Windkraft in Baden-Württemberg Mit Kameras gegen den Vogeltod

Die Doppelkameras knapp über dem Eingang zum Windradturm überwachen den Luftraum. Markus Pubantz hat das System entwickelt. Foto: Thomas Faltin

Viele Windräder werden nicht genehmigt oder müssen zeitweise abgeschaltet werden, um Greifvögel zu schützen. Markus Pubantz hat ein Kamerasystem entwickelt, das Schlagopfer verhindern soll – dabei ist er zu einer überraschenden Erkenntnis gelangt.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Manchmal entstehen aus der Not heraus die besten Ideen. Mehrere Windradprojekte waren Markus Pubantz „verhungert“, wie er sagt, weil unter anderem der Artenschutz zum Problem geworden war. Und zwei bestehende Anlagen mussten mehrere Monate lang abgeschaltet bleiben wegen Klagen einer Bürgerinitiative. Da kam Pubantz, der der Geschäftsführer der Bürgerwindpark Hohenlohe GmbH mit derzeit 23 Windrädern ist, der Geistesblitz, ein System zu erfinden, das anfliegende Vögel vor den Rotoren schützt. „Wir hatten Zeit und Not“, sagt der 47-Jährige zu seinem Antrieb.

 

Noch ist sein System namens Birdvision nicht auf dem Markt, aber fertig ist es. Es funktioniert so: An einem Windrad werden in sieben Meter Höhe rund um den Turm zwölf Weitwinkelkameras angebracht. Diese Kameras erkennen im Umkreis von 500 Metern anfliegende Rotmilane oder Turmfalken, indem sie die realen Silhouetten mit Hunderttausenden von gespeicherten Fotos vergleichen. Unterschreitet ein Vogel einen 200-Meter-Radius, schaltet das Windrad automatisch ab. Ein riesiges Problem war lange, dass die Kameras nicht unterscheiden konnten, ob das Objekt ein Flugzeug in 10 000 Meter oder ein Insekt in einem Meter Entfernung war. Deshalb wurden die Kameras immer im Doppel angebracht, damit wie bei den menschlichen Augen ein räumliches Sehen möglich wird.

Kamerasysteme kosten deutliche sechsstellige Summe

Für die fünf Windräder bei Weißbach (Hohenlohekreis), die fast 10 000 Haushalte mit Strom versorgen und die 240 Bürgern gehören, hat das Landratsamt das Kamerasystem genehmigt, Biologen prüfen aber parallel noch möglichen Vogelschlag durch Begehungen. Auch die Bundesregierung hat diese Antikollisionssysteme, so der offizielle Name, jüngst in das Naturschutzgesetz aufgenommen – bisher sei ihre Wirksamkeit aber nur für den Rotmilan belegt, heißt es im Gesetz. Für andere Vogelarten könne es dennoch in Betracht kommen, wenn eine „Erfolgskontrolle“ stattfinde. Übrigens: 15 Arten sieht das Gesetz als „kollisionsgefährdet“ an, darunter auch den Weißstorch und den Uhu.

Tatsächlich könnten die Kameras am Ende nicht nur die Vögel vor dem tödlichen Rotorenschlag bewahren, sondern auch den Windkraftausbau beschleunigen und zudem den Windradbetreibern nutzen. Denn bisher müssen sie Anlagen oft abschalten, etwa wenn Landwirte in der Nähe Mist ausbringen, was Mäuse und deshalb Greifvögel anzieht. So kommt es zu Mindereinnahmen von einem bis zu fünf Prozent im Jahr, in Extremfällen bis zu 20 Prozent. Werden die Windräder durch die Kameras ganz gezielt gestoppt, stehen sie seltener still. Die Kosten von bis zu einer halben Million Euro (eine Anlage kann vier bis fünf Windräder überwachen) könnten sich so schnell rechnen.

In Weißbach wurden keine Kollisionen beobachtet

Das Kuriose an der Sache ist nun aber: Markus Pubantz ist überzeugt, dass er ein System entwickelt hat, das man eigentlich gar nicht braucht. „Eine Kollegin schaut sich jeden Tag die Videos an, die das System aufnimmt – in vier Jahren hatten wir keine einzige Gefährdungssituation“, sagt Pubantz. Die Vögel hätten vielmehr gelernt, mit den Windrädern zu leben. So lebe ein Rotmilan seit acht Jahren in der Nähe und brüte jedes Jahr: „Es geht ihm gut hier.“ Bedauerliche Einzelfälle gebe es zwar: „Aber wir sperren doch wegen eines Unfalls auch nicht über Monate eine Straße.“

Das Kollisionsrisiko beurteilen andere Stellen allerdings ganz anders. In der offiziellen Schlagopferdatei der Staatlichen Vogelschutzwarte in Brandenburg wurden seit 2002 exakt 4799 Tiere für ganz Deutschland aufgenommen, darunter 199 in Baden-Württemberg. Das erscheint wenig, doch handele es sich um Zufallsfunde, betont die Vogelschutzwarte, die reale Zahl liege viel höher. Der Naturschutzbund schätzt die Zahl ganz grob auf zwischen 10 000 und 100 000 Tieren pro Jahr. Die Progress-Studie sah 2016 vor allem ein Risiko für Mäusebussard und Rotmilan. Und eine Analyse des Dachverbands Deutscher Avifaunisten kam 2019 zu dem Ergebnis, dass dort, wo viele Windräder stehen, die Rotmilanbestände zurückgehen, während sie anderswo wachsen.

Auch Radarsysteme gegen Vogelschlag werden getestet

Wie auch immer: Markus Pubantz bekommt Anfragen aus aller Welt, muss derzeit aber noch alle vertrösten. Auch andere Anbieter stehen in den Startlöchern. Bei dem US-System Identiflight stehen die Kameras auf einem eigenen Pfosten in etwa zehn Metern Höhe. Der Endbericht zur Wirksamkeit für den deutschen Markt zog vor einem Jahr das Fazit, dass es sich um ein „sehr effizientes Antikollisionssystem“ handle. Auch ein Windkraftstandort bei Geislingen/Steige war untersucht worden – dort wurden laut dem Bericht 97,5 Prozent der Vögel korrekt identifiziert. Laut Maria Rohde vom Projektmanagement soll der Vertrieb im März 2023 beginnen.

Und gerade erst hat die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswald die Feldphase eines Projektes abgeschlossen, bei dem ein Kamera- sowie ein Radarsystem untersucht wurden. Die Ergebnisse würden im März erwartet, sagt Projektleiter Siegfried Rieger.

Die Kameras helfen Fledermäusen nicht

Zwei Punkte sind Markus Pubantz übrigens noch wichtig, um falschen Schlüssen vorzubeugen. Erstens sei nicht der Artenschutz das größte Hindernis für den Ausbau der Windkraft – ganz vorne stünden die fehlenden Flächen und die gewaltige Bürokratie. Die Ankündigung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), die Genehmigungszeit für Windkraftanlagen zu halbieren, klingt für ihn hohl – derzeit dauere es eher länger als kürzer.

Zweitens räumt Pubantz ein, dass Fledermäuse – im Gegensatz zu Vögeln – tatsächlich durch die Rotoren gefährdet seien. Leider nutzen seine Kameras nichts, um diese Tiere vor dem Schreddern zu bewahren. Denn Fledermäuse fliegen in der Dämmerung und nachts.

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