört auch später nicht zu seinen Stärken.

Selbst Kritik klingt freundlich

Mit seinen stilisierten, dabei handlungsarmen Erzählungen erreicht Wenders bald viele Fans, doch es gibt auch Kritiker, die dem epischen Fluss von Filmen wie dem dreistündigen „Im Lauf der Zeit“ (1976) nur wenig abgewinnen können. Eine Rezensentin schreibt augenrollend: „Wie anstrengend, Männern zuzusehen, die dauernd so tun, als ob sie ‚natürlich‘ sind. Das tut richtig weh. Aus diesem Grund empfehle ich, den Film für Jugendliche unter Dreißig nicht zuzulassen.“

Vom Temperament her ist Wenders seinen Protagonisten wie dem einsamen Wolf Travis in „Paris, Texas“ nicht unähnlich, gilt selbst als großer Schweigender. Damit soll er nicht nur den kaum redseligeren Peter Handke irritiert haben, sondern auch frühere Lebensgefährtinnen.

Wenders’ Nimbus als intellektuellem Bildermagier tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. Und seine Frau Donata weiß die berühmt-berüchtigte Einsilbigkeit ihres Gatten zu nehmen. Soviel ist jedenfalls beim Blick auf das üppige Werk des Augenmenschen sicher: Ein deutsches Kino ohne Wim Wenders ist undenkbar.

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