Klimaschutz und spätestens die durch Putins Angriffskrieg in der Ukraine ausgelöste Energiekrise haben die Dringlichkeit beim Ausbau erneuerbarer Energien unterstrichen. Dazu will auch die Gemeinde Böhmenkirch ihren Beitrag leisten: Jetzt hat der Gemeinderat dem Bau eines Windparks im Ochsenhau zugestimmt. Auf einer Fläche von 232 Hektar des ausgedehnten Waldgebiets, das der Kommune gehört, wollen der schwedische Energiekonzern Vattenfall und die Geislinger Albwerk (AEW) insgesamt neun Windkraftanlagen errichten. Bis in sechs Jahren sollen die rund 250 bis 270 Meter hohen Anlagen stehen, die mit einer Leistung von jeweils 6 bis 7 Megawatt (MW) insgesamt 135 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugen sollen, was rein rechnerisch den Bedarf von 42 300 Haushalten decken würde.
„Wir sind eine durch Windkraft bereits hochbelastete Region - aber der Zubau ist notwendig“, erinnerte Gemeinderat Philipp Elwert an das mit der Energiewende von der Landesregierung vorgegebene Ziel, wonach bis 2032 mindestens 1,8 Prozent der Landesfläche für Windkraft zur Verfügung stehen müssen. Das Waldgebiet im Ochsenhau hat der Gemeinderat Elwert zufolge bewusst ausgesucht: Zum einen sei an der östlichen Markungsgrenze die Belastung für die Bürger am geringsten, andererseits profitierten hier alle Bürger und nicht nur einige wenige von den Einnahmen, weil das Gebiet der Kommune gehöre. Ein dritter und entscheidender Punkt für Elwert, der für den als Aufsichtsratsmitglied im AEW befangenen Bürgermeister die Sitzung leitete: „Wir wollen den Ochsenhau für Windkraft nutzen, auch um andere Gebiete zu schützen.“
Vorgaben des Landes sind bereits heute erfüllt
Bauamtsleiterin Elke Ihring erläuterte warum: Demnach muss jede Region das 1,8-Prozent-Ziel einzeln erfüllen. Wenn das nicht erreicht werde, trete eine „Superprivilegierung“ in Kraft: „Dann können Windkraftanlagen überall gebaut werden – und das wäre fatal für uns,“ warnte Ihring. Schließlich seien dem aktuellen Windatlas zufolge ein Drittel der Markungsfläche „windhöffig“. Ihring zufolge hat die Gemeinde mit ihren beiden insgesamt 106 Hektar großen Vorranggebieten „Stöttener Berg“ und „Steinige“ das 1,8-Prozent-Ziel bereits heute mehr als erfüllt. „Allerdings kratzt der Regionalverband Stuttgart noch daran, sein Soll zu erfüllen.“
Dem Gemeinderat geht es aber nicht nur um den drohenden Wildwuchs bei Windrädern, sondern auch ums Geld. Neben der Gewerbesteuer erwartet Elwert allein aus der jährlichen Pacht Einnahmen „im hohen sechsstelligen Bereich“ und das über mindestens 20 Jahre. „Das wäre ein wichtiger Beitrag – auch angesichts der noch anstehenden Millionenprojekte. Über den Haushalt allein können wir uns das jedenfalls nicht leisten“, betonte der stellvertretende Bürgermeister.
Ob die erhofften Einnahmen tatsächlich in dieser Höhe fließen, steht auf einem anderen Blatt. „Der Ochsenhau ist EU-Vogelschutzgebiet und geschützte Vogelarten dürfen nicht beeinträchtigt werden“, gab die Bauamtsleiterin zu bedenken. Auch der zur Sitzung gekommene Vertreter der Firma Vattenfall räumte ein, dass noch völlig offen sei, ob tatsächlich „alle neun Anlagen gebaut werden“. Bis 2025 soll diese Frage durch ein entsprechendes Artenschutzgutachten geklärt sein. Bekanntlich nisten im Ochsenhau unter anderem Rauhfußkautz, Rotmilan und Hohltaube, die streng geschützt sind.
Der Vogelschutz war indessen nicht das einzige Problem, das zur Sprache kam. Nachdem sich der Gemeinderat bereits in zwei Sitzungen nichtöffentlich ausführlich mit der Thematik beschäftigt hatte, kamen nun erstmals auch die Bürger zu Wort. Und hier sind offensichtlich nicht alle begeistert: „In Söhnstetten sind ebenfalls acht bis neun Windkraftanlagen geplant. Dann ist unser ganzer Osten voller Anlagen“, warnte ein Zuhörer. Ein weiterer fürchtete, dass sich Vattenfall und AEW als Betreiber eventuell nicht an die Vorgaben halten: „Wer garantiert, dass es am Ende tatsächlich die versprochenen 1,6 Kilometer Abstand zur Bebauung sind? Und in fünf bis sechs Jahren sind eventuell auch 400 Meter hohe Anlagen technisch möglich.“ Hier müsse man keine Sorgen haben, versicherte Bauamtsleiterin Ihring. Diese Dinge seien im Rahmen des Genehmigungsverfahrens festgelegt.
Trotz mancher Skepsis einstimmiges Votum im Gemeinderat
Gemeinderat Steffen Aubele blieb dennoch skeptisch. Ihn stört vor allem, dass die Gemeinde den erforderlichen Gestattungsvertrag mit Vattenfall für die Nutzung der Fläche erst nach vier Jahren kündigen kann. Für Aubele eindeutig zu lange. „Was ist, wenn das Projekt nicht zustande kommt?“, fragte der Rat in die Runde. „Wenn Vattenfall das nicht hinbekommt, dann kriegt das keiner hin“, meinte daraufhin die Bauamtsleiterin. Nachdem Elwert darauf hingewiesen hatte, dass Vattenfall ein seriöser Partner sei, stimmte auch Aubele mit dem gesamten Gremium dem Abschluss des Pachtvertrages mit Vattenfall zu. Die Einzelheiten wurden im Anschluss dann wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt.
Weitere Vorhaben geplant
Kooperation
Der Windpark in Böhmenkirch ist nicht die einzige angestrebte Kooperation von AEW und Vattenfall mit Kommunen im Landkreis Göppingen.
Projekte
Weitere Windkraftprojekte sind unter anderem noch in Gingen, Bad Boll, Deggingen, Bad Ditzenbach, Wiesensteig, Drackenstein und Hohenstadt geplant.