Windkraft im Schurwald Lahme Flügel oder Beitrag zur Klimawende?
Die Bürgerinitiative Pro Schurwald kritisiert die Stromerzeugung der Windräder auf dem Schurwald als zu gering. Der Betreiber EnBW ist dagegen mit dem Standort zufrieden.
Die Bürgerinitiative Pro Schurwald kritisiert die Stromerzeugung der Windräder auf dem Schurwald als zu gering. Der Betreiber EnBW ist dagegen mit dem Standort zufrieden.
Es ist kein Geheimnis, dass die Propeller häufig still stehen. Die Rede ist von den drei Windkraftanlagen, die die EnBW seit 2017 auf dem Schurwald im Windpark Goldboden-Winterbach (Rems-Murr-Kreis) betreibt. Seit Jahren werden die Anlagen des Typs Nordex N 131 – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kreis Esslingen gelegen – von Anwohnern und einer Bürgerinitiative beobachtet. Die Gruppierung Pro Schurwald bezeichnet den Standort inzwischen als „Windpark Lahmer Flügel“. Der Betreiber EnBW sieht das anders.
Auch momentan stehen die Propeller in 164 Meter Nabenhöhe still – und das schon seit dem 26. Februar. Der Grund sind technische Probleme. Deren genaue Ursache stehe noch nicht fest, sagt die EnBW-Sprecherin Dagmar Jordan, doch man vermute einen Zusammenhang mit dem Stromausfall bei den Remstalwerken, von dem Teile Winterbachs unlängst betroffen waren. Es werde noch einige Tage dauern, bis Bauteile an der Übergabestation ausgetauscht und die Kabel vom Netzbetreiber überprüft worden seien.
Das Thema Stillstand der drei Windkraftanlagen dient genauso als Zankapfel wie die grundsätzliche Frage, wie gut sich der Standort überhaupt für die Stromgewinnung eignet. In ihrer jüngsten Stellungnahme erklärt die Bürgerinitiative Pro Schurwald: „Der Windkraftstandort WN-34 Goldboden verfehlt die Planung nachhaltig.“ Begründet wird dies mit der Analyse von Daten, die die EnBW-App geliefert habe. Diese Daten ermöglichen es, die monatlichen und jährlichen Erträge der Anlage zu ermitteln. Anschauen können die Ergebnisse alle, die die kostenlose App E-Cockpit herunterladen.
Die Gruppe hat die Stromausbeute des Windparks unter die Lupe genommen und sie mit den Planungen des Betreibers EnBW sowie dem Windatlas des Landes von 2019 verglichen. Nach den Plänen der EnBW sollten am Goldboden 25 Gigawattstunden Strom pro Jahr erzeugt werden, so die Bürgerinitiative. Ein Ertragsziel, das sich beim Blick auf die Projektdetails, die die EnBW zum Windpark veröffentlicht hat, bestätigt.
Hier ist von insgesamt 7500 Haushalten die Rede, die die drei Anlagen rechnerisch versorgen können. Legt man einen Drei-Personenhaushalt mit einem durchschnittlichen Stromverbrauch von 3500 Kilowattstunden pro Jahr zugrunde, müssten die Anlagen gut 26 000 Megawattstunden produzieren. Das ist bisher deutlich verfehlt worden. Das zeigen die Werte, die sowohl die EnBW als auch die Bürgerinitiative für die vergangenen drei Jahre melden – und die fast bis aufs Komma übereinstimmen.
Demnach wurden 2019 und 2020 je rund 19,7 Gigawattstunden sowie im vergangenen Jahr 17,7 Gigawattstunden Strom gewonnen. Für die überdurchschnittlichen Windjahre 2019 und 2020 stellt die Bürgerinitiative ein Minus von 21 bis 29 Prozent fest und folgert: „Wenn in Rekordwindjahren die Planung so deutlich verfehlt wird, muss von einer Fehlplanung ausgegangen werden.“ WN-34 Goldboden werde zum „Windpark Lahmer Flügel“.
Und weiter heißt es, die schlechte Leistung des Windkraftstandortes Goldboden zeige, dass der windschwache Schurwald für die Windkraft ungeeignet sei. Der niedrige Stromertrag stehe in keinem Verhältnis zu den Beeinträchtigungen und Nachteilen, die die Anlagen für Landschaft, Natur und Menschen bedeuteten. Die Windräder am Goldboden hätten nie genehmigt werden dürfen.
Diese Bewertung teilt die EnBW nicht und erklärt stattdessen: „Die EnBW ist mit dem Windparkstandort Winterbach nach wie vor zufrieden. Wichtig sind hier die Langfristbetrachtungen über die Laufzeit von 25 Jahren.“ Bei dem Ertrag handle es sich um „nachhaltig erzeugte Strommengen, die letztendlich auch zur Netzstabilität in der Region beitragen.“ Das Windangebot der vergangenen Jahre im Südwesten Deutschlands sei allerdings „leider unterdurchschnittlich“. Und 2021 sei über ganz Deutschland gesehen ein schlechtes Windjahr gewesen. Damit verbundene Stillstände seien bei der Wirtschaftlichkeitsberechnung aber mit eingerechnet worden.
Die EnBW-Sprecherin Dagmar Jordan erinnert an die Ziele der Klimawende, die gesellschaftlich breiten Konsens fänden, und ergänzt: „Jede Kilowattstunde, die CO2-frei erzeugt wird, ist sinnvoll.“ Dagegen würden bei der konventionellen Erzeugung einer Kilowattstunde Strom rund 400 Gramm Kohlendioxid ausgestoßen. Die Entlastung der Umwelt vom klimaschädlichen CO2 durch den Windpark Goldboden beziffert die EnBW in den vergangenen drei Jahren auf 7000 bis 7900 Tonnen pro Jahr. Um diese Menge zu binden, bräuchte es im Gegenzug den Einsatz von rund 790 000 Bäumen jährlich.
Die Bürgerinitiative Pro Schurwald führt auch die Anzahl der Flautetage als Argument gegen den Windpark ins Feld. Demnach soll im vergangenen Jahr an 180 Tagen am Goldboden Flaute geherrscht haben, wobei Flaute bedeute, die erbrachte Leistung habe weniger als zehn Prozent der Nennleistung erbracht. An 48 Tagen habe sogar totale Windstille geherrscht. Stillstand sei somit „der häufigste Betriebszustand der Wind-Industrieanlagen am Goldboden“. Zur Zahl der Stillstand-Tage will sich die EnBW aus Wettbewerbsgründen nicht äußern. Sie listet aber – nach Häufigkeit – Gründe für Stillstand auf: Fledermausschutz, Schattenwurf, Eisansatz oder Schallschutz, negative Strompreise, Wartungsarbeiten sowie Vorsorge bei hoher Einspeiseleistung, Netzüberlastung sowie zu viel oder zu wenig Wind.
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Windrad
Typ Nordex N131 mit einer Nabenhöhe von 164 Metern, einem Rotordurchmesser von 131 Metern und einer Leistung von jeweils 3,3 Megawatt. Für die Netzanbindung des Windparks sorgen fünf Kilometer lange 30 000-Volt-Erdkabel, die den Windpark mit dem Netzverknüpfungspunkt in der Gemeinde Winterbach verbinden. Mit ihrer Leistung von je 3300 Kilowatt können rechnerisch rund 7500 Haushalte versorgt werden
Nachbarschaft Für den benachbarten Standort Sümpflesberg bei Ebersbach (Kreis Göppingen) läuft ein Genehmigungsantrag für zwei Wind-Industrieanlagen. Das Regierungspräsidium Stuttgart hat eine Ausnahme vom Regionalen Grünzug (Zielabweichungsverfahren) gestattet. Obwohl der Standort im Landschaftsschutzgebiet liegt, will das Landratsamt Göppingen keine Umweltverträglichkeitsprüfung durchführen. Hier überwiege das öffentliche Interesse an der Windenergienutzung lautet die Begründung.