Es ist kein Witz. Tatsächlich finanziert die EnBW in den nächsten Jahren den notorisch klammen Hofstaat der Königin, zumindest indirekt. Sie erhält einen erklecklichen Teil jener Riesensumme, welche der Konzern in den nächsten Jahren für einen geplanten Windpark in der Irischen See bezahlen wird. Allein für die Reservierung zweier Flächen erhält die königliche Liegenschaftsverwaltung („The Crown Estate“) aus Karlsruhe jährlich rund 250 Millionen Euro, im günstigsten Fall über vier Jahre eine Milliarde, im für die EnBW schlechtesten Fall über zehn Jahre 2,5 Milliarden Euro. Das ist das Ergebnis einer Auktion, bei der die EnBW und der britische Ölkonzern BP gemeinsam alle anderen Bieter ausgestochen haben. Von einer „riesigen Wette“ schrieben britische Zeitungen, „Die Queen knackt den Jackpot“, lautete eine Schlagzeile in der „Scottish Daily Mail“.
Ungläubige Rückfrage des Auktionators
„Elisabeth“ heißt EnBW-intern das Projekt, das mit hoher Priorität und Diskretion vorbereitet worden war. Als 50-Prozent-Partner wollen der Regionalversorger und der Ölriese zwei Offshore-Windparks mit einer Leistung von drei Gigawatt bauen. Dort soll von 2028 an der Strom für 3,4 Millionen Haushalte erzeugt werden. Die Karlsruher würden damit in eine neue Dimension vorstoßen: Das Rotorenfeld wäre mehr als dreimal größer als ihr bisher größtes geplantes, der Windpark „He Dreiht“ in der Nordsee. Jeweils drei Milliarden Euro wollen beide Partner in das Projekt investieren. Damit werde man „einen weiteren großen Beitrag für eine klimafreundliche Energiezukunft leisten“, jubiliert der EnBW-Chef Frank Mastiaux.
Anfang Februar fiel die zentrale Vorentscheidung. In einer hochkomplexen Auktion versteigerte die königliche Liegenschaftsverwaltung die Planungsrechte für mehrere Flächen westlich und östlich der Insel, darunter die beiden benachbarten in der Irischen See. Es ist der erste Schritt in einem mehrstufigen Verfahren, dem später die Genehmigung und der finale Pachtvertrag folgen. Dann erhält der britische Staat jährlich einen festen Anteil am Umsatz des Windparks.
Erfolg hatten EnBW und BP mit einem schriftlich abgegebenen Gebot, das 80 Prozent über dem Preis für die anderen Flächen lag. Es soll sogar eine ungläubige Rückfrage des Auktionators gegeben haben, ob kein Fehler vorliege. Seither sehen sich die Partner einer – womöglich von den unterlegenen Konkurrenten befeuerten – Diskussion ausgesetzt, warum sie die Meeresflächen „um jeden Preis“ haben wollten und ob sich ihr Einsatz am Ende überhaupt rechnen werde.
Reichlich Erfahrung mit Meereswindparks
Bei der EnBW gibt man sich davon fest überzeugt. In der Konzernstrategie bis 2025 seien die Erneuerbaren, besonders die Offshore-Windkraft, ein wichtiger Wachstumstreiber. Schon heute trügen die Meereswindparks zwanzig Prozent zum Ergebnis bei, in Zukunft solle es noch deutlich mehr werden. Als wichtiges Geschäftsfeld sicherten sie Jobs und Dividende, auf die das Land und der Landkreiseverbund OEW als Großaktionäre Wert legen. Von einem Abenteuer könne bei dem Engagement in Großbritannien keine Rede sein, alles sei gründlich durchgerechnet und geprüft – und vom Aufsichtsrat abgesegnet worden.
Erfahrungen bei solchen Projekten hat die EnBW reichlich, ihre rund 200 Spezialisten in Hamburg und Baden-Württemberg gelten als hochqualifiziert. In Deutschland gibt es für sie aktuell keine Chance auf neue Projekte: Die letzten Flächen wurden 2018 vergeben. Also schaute man sich im Ausland um. Großbritannien hat in der Energiepolitik ehrgeizige Ziele, Premier Boris Johnson machte sie sich persönlich zu eigen. In dem Ölkonzern BP fanden die Karlsruher zudem einen potenten Partner mit besten Verbindungen im Königreich.
„Die attraktivsten Flächen in der Auktion“
Das hohe Gebot begründet die EnBW ähnlich wie der zuständige BP-Manager: Wie bei Immobilien zählten „Lage, Lage, Lage“. Es handele sich um die attraktivsten Flächen in der Auktion: windstark, niedrige Wassertiefen, relativ nah am Festland und mit besten Voraussetzungen für Netzanschluss und Genehmigung. Die beiden benachbarten Areale böten zudem erhebliche Synergieeffekte. Gleichzeitig drohten keine größeren Risiken als bei vergleichbaren Projekten anderswo. Man rechne mit einer „sehr kurzen Genehmigungsdauer“, sagt ein EnBW-Sprecher. Das wäre wichtig, weil jedes Jahr mit rund 250 Millionen Euro „Reservierungsgebühr“ zu Buche schlägt.
Die maximal möglichen zehn Jahre will man weit unterschreiten, im besten Fall sollen vier Jahre genügen. Keinen Anlass sieht die EnBW für Sorgen, dass Großbritannien die Abläufe verzögern könnte, um den Geldfluss an die königliche Liegenschaftsverwaltung möglichst lange zu sichern. Der Obolus diene ja gerade dazu, die Auktionsgewinner zu einer möglichst raschen Realisierung anzuspornen.
Auch die Queen muss nicht bangen, dass die Deutschen zu flott sind. Ihr Anteil an den Einnahmen – der „Sovereign Grant“ – wird regelmäßig überprüft und neu festgesetzt.